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Philantropie:In der Falle der Wohltat

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Spenden für den guten Zweck: Der US-Milliardär Bill Gates bei einem Auftritt im Januar 2015 in Berlin

(Foto: AFP)

Ein paar Millionen hier, ein paar Milliarden dort: Das finanzielle Engagement von Wohltätern wie Bill Gates verdient Anerkennung. Doch oft schafft die Generosität neue, dramatische Probleme.

So weit wie sein legendärer Vorgänger wird Bill Gates vermutlich nicht gehen: "Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande", das war bekanntlich Andrew Carnegies Losung. Carnegie war, gemessen an der Kaufkraft, wohl noch reicher als heute Bill Gates, und er hielt sich an seine Maxime. Bis zu seinem Lebensende hatte er fast sein gesamtes Vermögen für gemeinnützige Zwecke gestiftet. Doch ob Gates zu einem ebenso radikalen Purismus bereit ist oder nicht, spielt keine Rolle, sein philanthropisches Engagement ist bereits jetzt überwältigend, jede Hochachtung ist angebracht.

Und er ist natürlich kein Einzelfall. Allein die von ihm und Warren Buffett vor fünf Jahren gestartete Initiative "The Giving Pledge", in der Milliardäre einander versprechen, "den Großteil ihres Vermögens der Philanthropie zu geben", umfasst inzwischen mehr als 120 superreiche Familien, die meisten davon Amerikaner. Von den 320 Milliarden Dollar, die jährlich in den USA gespendet und gestiftet werden, tragen sie den Löwenanteil.

Doch so berechtigt sich die Wohltäter Bewunderung verdienen, so groß sind auch die Probleme, die ihre finanzielle Generosität auslöst. Von den Hilfsorganisationen, deren Haushalt aus vielen kleinen Spenden beruht, unterscheiden sich ihre Stiftungen massiv. Nur die letzteren repräsentieren die Interessen und die Agenda singulärer Geldgeber, nur sie können riesige Summen beliebig lenken, wohin immer es diesen geboten erscheint. Grob gesagt sind die massenfinanzierten Nichtregierungsorganisationen einem wohldefinierten Auftrag verpflichtet, die Stiftungen einem wohldotierten Gutdünken.

Das erste Opfer ist die demokratische Rechenschaft

Trotzdem ist es noch das geringere Problem, dass die karitativen Engagements der Milliardäre womöglich wankelmütiger und idiosynkratischer sind als die der "normalen" Hilfsorganisationen. Nicht wenige wie eben Bill Gates halten Selbstverpflichtung und hohen Einsatz über viele Jahre durch, Impfkampagnen seiner Stiftung erzielen in den Elendsregionen unbestreitbare Erfolge gegen Infektionen und Epidemien. Das Hauptproblem der Milliardärsaktivitäten liegt nicht in der (wie auch immer gut gemeinten) Willkür ihrer Geldverteilung, sondern in der Struktur ihres Philanthrokapitalismus.

Mit der Energie, Innovationskraft und Finanzstärke, mit der sie transnationale und bürokratische Hemmnisse aus dem Weg räumen, gehen sie meist auch über die tieferen politischen Bedürfnisse der betroffenen Nationen hinweg. Ihr Credo ist in aller Regel schlicht: staatliche Instanzen und Entscheidungswege so weit es geht zugunsten der Effizienz des Marktes und unternehmerischer Logik zu ersetzen. Das erste Opfer ist in jedem Fall die politische Rechenschaft.

Blockade wichtiger Entwicklungspfade

Die Vorzüge dieses durchgreifenden Vorgehens sind zwar unübersehbar, direktere Hilfe, unkonventionellere Lösungen, gewaltiger finanzieller Schub. Ihnen steht aber der Nachteil gegenüber, dass die (oft ohnehin nur schwach ausgeprägten) demokratischen Entscheidungsprozesse in den Empfängernationen vollends entwertet werden oder zum Schein verkommen, weil die armen Staaten von den Milliarden abhängig sind.

Zugleich verlieren die Stiftungen in dem Maße, in dem sie die Hilfe auf den Markt und die Anbindung an industrielle Angebote der Geberländer fokussieren, die politischen Ursachen der Missstände aus dem Auge. Wenn etwa Rockefeller und Gates mit Monsanto den Agrarmarkt armer Länder "aufbauen", agieren sie nicht nur im Interessenkonflikt: Beide sind an dem Agrarriesen beteiligt. Vielmehr blockieren sie auch politische Entwicklungspfade, auf denen diese Länder aus dem Teufelskreis von Abhängigkeit, Gewalt, Ungleichheit und fehlender Zivilgesellschaft herausfinden können.