Pferdesportmessen Die Besten im Stall

Hochrangiges Springturnier in historischer Kulisse: Das Saut Hermès im Pariser Grand Palais.

(Foto: AFP/Getty Images)

Rund ums Pferd ist eine eigene Industrie entstanden. In Deutschland finden ihre meisten Messen statt. Bei Mädchen und Frauen sind die Pferdesport­veranstaltungen besonders beliebt.

Von Katharina Wetzel

Für Pferdesportfans ist es eines der schönsten Ereignisse des Jahres. Immer im Frühjahr trifft sich die Weltelite des Springreitens im Pariser Grand Palais auf dem Saut Hermès. Der hochrangige, drei Tage andauernde Wettbewerb, der am vergangenen Sonntag zu Ende ging, wurde 2010 von dem französischen Unternehmen Hermès gegründet und wird in der Kategorie CSI 5 Sterne vom Internationalen Reiterverband ausgetragen.

Für das Unternehmen Hermès geht es bei dem aufwendigen Ereignis, zu dem das Grand Palais in eine Reithalle mit allerlei Attraktionen verwandelt wird, um mehr als eine gelungene Werbekampagne: "Das Saut Hermès ist für uns wichtig, um unseren Wurzeln treu zu bleiben. Denn vor 182 Jahren drehte sich bei uns alles um das Pferd", erklärt der Chef der Luxusmarke, Axel Dumas, der auch der Gründerfamilie angehört. 1837 gründete Thierry Hermès eine Sattlerei, und seither ist das Haus, das eine Kutsche mit vorgespanntem Pferd zum Logo hat, seiner Geschichte immer treu geblieben. Noch heute macht die Gruppe, die vergangene Woche einen Nettogewinn von mehr als 1,4 Milliarden Euro bekanntgab, rund die Hälfte des Umsatzes mit Lederwaren wie Taschen und Sattlerei.

Und an noch eine Tradition knüpft Hermès an. Bereits von 1901 bis 1958 fanden im Grand Palais Reitturniere statt. Heute können Zuschauer von vier verschiedenen Tribünen aus das Spektakel verfolgen. Daneben gibt es verschiedene Angebote wie Pony-Reiten für Kinder, eine Bibliothek für Wissbegierige und virtuelles Pegasusreiten für Schwindelfreie. In einem Bereich steht Laurent Goblet, umringt von Journalisten. Mit Hingabe erklärt der Sattelmeister, wie er den "Vivace" entwickelt hat, den neuesten Sattel aus dem Hause Hermès. Seit 42 Jahren arbeitet Goblet für das Unternehmen, Ende des Jahres geht er in den Ruhestand.

"Ich möchte einen Sattel, den ich nicht spüre", gab ihm die Dressur-Weltmeisterin und Partner-Reiterin Jessica von Bredow-Werndl als Aufgabe mit auf den Weg. Anregungen der insgesamt 21 Partner-Reiter von Hermès fließen immer wieder in die Arbeit von Goblet mit ein. So entwickelt und perfektioniert er jedes Modell weiter, bis die Partner-Reiter und er selbst zufrieden sind. "Der Reiter möchte einen engen Kontakt zum Pferd, Stabilität und Komfort", weiß Goblet. Man kann sich bei so viel Liebe zum Detail, wie sie Goblet für die Materie aufbringt, kaum vorstellen, dass er bald nur noch sein Rentnerleben genießen wird, wie er sagt.

Auch hierzulande besteht eine große Leidenschaft fürs Pferd. 6,7 Milliarden Euro beträgt der Umsatz der Pferdewirtschaft in Deutschland. Bei mehr als 10 000 Firmen in Deutschland gehört das Pferd direkt oder indirekt zur Haupterlösquelle. Im Bereich Pferdemessen ist Deutschland weltweit mit großem Abstand Spitzenreiter. Ob Equitana in Essen, Spoga Horse in Köln, Pferd & Jagd in Hannover, Hippologica in Berlin, die Partner Pferd in Leipzig oder Eurocheval in Offenburg - 19 Pferdesportmessen sind beim Auma-Verband registriert, die tatsächliche Anzahl liegt mit den rein regionalen Veranstaltungen noch weitaus darüber.

6,7 Milliarden Euro beträgt der Umsatz der Pferdewirtschaft in Deutschland

Jede Veranstaltung hat ihre eigenen Besonderheiten. Die Partner Pferd in Leipzig hat ein hochkarätiges Turnier, das wie das Saut Hermès auch im Fernsehen übertragen wird. Die Americana in Augsburg setzt den Fokus auf Westernreitsport. Und die Eurocheval in Offenburg zieht besonders internationales Publikum an. "Pferdesportmessen sind echte Publikumsmagneten", sagt Anne Böhl, Medienreferentin beim Messeverband Auma. Denn viele Veranstaltungen haben neben der reinen Messe für Fachbesucher ein Programm mit Shows und Sportturnieren. Diese seien oft Treffpunkt für die ganze Familie, schwärmt Böhl: "Die Veranstaltungen verzeichnen stabile bis steigende Besucherzahlen." Das Publikum ist international, vorwiegend weiblich und sehr jung.

Zur größten Pferdesportmesse Deutschlands, der Equitana in Essen, kamen vom 9. bis 17. März rund 180 000 Besucher. "Wir veranstalten 499 Messen und eine Equitana", sagt Mike Seidensticker, Sprecher von Reed Exhibitions Deutschland. Denn die Pferdesportmesse ist bei Reed Exhibitions mit weitem Abstand die aufwendigste Veranstaltung im Portfolio. "Die Versorgung der 1000 Pferde auf dem Gelände erfordert eine besondere Logistik und einen 24-Stunden-Betrieb", sagt Seidensticker.

1972 wurde die Equitana in Essen gegründet, die Equitana-Open-Air-Veranstaltungen in Neuss und erstmals ab 2019 in Mannheim haben Festival-Charakter. Ableger gibt es auch in Auckland (Neuseeland), Melbourne (Australien) und ab 2020 in Kentucky (USA). "Deutschland hat weltweit die anerkannteste und beste Pferdezucht", sagt Seidensticker, der vergangene Woche beim parlamentarischen Abend der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) in Berlin über die wirtschaftliche Bedeutung der Equitana referierte. Auch Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, die beide Pferdeliebhaberinnen sind, waren unter den fast 200 Gästen.

"Der Reitsport hat hierzulande einen hohen Stellenwert, aber andere Nationen holen auf, insbesondere in Asien und auf der arabischen Halbinsel wächst das Interesse", sagt Ines Rathke, Direktorin der Spoga Horse bei der Koelnmesse. Mit 2172 Ausstellern ist die Spoga Horse im Herbst, die sich ausschließlich auf den Fachhandel konzentriert, ein Pflichttermin. Ob Bekleidung für Reiter und Pferd, Sättel, Zubehör wie Decken- und Gertenhalter, Stallbedarf wie Futtertröge oder Pferdeduschen und Pflegeprodukte - hier ist alles zu finden, was Pferdefreunde so benötigen. Die Veranstaltung ging aus der Spoga hervor und ist bereits seit den Siebzigerjahren fester Bestandteil des Messeportfolios in Köln, seit 2008 findet sie auch im Frühjahr statt.

In Deutschland gibt es ungefähr 1,3 Millionen Pferde, Nordrhein-Westfalen hat bundesweit die meisten, rund 14 Millionen Menschen interessieren sich hierzulande für das Reiten, vorwiegend Mädchen und Frauen. "Heute ist der Pferdesport für die meisten ein Hobby und die Pferdehaltung Liebhaberei", sagt Rathke, die selbst Pferdebesitzerin ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich der wirtschaftliche Einsatz des Pferdes vom Nutztier zum Sporttier gewandelt. Die klassische Reitlehre basiert jedoch nach wie vor auf der Heeresdienstvorschrift von 1912, welche die Ausbildung des Pferdes für seinen Einsatz in der Kavallerie beschreibt. "Die klassischen Disziplinen Dressur, Springen und Vielseitigkeit haben sich in ihren Grundsätzen in den letzten 100 Jahren nur wenig verändert", sagt Rathke, die im Junioren-Lager selbst sportlich ambitioniert geritten ist und internationale Pferdeleistungsschauen wie das Saut Hermès gerne live verfolgt.