Peter Bofinger über die deutsche Angst:"Jammern und Klagen und sich Fürchten"

Lesezeit: 9 min

Wie müsste Politik in Zukunft aussehen, um wieder Vertrauen zu schaffen?

Das mag jetzt an dieser Stelle etwas speziell erscheinen, aber eine langfristig verlässliche Rentenpolitik könnte viel Sicherheit schaffen. Mir schwebt das Modell einer Rentenverfassung vor. Bei der Rente haben die Leute heute das Gefühl, dass sie nach Gutsherrenart gemacht wird. Wenn es Eckwerte für die gesetzliche Altersvorsorge gäbe, die in der Verfassung festgelegt sind und auf die sich die Menschen verlassen könnten, würden sie sorgenfreier leben.

Und was könnte man für die Jungen tun?

Naja, für die Jungen wäre das ja auch nicht schlecht. Nehmen Sie jemanden, der heute 30 Jahre alt ist und in 35 Jahren in Rente geht. Wenn der sich 2040 auf Ulla Schmidt oder Franz Müntefering beruft, weiß doch niemand mehr, wer das ist. Wenn es eine Rentenverfassung gäbe, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die auch noch im Jahr 2040 in Kraft sein würde.

Also sollten die Politiker dem Sicherheitsbedürfnis der Deutschen entgegenkommen statt ihnen dieses Bedürfnis abzugewöhnen?

Es gibt da sicher verschiedene Modelle. Nehmen Sie die Dänen: Die haben fast keinen Kündigungsschutz, aber wenn jemand arbeitslos wird, zahlt der Staat über vier Jahre Arbeitslosengeld in Höhe von 90 Prozent des alten Einkommens. Dabei liegt die Arbeitslosenrate dort bei weniger als fünf Prozent. Wir müssen nicht Amerika nacheifern, damit es uns besser geht.

Finden Sie den Begriff "amerikanische Verhältnisse" eigentlich bedrohlich?

Es gibt einfach unterschiedliche Gesellschaftsmodelle, und ich glaube, dass für Deutschland eher ein skandinavisches als ein angelsächsisches passt. Das Interessante ist ja, dass beide Modelle funktionieren. Die skandinavischen Länder wachsen ordentlich, genauso wie die Angelsachsen.

Und wie sehen Sie unsere Zukunft?

Ich glaube, dass wir von der Grundsubstanz ein zukunftsfähiges Land sind.

Gerade wenn ich mir junge Menschen angucke, bin ich sehr zuversichtlich. Die Studenten heute sind viel weltoffener, als wir das damals waren. Heute ist klar, dass man ins Ausland geht, nebenbei arbeitet und Praktika macht - bei uns war alles etwas kuscheliger. Aber das gilt auch insgesamt. Deutschland steht global gut da. Unsere Produkte verkaufen sich gut, das Ausland beneidet uns um das, was wir machen und haben...

Nur wir trauen uns nicht so recht?

Nein, wir wollen es nicht wahrhaben. Wir brauchen deshalb politische Konzeptionen, die zu unserem Empfinden passen. "Der" Deutsche hat andere Bedürfnisse als "der" Amerikaner. Wenn man das richtige Modell findet, kommt auch wieder der richtige Schwung rein.

Und wie lange dauert es noch, bis der richtige Schwung reinkommt?

Schwer zu sagen. Ich fand die FußballWeltmeisterschaft in diesem Zusammenhang lehrreich, weil sie gezeigt hat, dass wir auch ganz anders können. Wir müssen nicht so miesepetrig sein.

Also brauchen wir jedes Jahr eine Fußball-Weltmeisterschaft?

Schön wär' es. Die Regierung sollte wie gesagt nicht zu hektisch an die Dinge herangehen, jetzt, wo die Stimmung in der Wirtschaft ganz gut ist. Allerdings müssten die Unternehmer ihre Mitarbeiter endlich auch wieder angemessen beteiligen. Um ein einfaches Bild zu verwenden: Wenn der Bauer will, dass die Kuh gut Milch gibt, muss er sie ordentlich füttern. Auch die Medien könnten einen wichtigen Beitrag leisten.

Was sollen wir tun?

Sie dürfen nicht so negativ berichten. Es ist schon ein Problem, wenn die Medien über Jahre hinweg immer nur Ängste schüren. Vielleicht sollten Sie nicht immer nur über Unternehmensverlagerungen schreiben - wenn nur über Flugzeugabstürze berichtet wird, entsteht eben Flugangst. Sie sollten mehr über die vielen "hidden champions" schreiben, jene weniger bekannten kleinen und mittleren Betriebe, die sehr erfolgreich sind.

Und Sie schreiben noch ein optimistisches Buch?

Im Augenblick habe ich leider wenig Zeit. Aber ich würde gerne ein Buch über Skandinavien schreiben. Das könnte, glaube ich, ein bisschen Optimismus bringen. Das Beispiel Dänemark fasziniert mich wirklich. Die Dänen haben auch einen starken Staat, aber sie haben die Arbeitslosigkeit trotzdem reduziert und ihre Haushaltsprobleme im Griff. Ich finde das phänomenal. Man fährt in Flensburg über die Grenze, das Wetter ist eher schlechter als hier, und trotzdem ist vieles besser. Das ist ein Gegenmodell zu den USA, und ich würde mal intuitiv sagen, wenn so ein kleines Land so einen positiven Wandel hinbekommen kann, können wir das auch.

Peter Bofinger, Jahrgang 1954, lehrt an der Universität Würzburg Volkswirtschaftslehre und gehört dem "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" an, den sogenannten Wirtschaftsweisen. Die US-Zeitschrift International Economy bezeichnete ihn vor einiger Zeit als Mitglied der Gang of Five - jener Handvoll deutscher Ökonomen, die für eine eher linke, nachfrageorientierte oder keynesianische Wirtschaftspolitik stehen. Bofinger bürstet gerne gegen den Strich. Im Sachverständigenrat vertritt er regelmäßig abweichende Meinungen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Ökonom 1997 durch seine Professoreninitiative für den - von vielen Ökonomen abgelehnten - Euro bekannt.

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