Peter Bofinger über die deutsche Angst:"Jammern und Klagen und sich Fürchten"

Sind wir vielleicht auch besonders anfällig für diese Angst, weil wir uns seit dem Wirtschaftswunder sehr stark über Arbeit definiert haben?

Peter Bofinger über die deutsche Angst: Die fünf sogenannten Wirtschaftsweisen bei der Überreichung des Jahresgutachtens 2004/2005.

Die fünf sogenannten Wirtschaftsweisen bei der Überreichung des Jahresgutachtens 2004/2005.

(Foto: Foto: AP)

Das kann sein. Ich bin manchmal selbst überrascht. Wir haben eine gute konjunkturelle Dynamik, aber die Unzufriedenheit der Bevölkerung ist groß. In den Firmen ist es ähnlich. Neulich war ich bei einer Veranstaltung mit Mittelständlern, die waren in einer unglaublich schlechten Stimmung. Das Grundphänomen des Jammerns und Klagens und sich Fürchtens ist schon etwas Symptomatisches für uns. Ein Grund ist sicher unsere Mentalität. Amerikaner zum Beispiel sind viel risikofreudiger als wir.

Und wieso ist das gut?

Gucken Sie sich nur einmal den Immobilienboom in den USA an! Die Amerikaner verschulden sich bis über beide Ohren, um Häuser zu kaufen. Wir dagegen sparen wie die Weltmeister, und obwohl die Zinsen sehr niedrig sind, kauft kaum jemand Immobilien.

Sollen wir uns die verschuldeten Amerikaner als Beispiel nehmen?

Die Amerikaner übertreiben es. Aber wir überziehen in die andere Richtung. Lassen Sie es mich mit einer Bergtour vergleichen: Die Amerikaner gehen eher mal auf die Nordwand hoch - auch wenn dort das Risiko besteht, abzustürzen.

Und was machen die Deutschen?

Wir sagen, der Berg ist gefährlich, wir bleiben lieber unten. Dabei gibt es vielleicht nicht nur die Nordwandbesteigung, sondern eine einfache Route, auf der man von hinten ganz gut auf den Berg hinaufkommt.

Müssen wir uns ändern?

Nein, aber es wäre hilfreich, den Menschen nicht noch mehr Angst zu machen.

Der britische Ökonom Richard Layard rät Regierungen dagegen, sich am Glück der Bevölkerung zu orientieren. Wäre das eine Variante?

Herr Layard spricht hier einen wichtigen Punkt an. Wenn alle immer nur alles schlecht machen, guckt niemand optimistisch in die Zukunft. Das Wort vom Sanierungsfall war so ein Beispiel. Da war Deutschland in der besten Weltmeisterschaftsstimmung, und dann sagt die Bundeskanzlerin, dass Deutschland ein Sanierungsfall ist.

Aber das wird uns doch seit Jahren erzählt.

Das macht es aber nicht richtiger. Das Herangehen ist falsch. Genau wie die Hektik und Kurzatmigkeit, die von der Regierung verbreitet werden. Wer vom Sanierungsfall redet, erweckt natürlich den Eindruck, dass die Bude brennt und dass man jetzt zum Beispiel sofort eine Gesundheitsreform machen muss. Das schürt bei den Bürgern die Angst, dass hier was nicht stimmt.

Also ist es verkehrt, wenn wir immer nur von der Verschuldung, von mehr Reformen und Einschnitten reden?

Bei uns wird gerne ein völlig falsches Bild vermittelt. Wir haben in den vergangenen Jahren jede Menge Fundamentalreformen gehabt: Gesundheitsreform, Rentenreform, Steuerreform, Hartz IV - und das ist wirklich radikal . . . Es ist schon noch einiges zu tun, aber man braucht nicht über Nacht zum großen Schwung auszuholen. Ein bisschen Nachdenken täte gut.

Worüber zum Beispiel?

Zum Beispiel sollte die Regierung in Ruhe darüber nachdenken, ob ein möglichst magerer Staat unbedingt der beste Staat für seine Bürger und Unternehmen ist. Wenn die Deutschen so große Angst vor Arbeitslosigkeit haben, ist es da wirklich sinnvoll, die Leistungen zur Arbeitslosenversicherung zu senken, selbst wenn dies zu geringeren Beiträgen führt? Würden sich viele Leute nicht besser fühlen, wenn sie mehr einzahlen und dafür auch mehr oder länger Geld bekommen, wenn sie arbeitslos werden? Wir Deutschen lieben es nun einmal, für alle Wechselfälle des Lebens gut versichert zu sein.

Sprich: Wir zahlen dem Staat alle lieber ein bisschen mehr, und dafür nimmt er uns unsere Ängste?

Genau. Das Problem ist, dass bei uns im Moment die kollektive Absicherung reduziert wird, während gleichzeitig das Risiko steigt, arbeitslos zu werden. Wenn ich das noch einmal mit einer Bergtour vergleichen darf: Auf so einer Tour gibt es Gebiete mit gefährlichen Gletscherspalten, wo man sich mit Seilen absichern muss. Und es gibt Almwiesen, da brauchen Sie kein Seil. Wenn mir aber jemand in dem Moment, in dem ich über der Gletscherspalte bin, das Seil wegnimmt, fühle ich mich sehr unwohl.

Wie kommt es dazu, dass jetzt die Seile weggezogen werden?

Weil bei uns in den vergangenen Jahren eindimensional darauf gesehen wurde, wie sich Sozialabgaben und Steuern senken lassen, um damit die Bedingungen für die Unternehmen zu verbessern. Das folgte der Philosophie, dass eine Wirtschaft dann am besten läuft, wenn der Staatseinfluss möglichst gering ist.

Auf die Menschen und ihre Ängste wurde nicht geachtet?

Der Slogan der letzten Jahre bei uns hieß Eigenverantwortung. Wenn die kollektive Sicherung aber wegfällt, muss sich jeder individuell absichern. Dann legen die Menschen ihr Geld auf die hohe Kante, sie kaufen kein Auto auf Kredit, keine Wohnung, die sie abzahlen müssen, keine neue Einrichtung, und sie denken auch darüber nach, ob sie unter diesen Umständen Kinder in die Welt setzen. Die Politik der letzten Jahre hat ein risikoscheues Verhalten geschürt, und nun fragen sich Politiker und Unternehmer, wo das Vertrauen der Menschen geblieben ist.

Würde es uns helfen, wenn wir etwas emotionaler wären? Die Franzosen zum Beispiel streiken viel öfter als die Deutschen, um ihren Ängsten Luft zu machen.

Im Vergleich dazu sind wir ein sehr geduldiges Volk. Unsere Streiktage sind im internationalen Vergleich sehr niedrig.

Sollten wir das ändern?

Schwer zu sagen. Wir lassen ziemlich viel mit uns machen. Als Beamter kriegt man irgendwann einen Brief, dass einem die Pension gesenkt wurde. Das macht sich finanziell durchaus bemerkbar, aber man geht schnell zur Tagesordnung über. Ein politisches Problem war auch, dass es in den vergangenen Jahren in Deutschland keine echte Opposition mehr gab. Eigentlich regierte schon vor der amtierenden Regierung längst eine informelle große Koalition, die viele harte Einschnitte durchsetzen konnte.

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