Peter Bofinger über die deutsche Angst:"Jammern und Klagen und sich Fürchten"

Politik und Medien hätten in den letzten Jahren das ängstliche Verhalten der Deutschen noch angeheizt, sagt der Wirtschaftsweise. Die Kanzlerin spricht vom "Sanierungsfall" - dabei stehe das Land global gut da.

Nina Bovensiepen

Nächste Woche beginnt für die fünf "Wirtschaftsweisen" das große Schweigen. Ein paar Wochen arbeiten die Wissenschaftler dann im Verborgenen an ihrem Wirtschafts-Jahresgutachten für die Regierung. Deshalb vorher schnell noch ein paar Fragen an Peter Bofinger, einen der Weisen. Als solcher kommt der Mann aber gar nicht rüber: Sieht mindestens zehn Jahre jünger aus, als er ist, und plaudert bei einem großen Stück Sachertorte im Berliner Café Einstein sofort munter drauflos. Zum Beispiel über die misslungene Wortwahl von Angela Merkel, die Deutschland zum Sanierungsfall ausgerufen hat. Oder über die Medien, die zu schlecht berichten. Oder über die eigene Zunft, die bei Bofinger ebenfalls nicht hoch im Kurs steht.

Peter Bofinger, ddp

Findet, dass die Medien das Land schlechter machen, als es ist: Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger.

(Foto: Foto: ddp)

Herr Professor Bofinger, wann sind Sie das letzte Mal Ihrem Kollegen Hans-Werner Sinn begegnet?

Herrn Sinn? Da muss ich nachdenken. Im Mai, glaube ich. Da sind wir zu einem Streitgespräch zusammengekommen.

Sie müssen sich angesichts des Aufschwungs bestätigt fühlen: Während Kollegen wie Herr Sinn vom Ifo-Institut in den vergangenen Jahren Bücher mit Titeln wie "Ist Deutschland noch zu retten?" veröffentlicht haben, schrieben Sie "Wir sind besser als wir glauben".

Für mich spricht sicher, dass Sinn in seinem Buch über viele Seiten geschrieben hat, wie Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Seither läuft die deutsche Exportwirtschaft aber von einem Rekord zum anderen und hat sich sogar viel besser entwickelt, als ich das geglaubt hätte. Sinns Einschätzung war einfach falsch.

Und trotzdem sehr verbreitet. Sind Wirtschaftswissenschaftler Pessimisten?

Nein, zusammen mit meinen Kollegen im Sachverständigenrat haben wir zum Beispiel in unserem Jahresgutachten 2004 dargestellt, wie gut die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ist. Das wurde aber kaum wahrgenommen. Wenn ich bei Vorträgen erzählt habe, wie gut Deutschland international dasteht, sahen mich die Leute fast misstrauisch an. Wenn dagegen Professor Sinn von der Basarökonomie redete, wurde das begierig aufgegriffen. Dabei impliziert dieser Ausdruck ja, dass bei uns nur noch Ramsch und Tand und Trödel produziert und gehandelt wird. Das Gegenteil ist der Fall: Wir produzieren wie kaum ein anderes Land High-Tech-Produkte, die uns überall aus den Händen gerissen werden.

Aber trotzdem ist es doch seltsam: Die Wirtschaft wächst wieder, seit Monaten sinken die Arbeitslosenzahlen, und die größte Sorge der Deutschen ist Umfragen zufolge immer noch die Arbeitslosigkeit. Verstehen Sie das?

Ja, schließlich sind in den letzten Jahren anderthalb Millionen Arbeitsplätze weggefallen, bevor nun wieder ein paar neue entstehen. Außerdem gehört der Verlust des Arbeitsplatzes psychologisch zum Schlimmsten, was einem Menschen passieren kann. Manche Ökonomen tun ja so, als ob die Leute geradezu happy wären, wenn sie ihren Job loswerden und von Sozialhilfe leben. Auch psychologische Studien belegen, dass der Verlust der Arbeit von den meisten Menschen als das größte Unglück angesehen wird. Arbeit hat einen Wert weit über das Materielle hinaus.

Und der wäre?

Arbeit gibt uns das Grundgefühl, gebraucht zu werden. Wer morgens aufsteht und einen ganzen Tag vor sich hat, an dem ihn keiner braucht, dem geht es auf Dauer nicht gut. Im Zenbuddhismus gibt es den schönen Spruch, dass ein Tag ohne Arbeit wie ein Tag ohne Essen ist.

Es ist also verständlich, dass die Menschen Angst vor Arbeitslosigkeit haben.

Ja, so ist es. Und leider ist diese Angst bei uns in den letzten Jahren auch noch massiv geschürt worden.

Wer ist daran schuld?

Die Medien. Und die Unternehmer. Wenn ich meinen Mitarbeitern immer nur erzähle, dass ihre Arbeit zu einem Zehntel des Lohns in Indien gemacht werden könnte, dann macht das Angst und demotiviert ohne Ende.

"Jammern und Klagen und sich Fürchten"

Sind wir vielleicht auch besonders anfällig für diese Angst, weil wir uns seit dem Wirtschaftswunder sehr stark über Arbeit definiert haben?

Peter Bofinger über die deutsche Angst: Die fünf sogenannten Wirtschaftsweisen bei der Überreichung des Jahresgutachtens 2004/2005.

Die fünf sogenannten Wirtschaftsweisen bei der Überreichung des Jahresgutachtens 2004/2005.

(Foto: Foto: AP)

Das kann sein. Ich bin manchmal selbst überrascht. Wir haben eine gute konjunkturelle Dynamik, aber die Unzufriedenheit der Bevölkerung ist groß. In den Firmen ist es ähnlich. Neulich war ich bei einer Veranstaltung mit Mittelständlern, die waren in einer unglaublich schlechten Stimmung. Das Grundphänomen des Jammerns und Klagens und sich Fürchtens ist schon etwas Symptomatisches für uns. Ein Grund ist sicher unsere Mentalität. Amerikaner zum Beispiel sind viel risikofreudiger als wir.

Und wieso ist das gut?

Gucken Sie sich nur einmal den Immobilienboom in den USA an! Die Amerikaner verschulden sich bis über beide Ohren, um Häuser zu kaufen. Wir dagegen sparen wie die Weltmeister, und obwohl die Zinsen sehr niedrig sind, kauft kaum jemand Immobilien.

Sollen wir uns die verschuldeten Amerikaner als Beispiel nehmen?

Die Amerikaner übertreiben es. Aber wir überziehen in die andere Richtung. Lassen Sie es mich mit einer Bergtour vergleichen: Die Amerikaner gehen eher mal auf die Nordwand hoch - auch wenn dort das Risiko besteht, abzustürzen.

Und was machen die Deutschen?

Wir sagen, der Berg ist gefährlich, wir bleiben lieber unten. Dabei gibt es vielleicht nicht nur die Nordwandbesteigung, sondern eine einfache Route, auf der man von hinten ganz gut auf den Berg hinaufkommt.

Müssen wir uns ändern?

Nein, aber es wäre hilfreich, den Menschen nicht noch mehr Angst zu machen.

Der britische Ökonom Richard Layard rät Regierungen dagegen, sich am Glück der Bevölkerung zu orientieren. Wäre das eine Variante?

Herr Layard spricht hier einen wichtigen Punkt an. Wenn alle immer nur alles schlecht machen, guckt niemand optimistisch in die Zukunft. Das Wort vom Sanierungsfall war so ein Beispiel. Da war Deutschland in der besten Weltmeisterschaftsstimmung, und dann sagt die Bundeskanzlerin, dass Deutschland ein Sanierungsfall ist.

Aber das wird uns doch seit Jahren erzählt.

Das macht es aber nicht richtiger. Das Herangehen ist falsch. Genau wie die Hektik und Kurzatmigkeit, die von der Regierung verbreitet werden. Wer vom Sanierungsfall redet, erweckt natürlich den Eindruck, dass die Bude brennt und dass man jetzt zum Beispiel sofort eine Gesundheitsreform machen muss. Das schürt bei den Bürgern die Angst, dass hier was nicht stimmt.

Also ist es verkehrt, wenn wir immer nur von der Verschuldung, von mehr Reformen und Einschnitten reden?

Bei uns wird gerne ein völlig falsches Bild vermittelt. Wir haben in den vergangenen Jahren jede Menge Fundamentalreformen gehabt: Gesundheitsreform, Rentenreform, Steuerreform, Hartz IV - und das ist wirklich radikal . . . Es ist schon noch einiges zu tun, aber man braucht nicht über Nacht zum großen Schwung auszuholen. Ein bisschen Nachdenken täte gut.

Worüber zum Beispiel?

Zum Beispiel sollte die Regierung in Ruhe darüber nachdenken, ob ein möglichst magerer Staat unbedingt der beste Staat für seine Bürger und Unternehmen ist. Wenn die Deutschen so große Angst vor Arbeitslosigkeit haben, ist es da wirklich sinnvoll, die Leistungen zur Arbeitslosenversicherung zu senken, selbst wenn dies zu geringeren Beiträgen führt? Würden sich viele Leute nicht besser fühlen, wenn sie mehr einzahlen und dafür auch mehr oder länger Geld bekommen, wenn sie arbeitslos werden? Wir Deutschen lieben es nun einmal, für alle Wechselfälle des Lebens gut versichert zu sein.

Sprich: Wir zahlen dem Staat alle lieber ein bisschen mehr, und dafür nimmt er uns unsere Ängste?

Genau. Das Problem ist, dass bei uns im Moment die kollektive Absicherung reduziert wird, während gleichzeitig das Risiko steigt, arbeitslos zu werden. Wenn ich das noch einmal mit einer Bergtour vergleichen darf: Auf so einer Tour gibt es Gebiete mit gefährlichen Gletscherspalten, wo man sich mit Seilen absichern muss. Und es gibt Almwiesen, da brauchen Sie kein Seil. Wenn mir aber jemand in dem Moment, in dem ich über der Gletscherspalte bin, das Seil wegnimmt, fühle ich mich sehr unwohl.

Wie kommt es dazu, dass jetzt die Seile weggezogen werden?

Weil bei uns in den vergangenen Jahren eindimensional darauf gesehen wurde, wie sich Sozialabgaben und Steuern senken lassen, um damit die Bedingungen für die Unternehmen zu verbessern. Das folgte der Philosophie, dass eine Wirtschaft dann am besten läuft, wenn der Staatseinfluss möglichst gering ist.

Auf die Menschen und ihre Ängste wurde nicht geachtet?

Der Slogan der letzten Jahre bei uns hieß Eigenverantwortung. Wenn die kollektive Sicherung aber wegfällt, muss sich jeder individuell absichern. Dann legen die Menschen ihr Geld auf die hohe Kante, sie kaufen kein Auto auf Kredit, keine Wohnung, die sie abzahlen müssen, keine neue Einrichtung, und sie denken auch darüber nach, ob sie unter diesen Umständen Kinder in die Welt setzen. Die Politik der letzten Jahre hat ein risikoscheues Verhalten geschürt, und nun fragen sich Politiker und Unternehmer, wo das Vertrauen der Menschen geblieben ist.

Würde es uns helfen, wenn wir etwas emotionaler wären? Die Franzosen zum Beispiel streiken viel öfter als die Deutschen, um ihren Ängsten Luft zu machen.

Im Vergleich dazu sind wir ein sehr geduldiges Volk. Unsere Streiktage sind im internationalen Vergleich sehr niedrig.

Sollten wir das ändern?

Schwer zu sagen. Wir lassen ziemlich viel mit uns machen. Als Beamter kriegt man irgendwann einen Brief, dass einem die Pension gesenkt wurde. Das macht sich finanziell durchaus bemerkbar, aber man geht schnell zur Tagesordnung über. Ein politisches Problem war auch, dass es in den vergangenen Jahren in Deutschland keine echte Opposition mehr gab. Eigentlich regierte schon vor der amtierenden Regierung längst eine informelle große Koalition, die viele harte Einschnitte durchsetzen konnte.

"Jammern und Klagen und sich Fürchten"

Wie müsste Politik in Zukunft aussehen, um wieder Vertrauen zu schaffen?

Das mag jetzt an dieser Stelle etwas speziell erscheinen, aber eine langfristig verlässliche Rentenpolitik könnte viel Sicherheit schaffen. Mir schwebt das Modell einer Rentenverfassung vor. Bei der Rente haben die Leute heute das Gefühl, dass sie nach Gutsherrenart gemacht wird. Wenn es Eckwerte für die gesetzliche Altersvorsorge gäbe, die in der Verfassung festgelegt sind und auf die sich die Menschen verlassen könnten, würden sie sorgenfreier leben.

Und was könnte man für die Jungen tun?

Naja, für die Jungen wäre das ja auch nicht schlecht. Nehmen Sie jemanden, der heute 30 Jahre alt ist und in 35 Jahren in Rente geht. Wenn der sich 2040 auf Ulla Schmidt oder Franz Müntefering beruft, weiß doch niemand mehr, wer das ist. Wenn es eine Rentenverfassung gäbe, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die auch noch im Jahr 2040 in Kraft sein würde.

Also sollten die Politiker dem Sicherheitsbedürfnis der Deutschen entgegenkommen statt ihnen dieses Bedürfnis abzugewöhnen?

Es gibt da sicher verschiedene Modelle. Nehmen Sie die Dänen: Die haben fast keinen Kündigungsschutz, aber wenn jemand arbeitslos wird, zahlt der Staat über vier Jahre Arbeitslosengeld in Höhe von 90 Prozent des alten Einkommens. Dabei liegt die Arbeitslosenrate dort bei weniger als fünf Prozent. Wir müssen nicht Amerika nacheifern, damit es uns besser geht.

Finden Sie den Begriff "amerikanische Verhältnisse" eigentlich bedrohlich?

Es gibt einfach unterschiedliche Gesellschaftsmodelle, und ich glaube, dass für Deutschland eher ein skandinavisches als ein angelsächsisches passt. Das Interessante ist ja, dass beide Modelle funktionieren. Die skandinavischen Länder wachsen ordentlich, genauso wie die Angelsachsen.

Und wie sehen Sie unsere Zukunft?

Ich glaube, dass wir von der Grundsubstanz ein zukunftsfähiges Land sind.

Gerade wenn ich mir junge Menschen angucke, bin ich sehr zuversichtlich. Die Studenten heute sind viel weltoffener, als wir das damals waren. Heute ist klar, dass man ins Ausland geht, nebenbei arbeitet und Praktika macht - bei uns war alles etwas kuscheliger. Aber das gilt auch insgesamt. Deutschland steht global gut da. Unsere Produkte verkaufen sich gut, das Ausland beneidet uns um das, was wir machen und haben...

Nur wir trauen uns nicht so recht?

Nein, wir wollen es nicht wahrhaben. Wir brauchen deshalb politische Konzeptionen, die zu unserem Empfinden passen. "Der" Deutsche hat andere Bedürfnisse als "der" Amerikaner. Wenn man das richtige Modell findet, kommt auch wieder der richtige Schwung rein.

Und wie lange dauert es noch, bis der richtige Schwung reinkommt?

Schwer zu sagen. Ich fand die FußballWeltmeisterschaft in diesem Zusammenhang lehrreich, weil sie gezeigt hat, dass wir auch ganz anders können. Wir müssen nicht so miesepetrig sein.

Also brauchen wir jedes Jahr eine Fußball-Weltmeisterschaft?

Schön wär' es. Die Regierung sollte wie gesagt nicht zu hektisch an die Dinge herangehen, jetzt, wo die Stimmung in der Wirtschaft ganz gut ist. Allerdings müssten die Unternehmer ihre Mitarbeiter endlich auch wieder angemessen beteiligen. Um ein einfaches Bild zu verwenden: Wenn der Bauer will, dass die Kuh gut Milch gibt, muss er sie ordentlich füttern. Auch die Medien könnten einen wichtigen Beitrag leisten.

Was sollen wir tun?

Sie dürfen nicht so negativ berichten. Es ist schon ein Problem, wenn die Medien über Jahre hinweg immer nur Ängste schüren. Vielleicht sollten Sie nicht immer nur über Unternehmensverlagerungen schreiben - wenn nur über Flugzeugabstürze berichtet wird, entsteht eben Flugangst. Sie sollten mehr über die vielen "hidden champions" schreiben, jene weniger bekannten kleinen und mittleren Betriebe, die sehr erfolgreich sind.

Und Sie schreiben noch ein optimistisches Buch?

Im Augenblick habe ich leider wenig Zeit. Aber ich würde gerne ein Buch über Skandinavien schreiben. Das könnte, glaube ich, ein bisschen Optimismus bringen. Das Beispiel Dänemark fasziniert mich wirklich. Die Dänen haben auch einen starken Staat, aber sie haben die Arbeitslosigkeit trotzdem reduziert und ihre Haushaltsprobleme im Griff. Ich finde das phänomenal. Man fährt in Flensburg über die Grenze, das Wetter ist eher schlechter als hier, und trotzdem ist vieles besser. Das ist ein Gegenmodell zu den USA, und ich würde mal intuitiv sagen, wenn so ein kleines Land so einen positiven Wandel hinbekommen kann, können wir das auch.

Peter Bofinger, Jahrgang 1954, lehrt an der Universität Würzburg Volkswirtschaftslehre und gehört dem "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" an, den sogenannten Wirtschaftsweisen. Die US-Zeitschrift International Economy bezeichnete ihn vor einiger Zeit als Mitglied der Gang of Five - jener Handvoll deutscher Ökonomen, die für eine eher linke, nachfrageorientierte oder keynesianische Wirtschaftspolitik stehen. Bofinger bürstet gerne gegen den Strich. Im Sachverständigenrat vertritt er regelmäßig abweichende Meinungen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Ökonom 1997 durch seine Professoreninitiative für den - von vielen Ökonomen abgelehnten - Euro bekannt.

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