Ostwestfalen Die Start-ups von vor 100 Jahren

Gründen in Bielefeld? Gar nicht so abwegig. Allein die Bertelsmann-Stiftung hat in den vergangenen Jahren 300 Jungunternehmer ausgebildet, auch Dr. Oetker, Miele und andere fördern Start-ups.

(Foto: imago stock&people)

Ostwestfalen lebt von Familienunternehmen wie Miele oder Bertelsmann. Doch findet die Region genügend Fachkräfte für das digitale Zeitalter? Mit einer neuen Initiative wollen die Traditionskonzerne Gründer locken.

Von Benedikt Müller, Bielefeld

Ostwestfalen? Nein, das kannte er vorher nicht, gesteht Michael Haase. Der Däne hat eine App namens "Plant Jammer" gebaut. Das Programm schlägt Nutzern vor, welche Gerichte sie zubereiten könnten mit Zutaten, die im Kühlschrank noch übrig oder günstig zu kaufen sind. Je mehr Leute die App nutzen, desto besser sollen die Rezepte werden; desto mehr lernt das Programm, welche Lebensmittel und Gewürze harmonieren. So die Idee.

Haase sitzt an diesem Nachmittag in einem alten Lokschuppen in Bielefeld, aus dem längst eine Konzerthalle geworden ist. Eines der berühmten Familienunternehmen Ostwestfalens ist im Sommer bei ihm eingestiegen: Miele, bekannt für Küchengeräte und Waschmaschinen. Plant Jammer nutzt seither Testfelder der Gütersloher, um weiter an der App zu tüfteln. Und nicht ausgeschlossen, dass der Algorithmus eines Tages in Software von Miele einziehen wird. Schließlich werden auch Backöfen und Kühlschränke immer digitaler - und könnten ihren Besitzern künftig allerlei Rezeptvorschläge unterbreiten.

So unbekannt Ostwestfalen in der Welt sein mag, so erfolgreich sind dortige Traditionskonzerne wie Miele, Dr. Oetker, Bertelsmann oder der Fensterbauer Schüco. "Die Wirtschaft in Ostwestfalen-Lippe wuchs nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 sehr dynamisch", schreibt die landeseigene NRW-Bank in ihrem regionalen Wirtschaftsprofil. Zwischen Bielefeld und Paderborn seien heute gut 100 000 Menschen mehr in Lohn und Brot als noch vor zehn Jahren. Die Arbeitslosenquote beträgt nur fünf Prozent. Mithin zeigt Ostwestfalen eine Stärke der Wirtschaft in Deutschland: "Die Unternehmen sind überwiegend mittelständisch geprägt und befinden sich meist noch im Familienbesitz." Sie schaffen auch abseits der Metropolen Arbeitsplätze und investieren kräftig.

"Es gibt jetzt existierende Geschäftsmodelle, die gut laufen", sagt Markus Miele, einer der beiden geschäftsführenden Gesellschafter, in ostwestfälischer Nüchternheit. Einzig: "Die Welt ändert sich weiter." Immer mehr Kunden bestellen und vergleichen im Internet, Fachkräfte sind rar und stellen neue Ansprüche. Die Geschäftsmodelle der Zukunft entstehen eher im Silicon Valley in den USA denn im erfolgsverwöhnten Ostwestfalen.

Miele und zehn weitere Konzerne sind deshalb nun einer "Hinterland"-Allianz beigetreten. Der Name gesteht ein, dass Bielefeld eben nicht so hip ist wie Berlin. Ende vergangener Woche hat das Bündnis zu einer "Hinterland of Things"-Konferenz eingeladen, in Anspielung auf das sogenannte Internet der Dinge, die bevorstehende Vernetzung von Fabriken, Maschinen und Lieferketten. Die wollen sie vorantreiben hier in Ostwestfalen.

Mehr als 1000 Menschen tummeln sich in der alten Backsteinhalle mit ihren Sprossenfenstern und den großen Toren, aus denen früher Lokomotiven herausrollten. Statt Gulasch gibt es heute "Hinterland Farmer Food"; auf den Namensschildern sind die Vornamen groß und fett geschrieben, der Nachname klein darunter. Gekommen sind Gründer wie Haase, Start-up-Investoren wie Frank Thelen (bekannt aus der Fernsehsendung "Die Höhle der Löwen") und Unternehmer wie Markus Miele. "Wir glauben, dass wir den Start-ups weiterhelfen können, die uns aber auch helfen können", sagt der Urenkel des Gründers Carl Miele auf dem Podium.

Seine Heimat lebt von der Industrie: Diese macht fast 35 Prozent der Wirtschaftsleistung Ostwestfalens aus. Erst kürzlich gab Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier das Ziel aus, dass der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt bundesweit auf 25 Prozent steigen sollte. Diese Marke übertrifft Ostwestfalen seit Langem. Doch entstehen in der Region wenig neue Unternehmen. Und wenn jemand gründe, nehme ihn so mancher Etablierte nicht ernst. "Das ist für viele noch ein Fragezeichen", sagt Brigitte Mohn, Gesellschafterin von Bertelsmann, "da gibt es noch viele Berührungsängste." Die Gefahr sei jedenfalls, dass die Talente des digitalen Zeitalters die erfolgsverwöhnte Region verlassen, lieber in Berlin oder in den USA gründen. "Genau das wollen wir nicht", sagt Mohn.

Daher hat ihre Bertelsmann-Stiftung vor drei Jahren die Founders Foundation ins Leben gerufen. Sie bildet Gründer aus und berät sie, bringt Mittelständler und Start-ups zusammen. "In Bielefeld? Das kennt doch eh keiner", habe mancher anfangs gespottet, so Mohn. Mittlerweile hat die Stiftung etwa 300 Jungunternehmer ausgebildet und 18 Start-ups gefördert.

Auf der Konferenz stellen sich etwa die Zahnarzt-Helden vor. Das Jungunternehmen aus Bielefeld verkauft Behandlungsstühle und Röntgengeräte an Zahnärzte. Oder der Softwareentwickler Valuedesk, mit dessen Programmen Firmen Kostendaten digital analysieren können. Zu den Kunden zählt etwa die Dr. Wolff-Gruppe, noch so ein Familienunternehmen aus Bielefeld, bekannt für sein Shampoo Alpecin. "Dr. Wolff ist ein erfolgreiches Start-up von 1905", scherzt Christian Mestwerdt. Er ist Chief Financial Officer (CFO) des Kosmetik- und Pharmakonzerns. Oder, wie man in Ostwestfalen lieber sagt: kaufmännischer Geschäftsführer.

Und zuweilen gründet ein Traditionsunternehmen auch selbst ein Start-up. So hat das der Landmaschinenhersteller Claas gemacht, als er ein Managementprogramm für Bauernhöfe entwickelt hat: einen digitalen Planer für Dünger, Ernten und Herden. Landwirte können diese Software mit Traktoren und Dreschern von Claas verknüpfen, müssen aber nicht. Es ist eine offene Plattform, wie so viele Geschäftsmodelle im digitalen Zeitalter. "Manchmal fallen solche visionären Themen einfach durch den Rost", gesteht Thomas Böck, technischer Geschäftsführer von Claas. Sein hauseigenes Start-up hat der Konzern nach langem Überlegen nicht daheim, sondern in Berlin gegründet, abseits der konzerntypischen Kostenstellen und Einzelbüros. "Das hat auf jeden Fall geholfen, dass ein Start-up wachsen kann", sagt Böck.

Claas wolle auch in bestehende Agrar-Jungunternehmen investieren, doch die Auswahl sei nun mal klein: "Ich würde mich freuen über mehr", sagt Aufsichtsratschefin Cathrina Claas-Mühlhäuser. "Wenn wir investieren, dann muss das 1a bei uns reinpassen." Auch müsse ihr Konzern das Geld erst mal verdienen, das er in Start-ups stecken will. Es sei ja viel vom "Internet of Things" (IoT) zu hören und zu lesen, sagt Claas-Mühlhäuser. "Wir machen besonders viel 'T'." Die Dinge eben, das können sie in Ostwestfalen gut.