Ölmarkt Es droht der nächste Preisschock

Noch ist Öl relativ billig, Konzerne und Länder investieren wenig in die Förderung. Schon in wenigen Jahren könnte deshalb ein neuer Engpass bevorstehen, warnt die Internationale Energieagentur.

Von Jan Willmroth

Vor bald 80 Jahren formulierte Myron Watkins diesen Satz, einen Satz für die Ewigkeit. "Das Problem des Öls ist, es gibt immer zu wenig oder zu viel", schrieb der Ökonom von der New York University 1937 in einer Fallstudie. Präziser kann man die grundlegende Eigenart der Ölmärkte wohl nicht verdichten: Extreme Schwankungen sind der definierende Charakter aller Rohstoffmärkte. Aber nur der Ölpreis ist so spektakulär und hat so weitreichende Folgen für Weltwirtschaft und Verbraucher.

Spektakulär war der jüngste Verfall des Preises für ein Barrel Erdöl (ca. 159 Liter) auf jeden Fall, inzwischen bewegen sich die Ölpreise seit fast zweieinhalb Jahren auf relativ niedrigem Niveau. Allmählich aber sollte sich die Welt schon auf die nächste irre Preisreaktion einstellen. Denn wenn die aktuelle Phase weiter anhält, das sagt die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem am Mittwoch veröffentlichen Welt-Energieausblick voraus, ist der nächste Ölpreisschock nur noch eine Frage der Zeit. "Wir stehen vor einer Periode stärkerer Ölpreisschwankungen", sagte IEA-Chef Fatih Birol.

Der Bericht des Pariser Instituts ist eine der am meisten beachteten Publikationen zur Zukunft der Energiemärkte, 682 Seiten dick, mit Szenarien zu sämtlichen Energieträgern und -verbrauchern.

Die aktuellen Investitionen reichen nicht aus, um mittelfristig den Bedarf zu decken

Während kurzfristig mit den Ölpreisen auch die Preise für Benzin und Diesel relativ niedrig bleiben dürften, warnen die IEA-Experten in dem aktuellen Ausblick deutlich: Sollte es noch eine Weile so weitergehen wie momentan, steht die nächste Phase extrem hoher Ölpreise schon bevor - weil Staaten und Konzerne viel zu wenig in bestehende und neu zu erschließende Quellen investieren.

Eine Aufbereitungsanlage von Tatneft in der russischen Stadt Nischnekamsk: Die fünf großen Ölkonzerne des Landes haben im ersten Halbjahr 1250 Milliarden Rubel Gewinn gemacht.

(Foto: Andrey Rudakov/Bloomberg)

Die aktuelle Niedrigpreisphase begann im frühen Sommer vor zwei Jahren. Damals kostete ein Barrel Öl mit mehr als 100 Dollar relativ viel. Seither ist der Preis zwischenzeitlich um bis zu drei Viertel gesunken. Grund dafür ist ein anhaltendes Überangebot auf dem Weltmarkt, begünstigt zunächst durch den Boom der Schieferöl-Produktion in den USA und später einer rekordhohen Ölförderung in Russland.

Trotz der niedrigen Preise stieg auch in den 14 im Ölkartell Opec organisierten Staaten die Fördermenge im Herbst auf ein Rekordniveau. Sie liefern mehr als ein Drittel des weltweiten Ölbedarfs. Zugleich wuchs die Nachfrage weniger schnell, als angesichts des rasanten Preisverfalls wahrscheinlich schien. Jetzt sind weltweit die Lager voll, die Öl-Staaten produzieren um die Wette und ringen um Marktanteile. Wie lange wird das noch so bleiben?

Für Ölproduzenten, Händler und Analysten gibt es kaum eine wichtigere Frage, nur kennt niemand eine genaue Antwort. Den Experten der IEA reicht die aktuelle Marktentwicklung indes, eine deutliche Warnung zu formulieren. Im vergangenen Jahr seien so wenige konventionelle Förderprojekte erschlossen worden wie seit den Fünfzigerjahren nicht mehr. In 2016 hat sich daran bislang nichts geändert. "Sollte das bis einschließlich 2017 oder danach andauern", schreibt die IEA, "wird es zunehmend unwahrscheinlich, dass Angebot und Nachfrage ohne rasante Preissteigerungen ausgeglichen werden können."

Bleiben die Ölpreise weiterhin niedrig, werden Ölkonzerne und -staaten weiterhin viel zu wenig investieren. Um die global wachsende Nachfrage nach Öl und Gas zu decken, müssten etwa 700 Milliarden Dollar pro Jahr in neue und alte Quellen investiert werden. Für 2016 erwartet die Agentur aber nur Investitionen von um die 450 Milliarden Dollar. Das mache "heftige Verwerfungen" möglich, schreibt die IEA.

Die heutige Situation könnte sich also binnen weniger Jahre umkehren, es gäbe einmal wieder nicht zu viel, sondern zu wenig Öl. Um das zu verhindern, sagte Tim Gould, Hauptautor des Energieausblicks, würden schon bald "ungekannte Anstrengungen nötig, um den verlorenen Boden gutzumachen und die Nachfrage zu decken." Die Zeit dafür wird knapp.

Die Geheimnistuerei hat ein Ende

Saudi Arabien besitzt eines der am besten gehüteten Geheimnisse der weltweiten Energiewirtschaft: Wie viel Erdöl sich noch unter dem Wüstensand in dem Staat am Persischen Golf befindet, weiß außerhalb des Landes niemand genau. Kein Staat exportiert mehr von dem Rohstoff, derzeit produziert nur Russland mehr, und Saudi-Arabien hat noch sehr viel davon übrig. Das weiß man. Aber wie viel? Vor etwa einem Monat hatte das Königreich verlauten lassen, die Ölvorräte reichten noch weitere 70 Jahre. Ob solche Aussagen stimmen, ließ sich nie unabhängig überprüfen. Bis jetzt.

Seit Jahresbeginn verfolgt das Königshaus den Plan, einen Teil des Staatskonzerns Saudi Aramco über die Börse zu verkaufen. Der Konzern entstand in den Achtzigerjahren, nachdem Saudi-Arabien sämtliche Ölquellen verstaatlicht und die amerikanischen Partner aus dem gemeinsamen Konzern gedrängt hatte. Seitdem lagen die veröffentlichten Ölreserven stets bei etwa 260 Milliarden Barrel. Der Energieminister und einstige Aramco-Chef Khalid Al-Falih kündigte jetzt in einem Interview mit der Financial Times an: "Das wird der transparenteste Börsengang eines nationalen Ölkonzerns aller Zeiten werden."

In Kürze würden von unabhängiger Seite überprüfte Zahlen zu den verbleibenden Reserven veröffentlicht. "Alles, was Saudi Aramco hat, wird mitgeteilt und wird von unabhängigen Dritten verifiziert", sagte Al-Falih. Investoren haben schon länger spekuliert, ob Saudi-Arabien Daten zu seinen Reserven veröffentlichen würde, seitdem das Königreich den Teil-Börsengang angekündigt hatte. Die Öffnung für internationale Investoren ist Teil des im Frühjahr vorgelegten Reformplans, mit dem das Königshaus langfristig weniger abhängig von seinen Öleinnahmen werden will. Jan Willmroth

Bis aus neu erschlossenen Quellen Öl fließt, vergehen nach der ersten Investition in der Regel drei bis sechs Jahre. Dieser Richtwert bezieht sich auf konventionelle Quellen, also Projekte, bei denen nicht in der Tiefsee gebohrt, mittels Fracking Schiefergestein aufgesprengt oder mit riesigen Baggern Teersand abgebaut wird. Dass die Ölförderung trotz der niedrigen Preise weiter stieg, lag auch an den vielen bereits getätigten Investitionen. Wer mehrere Milliarden Dollar in einem Förderprojekt versenkt hat, beeilt sich ungeachtet der Preisentwicklung, es fertigzustellen.

Gleichwohl übersetzt sich heute fehlendes Geld in wenigen Jahren in fehlendes Öl. Im Zusammenspiel dieser Verzögerungen wechseln sich Phasen hoher und niedriger Preise ab, unterbrochen von unvorhersehbaren Ereignissen wie Kriegen und Naturkatastrophen in Förderländern oder Rezessionen, infolge derer die Nachfrage sinkt. Inzwischen sind diese Zyklen noch einmal komplexer geworden: Schieferöl-Produzenten in den USA können schnell auf Preisänderungen reagieren. Lohnt sich deren Produktion bei steigenden Preisen wieder, fließt binnen Monaten zusätzliches Öl. Heftige Preisausschläge sind deshalb kurzfristig unwahrscheinlich.

Wohl aber in Zeiträumen von mehreren Jahren. Den Großteil des weltweiten Ölbedarfs decken immer noch konventionelle Quellen. Um die Ölproduktion daraus stabil zu halten, muss beständig sowohl in bestehende Ölfelder als auch in neue Projekte investiert werden, denn jede erschlossene Quelle gibt mit der Zeit weniger her. "Dadurch geht derzeit alle zwei Jahre das Äquivalent der gesamten irakischen Produktion verloren", sagte Gould. Der Irak ist der zweitgrößte Ölproduzent innerhalb der Opec und fördert derzeit schätzungsweise 4,7 Millionen Barrel am Tag. Das sind mehr als fünf Prozent desweltweiten Bedarfs.

Mit konkreten Prognosen zur langfristigen und nahen Zukunft der Energiemärkte hält sich die IEA allerdings zurück und arbeitet stattdessen mit verschiedenen Szenarien. Ein neuer Ölpreisschock setzt im wahrscheinlichsten Szenario voraus, dass die globale Nachfrage weiter moderat steigt. Allein die Fracht- und Luftfahrtindustrie sowie die Chemiebranche dürften dafür garantieren. Einen Durchbruch der Elektromobilität und eine Fortsetzung des Booms der erneuerbaren Energien halten die IEA-Experten zwar für wahrscheinlich - ein neue Phase sehr hoher Ölpreise in der Zeit nach 2020 wird das allein nicht verhindern können. Myron Watkins hatte eben einfach recht.