Neuer Anbieter Im Kryptogeld-Kasino

Onecoin will die Nummer eins der Digitalwährungen werden. Experten warnen davor, dem märchenhaften Erfolg des neuen Anbieters zu glauben.

Von Lukas Zdrzalek

Ruja Ignatovas Lebenslauf muss andere Menschen neidisch machen, so prall gefüllt ist er - aber der Bulgarin scheint das Erreichte nicht genug zu sein. Ignatova studierte Rechtswissenschaften in Oxford und Konstanz, beriet Firmen für McKinsey und verwaltete einen der größten Investmentfonds Bulgariens, 250 Millionen Euro war er schwer. 2014 krönte man sie in ihrem Heimatland gar zur Wirtschaftsfrau des Jahres. Das alles könnte jetzt verblassen, wenn Ignatovas aktueller Plan aufgeht: mal eben die größte Digitalwährung der Welt erschaffen.

Anders als Bitcoin ist die Währung zentral organisiert - und damit leichter manipulierbar

Bislang ist Bitcoin das führende Kryptogeld, doch jetzt will Ignatova diesen Platz mit ihrem Onecoin einnehmen. Die Bulgarin schuf die Währung 2014, inzwischen sollen alle Onecoins zusammen fast vier Milliarden Euro wert sein - nur Bitcoin hat eine noch höhere Marktkapitalisierung. Rund 2,6 Millionen User sollen Onecoin nach Firmenangaben bereits nutzen, mehr als 60 000 davon stammen aus Deutschland. Das Digitalgeld versucht, hierzulande noch mehr Nutzer zu werben, etwa in dieser Woche auf Veranstaltungen in Frankfurt und München. Doch Experten, etwa österreichische Verbraucherschützer und das Magazin Finanztest, warnen Anleger davor, dem märchenhaften Aufstieg der Kryptowährung zu trauen - und auch nur einen einzigen Onecoin zu kaufen.

Onecoin und Bitcoin unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt. Bitcoin ist wie viele andere Digitalwährungen dezentral organisiert. Das bedeutet erstens, dass die Nutzer neue Bitcoins eigenständig an ihrem Computer erschaffen können, ohne auf einen zentralen Vermittler angewiesen zu sein. Zweitens können die User die Währung frei an Börsen handeln. Beides schmälert den Einfluss Einzelner auf den Kurs.

Ignatovas Onecoin dagegen ist eine zentralisierte Kryptowährung. Nutzer können auf der Onecoin-Webseite nur sogenannte Tokens einreichen, also Ansprüche auf neue Krypto-Münzen, für die sie vorher bezahlen müssen. Onecoin selbst erschafft dann mit den Tokens neue virtuelle Münzen. Der Nachteil für Anleger: "Es hängt maßgeblich von Onecoin ab, wie viele digitale Münzen geschürft, erworben und verkauft werden", warnt Renate Daum von Finanztest. Zudem können Nutzer Onecoin nur auf der währungseigenen Webseite erwerben und verkaufen. Erst später soll das Kryptogeld frei handelbar sein; in welche Richtung sich dann der Kurs entwickelt, erscheint kaum vorhersehbar.

Bislang soll das Digitalgeld quasi nur an Wert gewonnen haben: Anfangs kostete ein einzelner Coin noch rund 50 Cent, inzwischen sind es angeblich fast sieben Euro. Ein Grund dafür ist, dass die Kryptowährung viele neue Nutzer dazugewonnen hat - was an der Art und Weise liegen könnte, wie sie User wirbt: Onecoin zahlt Alt-Nutzern Provisionen, wenn sie neue User werben. Das System scheint sich immer mehr in Deutschland auszubreiten, so fragte etwa ein Finanztest-Leser kürzlich bei dem Magazin nach, ob es sinnvoll sei, in Onecoins zu investieren. Sein Hausarzt hätte ihm dazu geraten.

Anleger müssen sich die Frage stellen, was Onecoin ihnen bieten kann, wenn ein geringerer Nutzer-Zustrom einmal den Kurs beeinflusst. Die Antwort ist: bisher recht wenig. Auf Anfrage nennt Onecoin kein einziges Unternehmen, das die Krypto-Währung als Zahlungsmittel akzeptiert - nicht in Deutschland, nicht mal weltweit.

Verbraucherschützer kritisieren die mangelnde Transparenz des Unternehmens

Ignatova wirbt damit, dass Onecoin einfacher zu handhaben sei als der angeblich komplizierte Bitcoin. Ein Youtube-Video zeigt, wie sie auf einem Treffen in Frankfurt lästert, Bitcoin sei nur etwas für Nerds mit mehreren PCs gleichzeitig. Onecoin dagegen sei für Millionen von Menschen geeignet, behauptet Ignatova. Widersprüchlich dazu erscheint, dass die Bulgarin den Nutzern Schulungspakete verkauft - ohne die die User erst gar keinen Zugang zu der virtuellen Währung erhalten. Kosten: zwischen 110 Euro und 180 000 Euro.

Verbraucherschützer kritisieren die mangelnde Transparenz von Onecoin im Hinblick auf das Unternehmen selbst. Auf der Webseite fehlt ein Impressum mit der Anschrift und dem Namen eines Vertretungsberechtigten. "Das ist unseriös. Nutzer wissen noch nicht einmal, mit wem genau sie eine Geschäftsbeziehung eingehen", sagt Bettina Schrittwieser, österreichische Verbraucherschützerin und Digitalgeld-Expertin.

Onecoin wehrt sich gegen die Kritik. "Wir folgen den Regeln guter Unternehmensführung und halten uns an die Gesetze", schreibt die Pressestelle. Onecoin sei ein ganz gewöhnlicher Direktvertrieb.

Ignatova scheint ihre Digitalwährung unterdessen zu einem wahren Firmen-Netzwerk auszubauen. Mittlerweile zählen zu der Gruppe etwa eine Börse, ein Marketing-Unternehmen und ein Kryptogeld-Kasino. Das "Coin-Vegas" biete den Spielern "100% Unterhaltung". Hoffentlich verzockt sich niemand.