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Neue Medizin:Roboter am OP-Tisch

17 03 2014 Martin Luther Universität Halle Universitätsklinikum Kröllwitz Klinikum Krankenhaus Op

Auch in Deutschland gibt es Leuchtturmprojekte, wenn es um digitale Gesundheit geht: Ein Operationsroboter assistiert einem Arzt am Universitätsklinikum in Halle (Saale).

(Foto: Steffen Schellhorn/imago)

Elektronische Patientenakten, intelligente Krankenhäuser: Was bringen die neuen Technologien im Gesundheitssektor? Und wer bremst eigentlich den Fortschritt?

Von Michaela Schwinn

Sinan Perin hatte es satt. Immer dieser Piks in den Finger, viele Male am Tag. Keine Nacht konnte er durchschlafen, manchmal stand er alle zwei Stunden auf, um seinen Blutzucker zu messen. War der Wert zu hoch? War er zu niedrig? Diese Fragen verfolgten ihn täglich, morgens am Schreibtisch und abends auf der Couch.

Perin wollte sich nicht damit abfinden, er wollte wieder leben, auch mit Diabetes. Also bestellte er einen Sensor, der den Zuckergehalt im Gewebe automatisch misst, der ihm ein Signal gibt, wenn der Wert zu hoch oder zu niedrig ist. "Ich wusste, wenn sich das System nicht meldet, ist alles in Ordnung." Zum ersten Mal seit Jahren fühlte er sich sicher. Bis ein Tag im Mai alles veränderte: Die App fiel aus, der Server war überlastet. "Da wurde mir bewusst, wie abhängig ich von der Technik war."

Als Sinan Perin am Dienstagmorgen beim Digital Health Kongress der Süddeutschen Zeitung auf die Bühne tritt und von seiner Krankheit erzählt wird schnell klar: Kaum eine Geschichte hätte die Veranstaltung besser einleiten können. In ihr stecken die Chancen neuer Technologien. Die Hoffnung, dass sie dabei helfen können, Krankheiten zu heilen oder sie besser zu ertragen. In ihr stecken aber auch Zweifel, Ängste und Gefahren, die die Digitalisierung mit sich bringen kann.

"Wir haben noch täglich über 400 Fax-Geräte im Einsatz."

Diese beiden Seiten, das Wollen und das Zögern, ziehen sich an den zwei Kongresstagen durch alle Diskussionen, egal ob es um die elektronische Patientenakte geht, um intelligente Krankenhäuser oder um Algorithmen, die Daten auswerten können.

Besonders eindrucksvoll zeigte sich bei der Veranstaltung, wie sehr die Visionen einer digitalen Gesundheit und der Alltag in Arztpraxen und Kliniken auseinanderklaffen. Und Visionen gab es an den beiden Tagen viele: So sagte die Medizinethikerin Christiane Woopen: "Das Hauptrisiko der Digitalisierung liegt darin, die Gesundheitsdaten nicht zu nutzen." Der Geschäftsführer der Gematik Markus Leyck Dieken ging sogar noch einen Schritt weiter und zitierte einen Kollegen: "Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, wo ein Arzt einen Kunstfehler begeht, wenn er keine künstliche Intelligenz einsetzt."

Irgendwann. Denn im Panel "Krankenhaus 4.0" gab Dominik Pförringer, Facharzt am Klinikum rechts der Isar, offen zu: "Wir haben noch täglich über 400 Fax-Geräte im Einsatz." Nicht selten komme es vor, dass Ärzte einen Befund aus dem Labor per Fax bekommen, diesen dann einscannen und verschlüsseln, um ihn per Mail weiterschicken zu können - welche dann vielleicht wieder ausgedruckt und gefaxt wird. "Das ist Irrsinn", sagt Pförringer.

Das Faxgerät, das sich noch in den meisten Praxen und Krankenhäusern findet, zeigt ganz deutlich, wo Deutschland bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen gerade steht: sehr weit hinten. Bei einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Thema digitale Gesundheit landete die Bundesrepublik gerade einmal auf Platz 16 von 17 untersuchten Staaten.

"Dabei geht es nicht nur um den einzelnen Euro, sondern um Verbesserungen für die Patienten."

Andere Länder sind in dieser Hinsicht schon viel weiter. Ganz vorne dabei sind Estland, Israel, Kanada. Und auch Dänemark. Dort gibt es seit mehr als zehn Jahren eine digitale Plattform, auf der die Gesundheitsdaten aller Bürger gespeichert sind. Sie melden sich im System an und können dort Arzttermine vereinbaren, sich E-Rezepte herunterladen, ihren Impfpass checken oder Röntgenbilder an den Orthopäden schicken.

Dabei gibt es auch in Deutschland Leuchtturmprojekte, wenn es um digitale Gesundheit geht - etwa das Klinikum Hamburg-Eppendorf. Als erstes Universitätsklinikum Europas führte es 2011 die digitale Patientenakte für das gesamte Krankenhaus ein. Es gibt 3-D-Drucker, die Modelle von Herzen, Knochen oder Lungen herstellen können, um komplizierte Eingriffe besser vorzubereiten, vier Operationsroboter, die bei der Entfernung von Prostatatumoren eingesetzt werden, und eine digitale Apotheke.

Aber auch in Hamburg "gibt es noch viele Schranken zu überwinden", sagt Marya Verdel, Kaufmännische Direktorin der Klinik, beim Kongress. Ein Problem sei die Finanzierung: IT koste viel Geld, sagt sie, aber wie sehr man von neuer IT profitiere, sei nur schwer zu belegen. "Dabei geht es nicht nur um den einzelnen Euro, sondern um Verbesserungen für die Patienten."

Ihrer Meinung nach bräuchte es mehr Studien, die zeigen, was neue Technologien leisten. Können elektronische Akten Doppeluntersuchungen vermeiden, und wenn ja, wie häufig? Kommt es nach Operationen mit Robotern zu weniger Komplikationen? "Das alles müsste man untersuchen", sagt Verdel, "damit wir sehen, was die Innovationen wirklich bewirken."

Marcel Weigand vom Aktionsbündnis Patientensicherheit hingegen würde nicht nur dokumentieren, was Technik bereits bewirkt hat, sondern auch, was sie bewirken soll. Die Politik müsse dafür konkrete Ziele vorlegen - etwas einen bestimmten Prozentsatz an unnötigen Doppeluntersuchungen, die vermieden werden konnten: "Eine Digitalisierung als Selbstzweck ist sinnlos" - dieser Satz fiel an den beiden Kongresstagen gleich mehrmals.

© SZ vom 27.09.2019
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