Netzwerkausrüster Nokia übt das Comeback

SZ-Grafik; Quelle:Gartner

Das Unternehmen war berühmt für seine Handys. Aber Mobiltelefone baut es schon lange nicht mehr. Nun versucht sich der Konzern als Netzwerkausrüster. Was die Finnen nicht können, soll der Neuerwerb Alcatel-Lucent liefern.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Netzwerkausrüster, das klingt so abstrakt. Weniger greifbar als Handy-Ikone. Das Produkt, mit dem Nokia zurück an die Weltspitze möchte, lässt sich nicht in die Hosentasche stecken. Mobiltelefone, die den finnischen Konzern berühmt machten, stellt er längst nicht mehr her. Nokia baut jetzt Mobilfunknetze, liefert die Technik dazu, bietet Mobilfunkanbietern seine Dienste an. Weltweit größter Netzwerkausrüster möchte Nokia werden, und dafür das französische Unternehmen Alcatel-Lucent übernehmen. Vergangene Woche hat die Europäische Kommission den Weg dafür frei gemacht.

Es soll Nokias großes Comeback werden, die Dimensionen sind enorm: 15,6 Milliarden Euro ist Alcatel-Lucent wert. Es ist etwa dreimal so viel Geld, wie Microsoft 2013 für Nokias Handy-Sparte bezahlte. Der Umsatz der beiden Konzerne zusammen genommen ist so hoch wie die Hälfte des gesamten finnischen Staatshaushalts. Es wäre die größte Übernahme in der Geschichte des Landes, so der finnische Staatssender Yle. Trotzdem: Über Nokias Pläne mit Frankreich sei im Land vergleichsweise wenig diskutiert worden, sagt Timo Seppälä, Wirtschaftsexperte vom finnischen Think-Tank Etla. Nokia ist für Finnland eben nicht mehr, was es einmal war - der wichtigste Konzern für die Wirtschaftsleistung des Landes. Heute, sagt Seppälä, schaffe es Nokia nicht mal mehr unter die zehn bedeutendsten Unternehmen, wenn es um Wertschöpfung für Finnland gehe. Mit der Übernahme von Alcatel-Lucent könnte sich das ändern.

Es gab viele Umstrukturierungen, die Freude über den Neustart ist deshalb eher verhalten

Der französische Konzern bringt mit, was Nokia fehlt: Besseren Zugang zum amerikanischen Markt und die Technologie für Festnetze. Gemeinsam könnten sie Marktführer Ericsson aus Schweden angreifen und die gefährliche Konkurrenz aus China abhängen. Dass sich die Finnen trotzdem nur vorsichtig freuen, liegt wohl auch daran, dass es bei Nokia in den vergangenen Jahren viele Umstrukturierungen gab, aber nur selten gute Nachrichten. Vor fünfzehn Jahren war Nokia noch für ein Prozent der Arbeitsplätze in Finnland und für vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes verantwortlich. Doch bereits 2010 zeigte sich, dass die Finnen mit ihrem Mobiltelefon den Anschluss verpasst hatten und Marktanteile verloren. Nokia bekam damals einen neuen Chef: Stephen Elop kam direkt von Microsoft und begann, bei Nokia kräftig Leute rauszuwerfen. 2011 verkündete er, man werde nun eng mit Microsoft zusammenarbeiten, 2013 kaufte Microsoft Nokias Handy-Sparte. Übrig blieb die Netzwerktechnik und der digitale Kartendienst Here. Den will Nokia nun auch verkaufen, an die deutschen Autohersteller Audi, BMW und Daimler, für 2,5 Milliarden Euro. Geld, das Nokia für die Alcatel-Übernahme gut gebrauchen kann.

Den Abschied vom Nokia-Handy haben die Finnen längst verwunden. Die meisten hielten ihn heute für eine kluge Entscheidung, sagt Seppälä. Microsoft wurde schließlich auch nicht glücklich damit, strich viele Tausend Stellen und kündete Anfang Juli weitere Kürzungen an. Wieder trifft es Finnland: 2300 Menschen verlieren dort ihre Jobs, die meisten von ihnen im südfinnischen Salo, wo in den Siebzigerjahren die ersten Nokia-Werke öffneten. Nun schließt Microsoft seine Entwicklungswerkstatt dort. "Das bedeutet praktisch das Ende des Mobiltelefon-Betriebs des alten Nokia in Finnland", sagte Ministerpräsident Juha Sipilä, als die Nachricht Helsinki erreichte. Finnland steckt seit drei Jahren in einer Rezession, mit ausgelöst durch den Nokia-Niedergang.

Der Zusammenschluss könnte Stellen kosten, wohl vor allem im Norden

Eine Sorge ist nun, dass der neue Zusammenschluss zwischen Nokia und Alcatel-Lucent weitere Jobs kostet. Gemeinsam haben die Konzern weltweit mehr als 100 000 Mitarbeiter im Netzwerk-Bereich. Den Franzosen musste Nokia versprechen, bei einer Übernahme vorerst keine Stellen in Frankreich abzubauen. Wird es stattdessen Finnland treffen? "Zuerst hat sich der Deal angehört wie gute Neuigkeiten", sagt Pertti Porokari, Chef der Finnischen Ingenieurs-Gewerkschaft, zu Reuters. Doch es würden wohl Stellen gestrichen, und die Tatsache, dass es viel teurer sei, Menschen in Frankreich zu feuern als in Finnland, mache die Aussichten nicht mehr so gut. Auch Jukka Oksaharju, Analyst beim schwedischen Online-Broker Nordnet, hält es für wahrscheinlich, dass die Übernahme Finnland Jobs kosten wird. Trotzdem sei sie zwingend für das Unternehmen. "Ohne diesen Zusammenschluss wäre Nokias eigenes Geschäft zu klein, um global mitzuhalten", sagt er. Für Anleger sei der Deal die beste Nachricht, weil Nokia die Übernahme nicht bar bezahlt, sondern Alcatel-Lucent-Aktien gegen Aktien des "neuen" Nokia tauscht. "Nokia verkauft einen Teil von sich selbst, um 100 Prozent von Alcatel-Lucent zu bekommen", so Oksaharju.

Doch es bleiben Risiken. Nokias Chef Rajeev Suri wird immer wieder gefragt, ob er denn glaube, dass die Kulturen der beiden Unternehmen zueinanderpassten. Andere Zusammenschlüsse waren mühsam, Nokia und Siemens etwa harmonierten beim gemeinsamen Netzwerkgeschäft "Nokia Siemens Networks" (jetzt nur noch "Nokia Networks") nicht so gut. Suri antwortete auf solche Bedenken meist, dass es dieses Mal kein Zusammenschluss werde, sondern eine Übernahme. Damit ist auch klar, wer das Sagen hat, nämlich Nokia.

Auch zum Anfassen soll es Nokia bald wieder geben. Die Entwicklungsabteilung stellte diese Woche eine neue Kamera vor, die Rundum-Aufnahmen aufzeichnen und eine virtuelle Realität erschaffen soll. In China vertreibt Foxconn ein Tablet unter dem Nokia-Logo, designt vom Nokia-Team. Die Finnen suchen derzeit auch einen Partner, der ein Handy bauen und vertreiben könnte. Allerdings geht das erst, wenn der Name wieder frei ist. Bis Ende 2016 gehören die Rechte am Nokia-Mobiltelefon noch Microsoft.