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Nachbarstädte:Mainhattan gegen Arrival City

Die Frankfurter Skyline von Offenbach aus betrachtet. Nicht nur der Main trennt die beiden Städte.

(Foto: Westend61/mauritius images)

Die Rivalität zwischen Frankfurt und Offenbach ist legendär. Begonnen hat es mit dem Bau einer Burg, später war es Fußball. Viele Einwohner der beiden Städte halten das Konkurrenzdenken aber längst für überholt.

Von Sebastian Niemetz

Zwei junge Männer in Kapuzenpullovern stehen in der Frankfurter Straße, einer der zentralen Einkaufsmeilen von Offenbach am Main, vor einem Schnellrestaurant. In großen Buchstaben prangen die Worte "Damaskus Falafel Haus" über dem Eingang. "Hier gibt's die besten Falafel", sagt Markus, einer der beiden Studenten. "Drüben auf der anderen Seite vom Fluss schmecken sie nicht so gut." Und teurer wären sie dort auch, fügt sein Freund Halil grinsend hinzu. Als Außenstehender erkennt man schnell - die Rivalität zwischen Frankfurt und Offenbach beginnt wohl schon beim Essen.

Auch in den Kneipen der beiden Städte werden gerne einmal Witzchen über die Leute auf der anderen Seite des Mains gerissen. "Man darf die Sticheleien untereinander aber nicht zu ernst nehmen", sagt Halil mit einem Augenzwinkern. Das gehöre einfach zum Leben in den Nachbarstädten dazu.

Immer mehr Menschen arbeiten in Frankfurt und wohnen in Offenbach. Das nützt beiden

Für echte Konkurrenz sind die beiden Städte eigentlich auch viel zu unterschiedlich: auf der einen Seite Frankfurt, mit 730 000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Deutschlands; auf der anderen Seite Offenbach, mit 130 000 die fünftgrößte Stadt Hessens. Hier der internationale Finanzplatz mit den glitzernden Wolkenkratzern des sogenannten "Mainhattan"; da die Arbeiterstadt mit der höchsten Arbeitslosen- und Hartz-4-Empfängerquote des Bundeslandes, samt Erinnerungen an wirtschaftlich bessere Tage, als Offenbach noch ein Zentrum der deutschen Lederwarenindustrie war. Selbst im Fußball werden die Erzrivalen Offenbacher Kickers und Eintracht Frankfurt mittlerweile durch drei Ligen getrennt.

Trotzdem haben viele noch immer das Bild einer endlosen Fehde zwischen den beiden Städten im Kopf. Deren Wurzeln lassen sich in der Geschichte finden. Einer der ersten aufgezeichneten Streitfälle datiert aus dem Jahr 1414. Es ging um den Bau einer Burg in Offenbach, was den Frankfurter Adel nicht gut dünkte. Zweihundert Jahre später, im Dreißigjährigen Krieg, demütigte der Schwedenkönig Gustav Adolf die Frankfurter Ratsherren im Isenburger Schloss in Offenbach und zwang sie zur Kapitulation. Und als sich Offenbach schließlich im 19. Jahrhundert als erfolgreiches Zentrum der Industrialisierung etablierte, hinkte Frankfurt mit seinem altherrschaftlichen Bürgertum und seinen Handwerkszünften der Moderne zunächst ziemlich hinterher.

Mit dem Alltag der Menschen in Frankfurt und Offenbach haben diese Geschichtsbucheinträge jedoch wenig zu tun. "Jegliche Rivalität ist doch längst nur noch ein Fastnachtswitz", findet Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD). Seine Stadt weiß, dass sie einiges zu bieten hat - wie etwa bezahlbare Mieten, neu aufkommende hippe Stadtteile, den regional bekannten Wilhelmsplatz oder die idyllische Mainpromenade. "Wir schwimmen dennoch gerne im Kielwasser unserer größeren Nachbarstadt, das hat schon seine Vorteile. Aber wir beide wissen auch, dass man viele Probleme nur gemeinsam lösen kann", erklärt Schneider. Dass zum Beispiel immer mehr Menschen, die in Frankfurt arbeiten, nach Offenbach ziehen, nützt beiden: Die Bankenstadt mit ihrem Mangel an Wohnungen wird entlastet und die hochverschuldete Arbeiterstadt bekommt lang ersehnten Zuzug von Menschen aus einkommensstärkeren Bevölkerungsschichten. Schon seit Jahren kooperieren die beiden, vor allem im Bereich der Infrastruktur. Wer heute mit öffentlichen Verkehrsmitteln über die Stadtgrenze fährt, merkt nicht einmal, dass er von der einen in die andere Stadt wechselt. Doch bei Projekten im Bereich der Gewerbeansiedlung herrscht Konkurrenz, vor allem mit dem Umland. Weil nicht ein einziger Konzern seinen Sitz in Offenbach hat, entgehen der Stadt wichtige Gewerbesteuereinnahmen, sagt Schneider. Geld, das die mit knapp einer Milliarde Euro verschuldete Großstadt gut gebrauchen könnte.

Auch Offenbachs Fußball hängt schon lange in einer finanziellen Schieflage. Noch im Sommer 2016 drohte dem stolzen Traditionsverein die Pleite. Erst durch eine Spendenaktion konnten die Fans und Sponsoren der Offenbacher Kickers mehr als 600 000 Euro einsammeln und den Insolvenzantrag noch einmal verhindern. Mehrere Hunderttausend Euro soll weiterhin ein Benefizspiel einbringen - das sogenannte "Retterspiel" gegen den FC Bayern München Ende August 2017.

Unterdessen kämpfen die Offenbacher in der Regionalliga Südwest weiter gegen den Abstieg, während Bundesligist Eintracht diese Saison sogar Aussicht auf einen der Champions League-Plätze hat. "Wir Kickers-Fans sind eben geboren, um zu leiden", sagt Thorsten Franke, Gründer des Fan-Museums des Vereins. Dem gebürtigen Offenbacher kam vor fast zehn Jahren die Idee, seine persönliche Sammlung an Kickers-Fanartikeln, die er über ein Vierteljahrhundert gesammelt hatte, auszustellen. Das gefiel so vielen Menschen, dass die Ausstellung kurzerhand in ein ständiges Fan-Museum umgewandelt wurde - keine 600 Meter vom geschichtsträchtigen Stadion am Bieberer Berg entfernt.

Selbst wenn man nicht mehr oft auf den Erzrivalen Eintracht trifft, ist im Fußball die alte Rivalität noch immer zu spüren. Der leidenschaftliche Fan Franke erklärt sich das so: "Offenbach ist der Arbeiterverein, Frankfurt der Bankenverein. Die haben eben mehr Sponsoren und mehr Gelder auf der anderen Seite vom Main."

Und dann wäre da noch die spannungsreiche Fußballgeschichte: Im berüchtigten Finalspiel um die deutsche Meisterschaft 1959 gewannen die Frankfurter im Derby gegen die Kickers - unter anderem durch einen bis heute umstrittenen Elfmeter. Als ihr Verein vier Jahre später bei der Gründung der Bundesliga nicht zur obersten Liga zugelassen wurde, fühlten sich die Offenbacher wieder ungerecht behandelt - die Erinnerung daran schmerzt noch heute viele Fans. Doch man bleibt seiner Mannschaft nun einmal auch in schlechten Zeiten treu, weiß Franke. Und treue Fans haben die Offenbacher Kickers, die vor 47 Jahren immerhin den DFB-Pokal gewannen, noch in der ganzen Bundesrepublik.

Die Integration der vielen Migranten läuft in Offenbach vergleichsweise entspannt ab

Für viele Menschen in Deutschland repräsentieren Frankfurt und Offenbach aber auch die dunkle, kriminelle Seite des Stadtlebens. Gangsta-Rapper wie der gebürtige Offenbacher Aykut Anhan - besser bekannt unter seinem Nom de Guerre Haftbefehl - nutzen diesen Ruf und texten regelmäßig über Drogen, Raub und Gewalt in den beiden Mainstädten. "Meine Stadt ist wie 'ne Kopfnuss in die Fresse", rappt Anhan in einem Song und meint dabei eigentlich beide, Offenbach und Frankfurt. Letztere gilt sogar als "Hauptstadt des Verbrechens", was daran liegt, dass dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten kriminellen Delikte in Deutschland aufgezeichnet werden.

Was jedoch häufig nicht erwähnt wird: Diese Statistik beinhaltet auch alle Delikte, die auf dem Frankfurter Flughafen begangen werden - dem mit 61 Millionen Passagieren im Jahr 2015 viertgrößten Verkehrsflughafen Europas. Rechnet man das heraus, besetzen Frankfurt und Offenbach im kriminalstatistischen Großstädtevergleich nur noch Mittelfeldpositionen.

"Offenbach ermutigt uns, die Dinge, die wir noch nicht zu Ende geregelt haben, weiter couragiert anzugehen", sagte Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Besuch in der Mainstadt Ende November 2016. Mit mehr als 60 Prozent ist sie die Stadt mit dem höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in ganz Deutschland. Für viele Ankommende ist Offenbach der erste Anlaufpunkt in der Bundesrepublik, weswegen die Stadt den inoffiziellen Titel "Arrival City" trägt. Das ist natürlich auch mit Herausforderungen verbunden, denn besonders die hohe Fluktuation der Bevölkerung birgt Probleme. Viele Migranten kommen zwar dort an, ziehen aber in den folgenden Jahren wieder weg. Für ein solideres soziales Umfeld bräuchte es aber mehr Beständigkeit - vielleicht ein weiterer Grund, warum der Zuzug von mittelständischen Frankfurtern der Stadt guttun würde.

Trotzdem läuft die Integration in Offenbach seit Jahrzehnten vergleichsweise entspannt ab. Warum sie gerade dort bisher so erfolgreich funktioniert, lässt sich unter anderem durch den sukzessiven Zuzug erklären: Schon zu Beginn der 1960er-Jahre kamen die ersten Gastarbeiter aus Italien; in den folgenden Jahren aus Griechenland, Spanien und Portugal. Später aus Marokko und der Türkei, und in den Neunzigerjahren vor allem aus Jugoslawien und dem Balkan. Migration gehört zu Offenbach, immerhin sind in der heutigen Bevölkerung der Stadt stolze 152 Nationen vertreten.

Dass man in Sachen Integration vieles von Offenbach lernen kann, zeigt auch das "Damaskus Falafel Haus": Im vergangenen Jahr gründeten zwei syrische Flüchtlinge, Hamadei Eyad und Hussam Alsabbgh, das Restaurant. Mittlerweile ist ihr Geschäft der wahrscheinlich beliebteste Falafelladen der Stadt. Das können die Studenten Halil und Markus bezeugen, denn beide wohnen in Offenbach, studieren aber an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Hinter der endlosen Geschichte der rivalisierenden Nachbarn am Main steckt also nicht mehr viel; zu wichtig ist man füreinander, zu verwachsen sind die Städte. Doch beim Fußball und der Fastnacht wird es wohl dabei bleiben, dass gegenseitig Zoten über die "dord driwwe" auf der anderen Seite des Flusses gerissen werden.

© SZ vom 27.01.2017
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