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Musikfestivals:Der Reiz des Ungewöhnlichen

Zuschauer und Atmosphäre am 4 Juli 2014 beim Summerjam Festival am Fühlinger See in Köln Konzert

Sommer, Sonne, Musik: Der Summer Jam am Fühlinger See in Köln ist eines von vielen kleineren Festivals in der Region.

(Foto: Manngold/imago)

Zwischen Dortmund und Düsseldorf haben sich zahlreiche kleinere Festivals etabliert. Klassik, Jazz, Reggae oder Pop haben hier ihre Nischen gefunden.

Nordrhein-Westfalen hat 18 Millionen potenzielle Hörer, und entsprechend vielfältig ist die Festivallandschaft. Alles überstrahlende Leuchttürme wie Bayreuth oder Donaueschingen sind zwar nicht dabei, dennoch gibt es zahlreiche Veranstaltungen von Klassik über Jazz zum Pop, zwischen Tradition und Avantgarde, die sich über die Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht haben. Dabei sind es vor allem die mittelgroßen Festivals, die sich als besonders nachhaltig und prägend erwiesen haben.

Was 1984 als Bochumer Klaviersommer begann, hat sich seit 1989 unter dem Namen Klavier Festival Ruhr zum "wichtigsten Klavier-Ereignis weltweit" entwickelt, so die Einschätzung von Intendant Franz Xaver Ohnesorg. 80 Konzerte - von Klassik bis Jazz - locken im Frühjahr regelmäßig 60 000 Zuschauer in die Konzertsäle, barocken Schlösser und ehemaligen Industrieanlagen zwischen Dortmund und Düsseldorf. "Die Gründerväter des ,Initiativkreises Ruhr' hatten inmitten der Kohle- und Stahlkrise von 1988 die Vision eines neuen Ruhrgebiets, das den dort lebenden Menschen neue Perspektiven und damit auch neue kulturelle Identifikationsmöglichkeiten bieten sollte", erzählt Ohnesorg.

Das Klavier Festival Ruhr widmet sich kommendes Jahr dem Komponisten Max Reger

Martha Argerich und Jewgenij Kissin haben hier ebenso gespielt wie Chick Corea oder Lang Lang. Im kommenden Jahr widmet sich das Festival schwerpunktmäßig dem Komponisten Max Reger, dessen Todestag sich am 11. Mai zum 100. Mal jährt.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Veranstaltungen, die sich zeitgenössischer Musik widmen. Zu den wichtigsten gehören die Wittener Tage für neue Kammermusik, Acht Brücken in Köln oder die Ruhrtriennale und das mittlerweile auch international bedeutende "Festival der Künste", das alljährlich im Spätsommer in den alten Industriegebäuden an Ruhr und Emscher stattfindet. Dort stehen auch Theaterstücke, Filmvorführungen und Kunstinstallationen auf dem Programm.

Moderner Jazz ist beim Moers Festival zu hören. Seit 1972 findet es in der Stadt am linken Niederrhein statt. Festivalleiter Reiner Michalke, der vor zehn Jahren die Nachfolge des Gründers Burkhard Hennen antrat, nannte Moers kürzlich die "Documenta des Jazz". Standen die Auftritte in den 1970er-Jahren noch komplett unter dem Einfluss des Free Jazz, so öffnete sich das Festival im Laufe der Jahrzehnte dem Punk, der Noise- und Weltmusik, dem Hip-Hop oder Funk. Prägte die europäische und US-amerikanische Avantgarde um Irène Schweizer, Anthony Braxton, Peter Brötzmann und Misha Mengelberg noch die Anfangsjahre, kamen später prominentere Namen wie Betty Carter, Art Blakey, Ornette Coleman oder Herbie Hancock hinzu. Das vielfältige Angebot wurde angenommen. Die Zahl der Besucher wuchs von anfangs 800 auf knapp 12 000 im Jahr 2015. Nach zahlreichen Standortwechseln findet das Festival seit zwei Jahren in einer eigens für das Festival umgebauten Halle statt. Und weil der Bund vergangenes Jahr beschloss, das Moers Festival in den kommenden drei Jahren mit jeweils 150 000 Euro zu unterstützen, sind auch die Gerüchte verstummt, die bereits das Ende der Veranstaltung prophezeiten.

Auf derartige Unterstützung ist man auf der anderen Seite des Niederrheins nicht angewiesen: Etwa 7000 Menschen treffen sich einmal im Jahr in Haldern, um in entspannter Atmosphäre ihrer Lieblingsmusik zu lauschen. Bühne und Zuschauerwiese sind eingerahmt von riesigen Bäumen, am Rand stehen kleine Bretterbuden, in denen Speisen und Getränke angeboten werden. Es gibt kein Gedränge und keine nerviges Gegröle wie bei großen Open Airs - stattdessen entspannte Gesichter und gute Sicht von allen Plätzen.

Haldern Pop entstand Anfang der 1980er-Jahre und bildet eine Art Antithese zu Mega-Events wie Rock am Ring oder Bochum Total. "Wir haben über Jahre eine Beziehung zu unserem Publikum aufgebaut, das unserem Geschmack vertraut und mit Aufmerksamkeit dankt. Dieses wissen auch immer mehr Künstler zu schätzen und mögen unser Festival genau dafür", sagt Geschäftsführer und Mitbegründer Stefan Reichmann. Standen bei der Premiere im Jahr 1984 ganze drei Bands auf dem Programm, sind es mittlerweile mehr als zehnmal so viel. Stars wie Bob Geldof oder Patti Smith waren dabei eher die Ausnahme; stattdessen kommen in der Regel Künstler nach Haldern, die entweder am Anfang ihrer Karriere stehen oder sich lieber abseits der großen Bühnen bewegen: Element of Crime, Notwist oder Tocotronic haben hier ebenso gespielt wie The National, Sophie Hunger oder Wilco. Reggae im weitesten Sinne gibt es beim Summerjam, das seit 1986 existiert und seit 1994 in Köln stattfindet. Es ist eines der größten Reggae-Festivals Europas.

Oper und Philharmonie öffnen ihre Türen nun auch Pop-Konzerten

Weitere Festivals im Spannungsfeld von Pop und Elektronik sind das New Fall Festival in Düsseldorf, das Traumzeitfestival im Duisburger Landschaftspark Nord oder das c/o pop in Köln. Das Festival trat im Jahr 2004 die Nachfolge der Popkomm an, die es, wie so viele andere, nach Berlin zog, um dort ein paar Krümel vom Hauptstadtkuchen abzubekommen. Zwölf Jahre später bestehe der Reiz des Festivals nach wie vor darin, "Pop-Künstler nicht nur in Clubs, sondern auch an ganz besonderen Orten zu sehen", sagt c/o pop-Geschäftsführer Norbert Oberhaus. Das Panoramahaus oder das Gebäude der Bundesbahndirektion wurden für Konzerte wiederentdeckt, zudem haben etablierte Kulturhäuser wie die Oper, das Schauspielhaus oder die Philharmonie ihre Türen der Popkultur weiter geöffnet. 30 000 Besucher bei den mehr als 60 Konzerten in diesem Jahr dankten es den Veranstaltern. Begleitet wird das Festival vom Branchentreff c/o pop Convention, an dem jährlich knapp 1000 Macher aus der Branche teilnehmen. "Durch ein gut funktionierendes nationales und internationales Netzwerk haben wir das Glück, sehr oft einen Trend zu erkennen und die Künstler früh abzuholen", sagt Oberhaus. Eine Tatsache, die sich auf die gesamte Festivallandschaft in Nordrhein-Westfalen übertragen lässt.