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Münteferings antikapitalistisches Fanal:Nicht etwa Altruismus

Das hat den erfahrenen Wahlkämpfer aus dem Sauerland beherzt zum kapitalismuskritischen Vokabular greifen lassen.

Doch kann das Land kaum weniger gebrauchen als ein taktisch erzeugtes Versprechen, das letztlich politisch folgenlos bleibt. Eben darunter leidet die Republik seit Jahren: An der Ergebnislosigkeit von Hoffnungen und der Ziellosigkeit eines diffusen Verdrusses.

Keine Kraft mehr

Präzise Fluchtpunkte einer sozialen Demokratie zeigen die Sozialdemokraten seit Jahren nicht mehr auf. Mehr noch: Sie haben gar nicht die soziale und moralische Kraft für einen energischen Antikapitalismus.

Dazu sind ihre Kerngruppen, dazu sind vor allem ihre Mandatsträger in den Parlamenten sozial viel zu sehr arriviert und öffentlich bedienstet etabliert. So waren die meisten Abgeordneten und Funktionäre der SPD von der plötzlichen Renaissance des Antikapitalismus ebenso überrascht wie die mediale Öffentlichkeit.

Auch die meisten SPD-Bundestagsabgeordneten sind eher verstört, haben erkennbar Mühe im Umgang mit den neuen kapitalismuskritischen Slogans und benutzen sie wie jene Volkshochschüler, die gerade damit beginnen, eine neue Fremdsprache zu lernen.

Klasse der "Überflüssigen"

Vor allem: Wer soll - wie man früher in der "Linken" sagte - das Subjekt des revitalisierten Antikapitalismus sein? Mit den neuen Unterschichten ist nicht zu rechnen. Einige Sozialwissenschaftler charakterisieren das dauerarbeitslose Neuproletariat als eine Klasse der "Überflüssigen".

Dieses Kennzeichen der Überflüssigkeit hat es in der Industriegesellschaft über 140 Jahre kaum einmal gegeben. Denn anders als die vorindustriellen Unterschichten war die moderne Arbeiterklasse für die kapitalistische Produktion lange Zeit konstitutiv. Daher war die Arbeiterklasse, gewissermaßen von 1870 bis 1970, durchaus ressourcenstark, hatte Selbstbewusstsein, besaß Organisationsfähigkeit, brachte kluge, ehrgeizige, über den Status quo hinausstrebende Anführer mit Zukunftsideen hervor.

Die neuen Unterschichten der Überflüssigen haben nichts davon: Keine Zusammengehörigkeit, kein Selbstbewusstsein, keine Idee von sich selbst, keine Ressourcen für Organisation, politische Projekte und disziplinierte, langfristige Aktionen. Sie mögen in Zeiten weiterer sozialer Verschlechterung zum Treibsand und Resonanzboden für erratische antikapitalistische Affekte taugen, aber sie werden nicht zu einem zielbewussten politischen Träger organisierten Protestes, um den es natürlich der arrivierten Sozialdemokratie auch gar nicht geht.

Abgefallene Eliten

Erfolgreicher politischer Protest wird von anderen sozialen Gruppen initiiert und angeführt. Fast durchweg handelt es sich um enttäuschte, wenn man so will: von ihrer primären Klasse abgefallene Eliten. Die Kritik am Kapitalismus würde nur dann Wucht, Zielstrebigkeit und Originalität bekommen, wenn sie - kühl formuliert - von ressourcestarken Gegeneliten, die nicht zum Zuge gekommen sind, aufgenommen würde.

Solche blockierten Gegeneliten bildeten in der Geschichte stets Motor und Führungsspitze aller großen Veränderungsbewegungen. Es sind eben enttäuschte Erwartungen und eine verbarrikadierte Zukunft, die solche Gruppen zur gegenelitären Aktivität und in das Bündnis mit den Schwachen treiben - nicht etwa Altruismus oder Gutmenschentum.

Die Soziologen sprechen hier nüchtern von einer Statusinkonsistenz, also von der Diskrepanz zwischen hohem Leistungspotenzial und geringer gesellschaftlicher Position, die in die Revolte führt.

Verunsichert und Freigesetzt

Kurzum: Das Subjekt einer Kapitalismuskritik können nicht die Marginalisierten sein, sondern eher die hochqualifizierten Ingenieure und Informatiker, die vor kurzem noch an den Segen einer neuen Ökonomie glaubten, jetzt aber verunsichert oder gar freigesetzt worden sind; die Universitätsabsolventen der letzten Jahre, die mehrere Sprachen erlernt haben, sich aber mit unbezahlten Praktika durch das Leben schlagen müssen.

Würde diese Gruppe sich als Gegenelite begreifen, würde sie die Kapitalismuskritik als Instrument entdecken, um die bürgerlichen Führungsgruppen herauszufordern, würde sie neue Gemeinwohlmetaphern erfinden und das Wahlbündnis mit den Verlierern nicht scheuen, dann gewänne die Münteferingsche Debatte eine Dimension, die weiter reicht - auch über die Sozialdemokratie hinaus.

Doch noch sind die blockierten jungen Eliten der Republik domestiziert. Schließlich haben sie Eltern mit großzügig ausgebauten Eigenheimen, in denen sie kostenlos Logis erhalten, wenn es mit dem Berufseinstieg nicht recht klappt. Und dazu sind da oft noch Großeltern, die ein Vermögen angespart und zu vererben haben. Allein das dämpft und sediert.

Im Ganzen doch recht saturiert

Insofern kann es schon sein, dass sich die Kapitalismuskritik in den nächsten Wochen und Monaten nur auf das folgenlose Genöle einer notorisch mürrischen, im Ganzen aber doch recht saturierten Gesellschaft beschränken wird.

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen.