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Mobilcom-Gründer Schmid:Wieder da

Die Telefone im Rücken, die Zukunft im Sinn: Gerhard Schmid will es noch mal wissen.

(Foto: Catherina Hess)

Er war Telekom-Schreck, Börsenmilliardär und landete in der Privatinsolvenz: Gerhard Schmid hat Höhen und Tiefen erlebt. Jetzt will er wieder angreifen - ausgerechnet mit der Blockchain.

Von Nils Wischmeyer und Victor Gojdka

Kaum zu glauben, dass dieser Mann einst Telekom-Schreck war. Dass Zeitgenossen dem Mobilcom-Gründer einst nachsagten, ein bissiger und zackiger Angreifer zu sein, ein Rambo gar, ein Schlitzohr. Kaum zu glauben, dass dieser Gerhard Schmid den Staatskonzern Telekom mit kessen Sprüchen und Kampfpreisen in die Ecke spielte. Inzwischen ist Schmid gemütlich geworden. Er schlendert im blauen T-Shirt durch die Münchner Innenstadt, wirkt tiefenentspannt. Nur manchmal lässt sich erahnen, dass Schmid innerlich noch ganz der alte ist: Wenn er von neuen Märkten spricht, von Wachstumschancen, von Geld - davon, dass er noch einmal loslegen will.

Vor 20 Jahren war Schmid ein Star des damals neuen Börsensegments Neuer Markt. Den Telekomschreck Mobilcom, mit der 01019 als Vorwahl, baute er mit dem Geld der Anleger in wenigen Jahren zum Milliardenunternehmen auf, machte sich im Festnetzmarkt breit und am Ende auch im Internet. Doch dann stürzten die Kurse in sich zusammen, Schmid musste Privatinsolvenz anmelden. Jahrelange Prozesse folgten, er schien am Ende.

Doch jetzt, mit 66 Jahren, sieht er eine neue Chance. Will bei der Blockchain-Technologie und dem Rummel um die virtuellen Digitalmünzen dabei sein. Ein Rummel, dem manche Beobachter einen zweideutigen Namen geben: der neue, neue Markt.

Gerhard Schmid packt seinen Laptop aus, um seine Geschäftsidee mit der Blockchain zu erklären. Noch existiert sie nur als Präsentation, auf der ersten Folie prangt der Zusatz "vertraulich". Abertausende Start-ups rund um den Globus werkeln aktuell an Ideen, was sich alles machen ließe auf Basis der Blockchain, dieser dezentralen und fälschungssicheren Datenbank. Geld jedoch verdienen damit die Wenigsten, Schmid stellt sich daher eine Frage: "Wo muss ich drehen, damit unten Geld rauskommt?" Er glaubt, das Rädchen gefunden zu haben.

Schmids neues Start-up will eine Art "Blockchain to go" anbieten und dafür einen App-Store nach dem Muster von Google oder Apple bereitstellen. Junge Unternehmer könnten darauf ihre Anwendungen feilbieten. Sie sollen Apps schaffen, die möglichst vielen Firmen nützlich sind. Denn akquiriert ein Anbieter mit seiner App auf Schmids Plattform viele Kunden, verdient er auch viel Geld. Die Hoffnungen von Schmid in die Blockchain-Technologie sind groß: Patientenakten könnten vom zerknitterten, braunen Hefter in das digitale Netzwerk wandern. Mittelständler die Lieferkette von Vorprodukten nachverfolgen - und niemand könnte diese Daten manipulieren.

Schmid selbst will den Programmierern alle lästigen Arbeiten abnehmen, das ganze Drumherum. Die Identität der Kunden feststellen? Machen Schmid und seine Leute. Prüfen, dass das Netzwerk schnell läuft? Klar, das auch. Doch ein zentrales Problem kann Schmid nicht leugnen: Gelingt es ihm nicht, genügend Firmen und Entwickler für seine Plattform zu begeistern, hebt auch die Plattform nicht ab.

Schmid weiß, wie nah Aufstieg und Fall zusammenliegen können. Er hat das alles erlebt. 1991 begann er mit dem Verkauf von Handyanschlüssen auf Provisionsbasis, als die Geräte noch Funktelefone hießen. Wenig später stieg er in den Festnetzmarkt ein, jagte der Telekom mit Kampfpreisen in kürzester Zeit Tausende Kunden ab. Fünf Zahlen machten Schmid zum Telekom-Schreck: 01019. 19 Pfennig pro Minute für jedes Ferngespräch im Festnetz, viel günstiger als die Telekom, das war seine Ansage. Dann stieg er auch ins Internetgeschäft ein. Baute Freenet auf und brachte die Firma an die Börse, wurde wiederum Konkurrent der Telekom. Sein großer Traum aber war ein eigenes Handynetz. Als die Bundesnetzagentur UMTS-Lizenzen zur Versteigerung bot, sah Schmid seine Chance gekommen. Doch alleine konnte er die Milliardenkosten nicht stemmen, er suchte einen Partner und fand ihn in France Télécom. Der französische Staatskonzern kaufte 28,5 Prozent von Mobilcom und versprach Milliarden-Investitionen in den Netzausbau. Diesen Verpflichtungen kamen die Franzosen aber nur schleppend nach, so geriet alles außer Kontrolle.

France Télécom und Schmid überhäuften sich anschließend mit Vorwürfen. 2002 flog Schmid aus seiner eigenen Firma. Dann ermittelte die Staatsanwaltschaft, sie glaubte, dass Schmid Aktien ins Ausland geschafft haben könnte. Am Ende war kaum mehr klar, wer in diesem Spiel wen übertölpelt hatte.

Das alles ist lange her. Jetzt will Schmid noch einmal loslegen. Es ist das Wachstumspotenzial des Blockchainmarktes, das den Unternehmer elektrisiert: "Das ist eine komplett neue Welt." Schmid gluckst, ringt nach Worten, die den Gigantismus beschreiben könnten. Der Unternehmer scheint wieder ganz in seinem Element: ein neuer Markt, viel Potenzial, ein unbekanntes Geschäftsmodell. Eigenes Geld steckt Schmid nicht in das Projekt, seine Familie aber habe über eine Gesellschaft investiert, sagt er. Im November will er digitale Gutscheine ausgeben und dafür Investorengelder einwerben, so wie es in der Blockchainszene üblich ist. Noch allerdings hat die Präsentation seiner Geschäftsidee nur 18 Seiten. Ein detaillierter Prospekt? "Coming soon", so steht es auf der Website.

Mit seiner Idee, Blockchain als Service anzubieten, nähme Schmid es mit Großen auf: "Im Markt für Blockchain als Service sind bereits Riesen wie IBM oder SAP aktiv", sagt Volker Brühl vom Center for Financial Studies. Gegen solch mächtige Konkurrenten müsste Schmid ankommen.

Es mit Großen aufzunehmen, davor hat Schmid keine Scheu. Er hat es schon einmal getan. Seine Stärke, das weiß er, ist das Marketing. Verkaufen kann er. Als er nun zum Fototermin kommt, fragt er kokett: "Soll ich für das Bild visionär schauen?"

© SZ vom 13.09.2018
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