Mittwochsporträt Gründerväter

Bernd Storm, Andreas Bruckschlögl und Felix Haas (von links) organisieren die Gründer-Konferenz Bits & Pretzels, um die Münchner Startup-Szene zu stärken. Erfahrung im Gründen haben sie selbst - und im Scheitern.

(Foto: oh)

Sie haben schon etliche Firmen gestartet und wollen nun mit "Bits & Pretzels" anderen Start-ups Mut machen: Bernd Storm, Felix Haas und Andreas Bruckschlögl organisieren Deutschlands größten Gründerkongress.

Von Katharina Kutsche

Die Turnringe baumeln hoch über den aufgebockten Schreibtischplatten, unerreichbar für Bernd Storm, Felix Haas und Andreas Bruckschlögl. Im Untergeschoss eines ehemaligen Schulgebäudes, nicht weit vom Münchner Hauptbahnhof, haben die drei sich ein ungewöhnliches Büro geschaffen. Wo vor Jahrzehnten die Schülerinnen eines Mädchengymnasiums an den Ringen schwangen, stehen nun zahlreiche Computer, die drei Jungunternehmer hocken in einer Sofaecke und besprechen sich mit ihrem Team.

Storm, Haas und Bruckschlögl haben schon zahlreiche Unternehmen gegründet, jeder von ihnen hat es mindestens zwei-, dreimal versucht - oft mit Erfolg, manchmal nicht. Nun versuchen die drei Münchner es gemeinsam, doch das Start-up aus der Turnhalle in der Paul-Heyse-Straße ist keine normale Firma, es will keine eigene Software entwickeln, keine coolen Gadgets, keine schicken Apps, so wie andere Start-ups. Sondern die drei Münchner wollen Mut machen; sie wollen andere junge Menschen dazu animieren, selber ein Unternehmen zu starten, ein Start-up, aus dem später vielleicht etwas ganz Großes erwächst.

Die drei machen das auch, weil sie Berlin, der hippen Gründerhauptstadt, nicht das Feld überlassen wollen. München, sagen sie, kann's doch auch. Deshalb haben sie Bits & Pretzels gegründet. So heißt das Unternehmen, und so heißt auch die Veranstaltung, die sie organisieren: ein dreitägiges Happening, das vom 25. bis 27. September in München stattfindet; ein Kongress mit 5000 Teilnehmern, der nach zwei sehr ernsthaften, mit Podiumsdiskussionen und Workshops vollgestopften Tagen dort endet, wo in München Ende September vieles endet: auf dem Oktoberfest, bei vielen Mass Bier im Wiesn-Zelt. Bits, Pretzels & Beer müsste es also eigentlich heißen.

Noch vier Wochen - dann eröffnet der dreitägige Kongress, der vor drei Jahren mal sehr viel kleiner begonnen hat: als Weißwurstfrühstück mit 80 Gästen. Man redete im Wirtshaus über das Gründen, tauschte sich aus, gab einander Tipps, aber blieb in München unter sich. Und das war vielleicht der Fehler. Denn während in Berlin im wahrsten Sinne des Wortes die Rakete abging und rund um Rocket Internet, die Holding der Samwer-Brüder, eine hippe Start-up-Szene entstand, blieben die Gründer in der bayerischen Landeshauptstadt recht bodenständig. Allzu bodenständig.

München ist perfekt: Es gibt Kapital, gute Unis und Konzerne als Partner

Bei einer Veranstaltung im Werk 1, einem Münchner Gründerzentrum, lernte Storm damals seinen heutigen Kompagnon Bruckschlögl kennen. Beide hatten als Gründer die gleiche Erfahrung gemacht: Alle reden nur über Berlin. "Da haben wir uns gesagt, das kann doch nicht sein", erzählt Storm. Denn München sei "eigentlich die perfekte Stadt zum Gründen: Du hast das Kapital, die Top-Unis, das kreative Potenzial, die Konzerne als Partner".

Also wurde das Frühstück immer größer, sie verlängerten die Einladungsliste, man zog mit dem Frühstück schließlich in den Löwenbräukeller um und hatte plötzlich über 1000 Teilnehmer. Vor einem Jahr wagten Storm, Bruckschlögl und Haas, der als Dritter hinzugestoßen war, dann den Sprung in die Messehallen, luden nicht bloß für einen Tag ein, sondern gleich für drei. Und 3500 Gäste kamen.

Was aber treibt die drei an? Warum verbringen sie so viele Stunden in der ehemaligen Turnhalle? "Wir verdienen alle mit unseren Firmen unser Geld und sehen das hier als arbeitsintensives Hobby", sagt Storm und lacht. "Als ausgeartetes Hobby", ergänzt Bruckschlögl. Der Reiz besteht vor allem darin, dass sie ihr eigenes Wissen, ihre eigenen Erfahrungen weitergeben können. Storm sagt: "Was uns ausmacht, das ist: viel Liebe zum Detail, Herzblut und ein gutes Verständnis für Gründer."

Bruckschlögl, 27, zum Beispiel hat vor vier Jahren die Software-Firma Onpage gegründet. Die Firma ist im gleichen Gebäude zu Hause wie Bits & Pretzels, auf den vier oberen Etagen. Bruckschlögl führt durch das Gebäude, die Räume sind groß, hell und mit Parkettboden. In der Küche steht Kuchen, einzelne Mitarbeiter stehen zusammen und besprechen sich. "Wir haben viel Mühe in die Räume gesteckt", sagt er, "wir wollen, dass sich das Team wohl- fühlt und gern zur Arbeit kommt. Auch wir Gründer verbringen hier viel Zeit." Er selbst arbeitet 15 bis 16 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche: "Am Wochenende gönne ich mir den Luxus, erst um zehn im Büro zu sein."

Mit einer Software überwacht Bruckschlögls Firma die Webseiten ihrer Kunden und prüft, ob diese technisch funktionieren, also von Suchmaschinen gefunden und von Internetnutzern vollständig aufgerufen werden können. Dafür bekam das Team 2013 den Eco-Start-up-Award als bestes Jungunternehmen. "Meine Vita beginnt wegen eines Sprachfehlers mit dem Förder-Kindergarten - heute stehe ich auf der Bühne bei Bits & Pretzels vor 5000 Leuten." Bruckschlögl ist stolz auf seinen Werdegang. "Das Abitur wollte ich in jedem Fall schaffen. Dass kein Studium im Anschluss folgt, war für mich in der Kollegstufe von Anfang an klar", sagt er, "ich bin weniger der Theoretiker, sondern besser im Learning by Doing."

Bruckschlögl war bereits als Zwölfjähriger geschäftstüchtig und vertickte über Ebay eine Rucksack-Lieferung aus dem Laden seiner Mutter in Mittelfranken - bis die Internet-Auktionsplattform die Verkaufsgebühren anhob und Bruckschlögl mit 14 Jahren seinen ersten Internet-Shop aufbaute. Vormittags ging er zur Schule, nachmittags verkaufte er Rucksäcke, seine Mutter packte die Kartons: "Ich hatte auf einmal ein brummendes Online-Geschäft." Aus jugendlichem Leichtsinn, so sagt er, gründete er einen zweiten Shop und verkaufte Mode, unterschätzte jedoch, wie viele Klamotten die Leute zurückschicken. Das Geschäft scheiterte, neben Schule und Triathlon-Training musste er sich von Mahnbescheid zu Mahnbescheid retten. Von seinen Fehlern habe er profitiert: "Ich wäre ohne diese Erfahrung nicht da, wo ich jetzt bin."

Die drei Gründungsväter von Bits & Pretzels wissen zudem: Manchmal wird man auch durch Zufall Unternehmer. Bernd Storm, 41, hat dies erlebt. "Meine Frau hatte vergessen, ihre Bahncard zu kündigen", erzählt er - ärgerlich, da sich der Vertrag automatisch um ein Jahr verlängerte. Als Storm der Frage nachging, wie man das künftig verhindern könnte, hatte er die Idee zu seinem Unternehmen: Gemeinsam mit einem Kompagnon entwickelte Storm das Portal Aboalarm, das nun 27 Mitarbeiter hat. Per Website und App können Verbraucher ihre Mobilfunk-, Fitnessstudio- oder sonstigen Verträge verwalten, widerrufen und kündigen. Die Plattform erinnert die Kunden an die Fristen und bietet eine Garantie, falls der Anbieter die Kündigung nicht akzeptiert.

"Scheitern verbrennt Geld, zerstört Karrieren - aber es stärkt für die nächste Herausforderung."

Für den Aufbau von Aboalarm suchte Storm gar nicht erst einen Investor: "Ich hätte auch keinen bekommen. Es war so ein komisches Produkt, das passte in keine Schublade. Und heute lehne ich dankend ab und bleibe unabhängig." Nach dem Studium arbeitete der promovierte Betriebswirt zunächst mehrere Jahre in der Strategieabteilung von Fujitsu. Anschließend ist er mit seinem ersten Start-up zunächst gescheitert und hat "viel Geld verbrannt", erzählt Storm, "und doch war das die beste Uni überhaupt."

Ein Gründer, sagt Haas, der Dritte im Bunde bei Bits & Pretzels, müsse eben ein Multitalent sein: "Er braucht grundlegende Eigenschaften wie Mut, Durchsetzungsvermögen, Talent, Leistungsbereitschaft. Er wird nichts hinbekommen, wenn er nur ein Drittel seiner Zeit arbeitet und zwei Drittel am Strand liegt. Er wird auch nichts hinbekommen, wenn er eigentlich keine Ahnung hat, worum es geht, und wenn ihm die Empathie fehlt, andere Menschen für seine Idee zu begeistern."

Haas ist mit seiner Firma im Uni-Viertel zu Hause, im Dachgeschoss eines Hauses in der Fürstenstraße. IDnow bietet Banken die Möglichkeit an, neue Kunden, die ein Konto eröffnen wollen, per Video-Live-Übertragung sicher zu identifizieren, eine Alternative zum Post-Ident-Verfahren. 45 Mitarbeiter arbeiten für IDnow. Auch Haas hat früh angefangen, mit 16 Jahren baute er eine Webseite für Fans von Computerspielen, "das habe ich aus meinem Kinderzimmer heraus betrieben." Nach dem Abitur studierte er Elektrotechnik in München und Zürich, dann zog er ins Silicon Valley, studierte als Gast in Stanford und arbeitete nebenbei im Entwicklungslabor von BMW. Dort arbeitete er an der Entwicklung mehrerer Patente mit; eines erlaubte es, das iPod von Apple mit einem BMW zu koppeln - damals etwas völlig Neues, weshalb sogar Steve Jobs vorbei kam, um sich die Erfindung erklären zu lassen; ein Erlebnis, das Haas prägte.

Sein erstes Start-up gründete er dann 2006, als er mit ein paar Freunden die Einladungen zu einer privaten Party per Internet organisieren wollte. Daraus entwickelten sie Amiando, eine Software für Veranstaltungsplanung und Online-Ticketverkauf; fünf Jahre später verkauften Haas und seine Partner die Firma an das Berufsnetzwerk Xing.

Den Erlös, sagt Haas, habe er zu 80 Prozent in andere Start-ups investiert. Eine seiner besten Investitionen sei eine Firma, deren Gründer vorher schon ein oder zwei Firmen an die Wand gefahren hatten: "Mir haben alle abgeraten, in diese Firma zu investieren. Aber sie haben gut erklärt, warum es damals nicht funktioniert hat und was sie nächstes Mal besser machen", sagt Haas. "Ich will das Scheitern nicht idealisieren. Scheitern verbrennt Geld, zerstört Karrieren und führt dazu, dass Mitarbeiter keinen Job mehr haben. Aber wenn Sie richtig scheitern, sind Sie gestärkt für die nächste Herausforderung."