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Mittwochsporträt:"Flexibilität ist mein Vorname"

David Ruetz arbeitete als Eventmanager für Konzerne wie VW oder Ruhrgas, seit 2004 organisiert er die größte Reisemesse ITB.

Summer Holiday Season Begins And Tourists Flock To The Beaches In Spain

Die Strände sind voll – nicht nur in Spanien. Der stetig wachsende Tourismus stößt allerdings an vielen Orten inzwischen an natürliche Grenzen, zunehmend regt sich deshalb auch Widerstand.

(Foto: David Ramos/Getty Images)

Der Mann hat normalerweise rund ums Jahr 20 Mitarbeiter, aber in dieser Woche sind es gut tausend Menschen, die auf ihn hören. Und das geht so: David Ruetz, 49, ist verantwortlich für die weltgrößte Tourismusmesse, die gerade, wie jedes Jahr im März, in Berlin stattfindet. Am Dienstagabend wurde die ITB eröffnet, bis einschließlich Freitag ist sie dem Fachpublikum vorbehalten. Am Samstag und Sonntag dürfen dann die Berliner in den Hallen auf dem Messegelände am Funkturm sozusagen durch die ganze Welt reisen. Kaum eine touristisch interessante Region irgendwo auf dem Globus ist hier nicht vertreten.

Ruetz ist kein lauter Mensch und kein Freund großer Worte, aber es hat schon was, wenn er mal einfach so sagt: "Ich verstehe mich bei der ITB als Gastgeber für 160 000 Gäste." Denn die neben dem World Travel Market in London wichtigste Veranstaltung der Reisebranche hat zwar keine 400 000 Besucher wie die auch wegen der vielen Kostproben sehr beliebte Grüne Woche. Aber die ITB lockt Aussteller und Gäste aus mehr als 180 Ländern und damit ein sehr internationales Publikum. Das schafft allenfalls noch die Innotrans, die alle zwei Jahre stattfindende Verkehrstechnik-Messe mit ihren sperrigen Exponaten aus der Welt der Eisenbahn.

Nun aber läuft erst einmal die Reisemesse ITB, die in diesem Jahr mit Mecklenburg-Vorpommern erstmals ein deutsches Bundesland als Partnerland präsentiert. Wer wie David Ruetz ein solches Großereignis vorbereitet, sowohl thematisch als auch organisatorisch, der braucht zugleich Stärke und Gelassenheit. Ruetz hat die vielleicht, weil er seit dem Jahr 2004 die ITB organisiert, vielleicht aber auch, weil er als ausgebildeter Pianist und Vater von vier Kindern immer Momente in sein Leben einbaut, die nichts mit dem Job zu tun haben.

Den Härtetest erlebte der gebürtige Schweizer gleich nach dem Studium in Zürich und Berlin am Beginn seines Berufslebens. Bevor der Kammermusik-Liebhaber 2001 zur Messe Berlin kam, war er nämlich als selbständiger Manager in der Tourismus- und Eventbranche tätig. Unter anderem arbeitete er für Ruhrgas und Volkswagen, zwei Konzerne, bei denen damals der in Fachkreisen legendäre Kommunikationschef Klaus Kocks wirkte, der heute noch manche TV-Talkshow mit buntem Business-Outfit und steilen Thesen unterhaltsam bereichert.

Damals also, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, durfte Ruetz als dynamischer Twen die feierliche Wiedereröffnung des VW-Werkes Sarajewo nach dem Ende der Jugoslawienkriege mitorganisieren. Alles schien trotz der widrigen Umstände perfekt vorbereitet. Dann sagte sich drei Tage vor dem VW-Event die US-Außenministerin Madeleine Albright für einen Truppenbesuch an und belegte das bis dahin für die Auto-Delegation reservierte Hotel. Das gab Stress für Ruetz, an den er sich so erinnert: "Da habe ich gelernt, dass Flexibilität mein Vorname ist."

Bei der Messe Berlin organisierte er anfangs Eröffnungsgalas, sorgte dafür, dass der rote Teppich rechtzeitig vor dem Bundespräsidenten ausgerollt wurde. Bei aller Kreativität müsse man eine Veranstaltung immer vom Ende zum Anfang denken und sich überlegen, wie die Gäste unterwegs emotional abgeholt werden, sagt Ruetz. Erst dann werde das Event zu einem Erlebnis - so seine Erkenntnis.

Oder auch das: Im Messewesen müsse man über die Rolle des Gastgebers hinaus auch immer inhaltlich vordenken. Ein Ergebnis daraus war - im Zusammenwirken mit den anderen Managern der Messe Berlin - die Etablierung von ITB-Ablegern in Singapur seit 2008 und in Shanghai im Mai 2017. An seinem inhaltlichen Vordenken lässt Ruetz auch Studenten an Universitäten teilhaben.

David Ruetz, 49, ist ausgebildeter Pianist und arbeitete zunächst als Eventmanager. Seit 2014 verantwortet der gebürtige Schweizer bei der Messe Berlin die ITB.

(Foto: Johannes Zappe)

Wie geht es weiter? In zehn Jahren wird es die ITB vielleicht an weiteren Standorten geben, schließlich unternehmen Menschen aus Indien und Lateinamerika verstärkt Reisen. Ruetz kann sich auch vorstellen, dass neuartige Verkehrsmittel wie der Hyperloop des Elon Musk, bei dem Magnetschwebebahnen durch unterirdische Röhren sausen sollen, oder eine Rückkehr superschneller Flugzeuge die Welt des Reisens stark verändern. Ruetz selbst fährt am liebsten gemächlich mit dem Wohnmobil von der Schweiz ans Mittelmeer.

In diesem Jahr ist die ITB fast komplett ausgebucht. Aus Südamerika, den arabischen und asiatischen Ländern sind mehr Aussteller dabei als früher. In den 26 Hallen sind 10 000 Unternehmen und Organisationen aus - wie gesagt - mehr als 180 Ländern präsent. Zweigeschossige Stände sind gefragt wie nie zuvor. Ein umfangreiches Kongressprogramm behandelt aktuelle Fragen, wie etwa den Overtourism, also die Gefahren des Massentourismus.

Warum funktionieren Messen eigentlich noch in Zeiten der globalen Kommunikation per Internet? "Einen Handschlag kann man im Internet immer noch nicht machen, der virtuelle Handschlag ist noch nicht erfunden." Egal wie digitalisiert die Zukunft aussieht, der Wunsch nach der persönlichen Begegnung wird immer bestehen. Also sagt Ruetz: "Es wird weiter Messen geben." Er nennt die ITB das jährliche Familientreffen der Branche, man würde die eigene Familie auch nicht nur alle zehn Jahre sehen wollen oder ihr nur über Whatsapp Nachrichten zukommen lassen.

Beim Organisieren eines weltweit ausstrahlenden Ereignisses wie der ITB kann man leicht die Bodenhaftung verlieren. Damit Ruetz das nicht passiert, arbeitet er auf jeder Messe selber an Orten, die für einen Manager eher ungewöhnlich sind. Er stand schon an einer Garderobe und hat den Bayernstand geputzt.

Er will damit auch die Wertschätzung für seine Mitarbeiter ausdrücken, mitunter haben solche Ausflüge aber auch ganz konkrete Folgen: So stand er 2014 mal an einem Messeeingang und scannte Tickets. Das brachte ihn auf die Idee, dass an dieser Stelle jemand verschiedene Sprachen beherrschen sollte. Schließlich ist der Kartenkontrolleur ja der erste menschliche Kontakt auf der Messe für die oft aus der Ferne angereisten Gäste. Oder: Voriges Jahr hat Ruetz im VIP-Club des Marshallhauses gekellnert. Das Ergebnis: In diesem Jahr gibt es dort mehr Personal.

© SZ vom 07.03.2018
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