Minicomputer am Körper:Alles messen, was geht

Natürlich geht der Puls schneller, wenn man schneller joggt. Manche Menschen wollen es genauer wissen - nicht nur im Sport: Erfinder liefern viele Ideen für andere Branchen.

Von Simone Boehringer

Für Kai Tutschke ist die Sache klar. "Wir wissen oft sehr detailliert, wie es unserem Auto geht, aber die wenigsten wissen, wie es ihrem Körper geht. Das ändert sich gerade." Tutschke verantwortet die Geschäfte des Sporttechnik- und Navigationsanbieters Garmin in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wichtigstem Kernmarkt des Unternehmens im Sportbereich. Der "Coach am Handgelenk", jene Fitness-Tracker-Geräte, mit denen die Kunden inzwischen von der Herzfrequenz über Lauf- und Radelgeschwindigkeiten, Schlagzahlen beim Paddeln, Platzinfos fürs Golfen bis hin zu ganzen Leistungsprofilen für verschiedene Sportarten alles Mögliche abrufen können - ach ja, und zwischendurch auch ihre E-Mails und SMS abrufen sowie sich navigieren lassen - bewegt die Sportwelt. Und auch Deutschland-Chef Tutschke: "Ich sollte 8000 Schritte heute machen bei meinem Alter und Fitness-Level", erklärt er und zeigt auf seine Uhr. Dort sind bis zu diesem Gespräch am Morgen gerade mal 2000 Schritte gezählt. Aber der Tag ist ja noch lang.

Garmin gehört neben der finnischen Firma Polar zu den Marktführern für Sportuhren. Die Anbieter sind Standnachbarn auf der Sportmesse Ispo in diesen Tagen. "Beat Yesterday" heißt eine Kampagne, mit der Garmin seine Kunden in den sozialen Medien zu mehr Aktivität motivieren möchte. "Sich besser fühlen als gestern - durch mehr Bewegung", erklärt Tutschke, so sei es gemeint. Die Uhr seiner Assistentin vibriert. Sie macht darauf aufmerksam, dass es Zeit ist, sich wieder zu bewegen. Das Gespräch im Sitzen ist beendet. Es hat eine halbe Stunde gedauert.

110 Millionen Stück der tragbaren Minicomputer wurden 2016 nach Hochrechnungen von Experten allein im Sport- und Wellnessbereich weltweit verkauft. Die Wachstumsraten dieser sogenannten Wearables sind zweistellig. In Deutschland sind es nach Erhebungen der Marktforscher von der GfK sogar plus 57 Prozent. Neben England ist Deutschland mit 2,8 Millionen abgesetzten Geräten der zweitwichtigste Markt in Europa. Läuft hier nach der Revolution durch den Computer, dann durch das Handy, nun so etwas wie die dritte Welle der Internetrevolution?

Bei einem Technologie-Weltcup in München werden die besten Start-ups prämiert

Nein, wohl nicht ganz, dazu ist die Nische zu klein. ,,Die Smart Watch alleine ist sicher nicht die dritte Welle, aber in Kombination mit anderen Wearables, etwa fürs Auge für die Ohren, gehören sie sicher zu den Treibern am Markt", erklärt Christian Stammel, der gerade einen Vortrag zu den Perspektiven der tragbaren Minicomputer gehalten hat.

Stammel ist einer, der das Thema Wearables von Anfang an mitgeprägt hat. Der Betriebswirt mit "extremem Faible für Technik", wie er sich selbst bezeichnet, betreibt seit mehr als einem Jahrzehnt eine weltweit beachtete Konferenz zu den Wearable Technologien, dieses Jahr zum elften Mal direkt bei der Ispo. Der Markt dafür ist kaum älter als Stammels Engagement dafür - und München ist hier vor den Fachkonferenzen in San Francisco und Hongkong Schrittmacher für Stammels Lieblingsthema. Hier geht es nicht mehr um ,,Beat Yesterday", wie beim Ispo-Aussteller Garmin wenige Meter entfernt, sondern um ,,Beat Today".

Besser, innovativer sein als die Produkte von heute oder auch schon die von morgen, das ist der Anspruch, mit dem sich auch 29 Finalisten aus mehr als 400 Bewerbern um den jährlichen Innovations-Weltcup bei Stammels Wearables Conference präsentieren. Dabei geht es hier nicht mehr nur um Nutzungen der mobilen Minicomputer in Sport und Fitness, sondern auch um viele andere Branchen wie Gesundheit, Sicherheit und natürlich die Spielebranche, in der oft Innovationen ausprobiert werden können, bevor sie im Ernstfall woanders eingesetzt werden.

Großes Potenzial bietet der Gesundheitssektor

Da ist zum Beispiel eine Armbandage namens "Unlimited hand", wörtlich übersetzt: die Hand ohne Grenze, mit der Muskelbewegungen der eigenen Finger und des Unterarms am Computer umgesetzt sowie Impulse aus der virtuellen Welt am Bildschirm, wiederum über die Armbinde, zurückgesandt werden. "Das ist für Spiele nutzbar, aber auch für medizinische Nutzungen, etwa zur Mobilisierung von Schlaganfallpatienten", erklärt Sonja Sulzmaier von Navispace, dem Veranstalter der Konferenz, dem Stammel vorsitzt. Ihr Job ist es, Netzwerke zu schaffen und die Finalisten des Wearable Weltcups mit Händlern, Markenherstellern und manchmal auch mit Investoren zusammenzubringen.

Am Dienstagabend werden die Sieger gekürt, von einer 15-köpfigen Experten-Jury. Unlimited Hand ist dabei, als Sieger in der Kategorie Spiele. Daneben wird noch ein Unternehmen namens E-Joy ausgezeichnet für Schmuckstücke mit Glasplatte, die über eine speziell angebrachte Sensorik in verschiedenen Farben leuchten, wenn die Träger einen Anruf auf dem Handy erhalten. In der Kategorie Sicherheit gewinnt ein Hersteller von flexibel beleuchtbaren Jacken und Anzügen namens Light Flex, der seine Produkte bereits an Minenbertreiber und Ausrüster von Polizei- und Sicherheitsdienste verkauft und nun auf dem Sport- und Freizeitmarkt Fuß fassen will. Im Bereich Gesundheit entscheidet sich die Jury für einen Hersteller schöner Damenunterwäsche, die gleichzeitig ein intelligentes Inkontinenzprodukt darstellt: Ein Sensor misst die Feuchtigkeit und meldet der Trägerin, wenn sie dringend ein Badezimmer aufsuchen soll.

Vor allem im Gesundheitssektor sieht Konferenz-Organisator Stammel "ein riesiges Potenzial für die Wearables. Hier werden Messungen und Diagnosen ermöglicht, die sonst nur stationär gemacht werden können".

Natürlich weiß keiner, ob und welche der auf der aktuellen Konferenz präsentierten Produkte am Ende zur Marktreife gelangen. Aber ,,wir schaffen für die Finalisten weltweite Aufmerksamkeit, was deren Chancen weiterzukommen mit ihren Ideen, stark erhöht", erklärt Sulzmaier, während sie gerade 25 weibliche Führungskräfte aus der Sportartikelbranche über das Konferenz-Gelände führt und ihnen einige Start-up-Firmen vorstellt. Manche der Finalisten des Weltcups versuchen gerade erst, per Schwarmfinanzierung auf Internetplattformen die nötigen Mittel zu generieren, um überhaupt weitertüfteln zu können. Andere, wie der ebenfalls auf der Konferenz prämierte Hersteller von Tracking-Geräten für Skier, Gait-Up, haben sich bereits über ihre Erfahrungen aus dem Medizinsektor mit zahlreichen wissenschaftlichen Studien zum Bewegungsverhalten einen Namen gemacht und möchte nun Skifahrer und Läufer davon überzeugen, dass es Sinn macht, mit Hilfe ihrer Minicomputer die persönlichen Bewegungsdaten direkt mit ihrer Datenbank vergleichen. Der Minicomputer wird magnetisch am Ski befestigt und ist gleichfalls, wie fast alle präsentierten Technologien via Bluetooth mit dem Handy verbunden. Auf einer App wird die entsprechende Datenschau für die Nutzer aufbereitet.

Die Frage, die sich auch viele der Fachbesucher stellen, "will man wirklich in allen Lebensbereichen so viel über sich selbst wissen?" Einige zucken mit den Schultern. Kaum einer traut sich, in diesem schnelllebigen Markt die Zukunft vorherzusehen. Konferenz-Gründer Stammel hat eine Antwort parat: Es komme darauf an, ,,sich selbst zu messen, wird sicher schnell langweilig. Erst, wenn man sich vernetzen kann, privat oder auch professionell, sich also vergleichen kann, mit den Daten der relevanten Gruppe, haben Wearables auf Dauer einen Mehrwert", ist er sich sicher.

Sich mit anderen messen, darauf setzen auch die etablierten Wearables-Anbieter auf der benachbarten Ispo, die auf der Messe inzwischen eine halbe Halle füllen und gefühlt alles messen, was das Herz und oft auch der Profisport begehrt. Dass sich Freizeitsportler von der immer stärkeren Perfektion anstecken lassen, scheint angesichts der Wachstumsraten fast sicher.

Kai Tutschke von Garmin träumt jedenfalls davon, mit seinem Coach am Handgelenk in Zukunft nicht nur fitter zu werden, sondern auch zu kommunizieren. Wenn die Smart Watch seine Daten analysiere und eine Sprachsoftware ,,mir sagt, wann und wie ich mich bewegen soll, um mich zu verbessern", so Tutschke, dann ist ihm um den Markt der Wearables nicht bange.

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