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Millennials:Nicht ohne meinen Bankberater

Erstaunlicherweise kennen sich gerade Jüngere mit Robo Advisors wenig aus.

Von Tanja Koch

Illustration: Stefan Dimitrov

U-Bahn-Tickets kaufen sie auf ihrem Smartphone. Friseurtermine reservieren sie über die Webseite des Salons. Ihren Partner finden sie mithilfe einer App. Das Leben der Menschen, die zwischen Anfang der 80er und Ende der 90er Jahre geboren wurden, gilt als stark digitalisiert. Sie zählen zu den sogenannten Millennials. Umso überraschender ist, dass diese Generationen an automatisierter Geldverwaltung, Robo Advisors genannt,offenbar kaum interessiert sind.

Eine Umfrage von 2019 des Finanzportals Investopedia, die sich auf Millennials mit überdurchschnittlich hohem Einkommen bezieht, ergab: Nur 20 Prozent der 1400 Befragten nutzen Robo Advisors. Ähnlich fielen 2018 die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des CFA Institute, einer gemeinnützigen Organisation von Finanzanalysten, aus. Dafür wurden 1800 Menschen im Alter zwischen 22 und 37 Jahren befragt. Nur drei Prozent der Befragten hätten bereits einen Robo Advisor benutzt. Von denen, die noch nie einen Robo Advisor benutzt haben, seien nur 16 Prozent stark oder sehr stark daran interessiert.

"Wir haben herausgefunden, dass obwohl Robo Advisors für Millennials konzipiert sind, diese sehr wenig Wissen über Robos haben", erklärt Robert Stammers, Direktor für Investor Engagement beim CFA Institute. Mehr als ein Drittel der Probanden hätten noch nie von einem Robo Advisor gehört.

Auch der 29-jährige Alexander Speckert musste bei der Frage, was er von Robo Advisors hält, den Begriff erst einmal googeln. Mit 24, nach dem Abschluss seines BWL-Studiums, eröffnete er ein Depot und verwaltet es seitdem selbständig. Das Ziel: Eine langfristige, breit gestreute Investition. Digitale Berater würde er nicht nutzen, da "eine Geldanlage immer selbst getroffen werden sollte. Ohne Algorithmen", wie Speckert meint.

Digitale Anbieter könnten gerade die Klientel mit kleinem Geldbeutel ansprechen

Die meisten der heute 24- bis 38-jährigen bevorzugen einen menschlichen Berater, wie das CFA Institute herausfand. "58 Prozent derer, mit denen wir gesprochen haben, wollten von Angesicht zu Angesicht beraten werden", so Stammers. Viele Millennials erhoffen sich dabei, etwas von ihrem Berater zu lernen, um selbst ein besserer Investor zu werden.

Wissen spielt auch für Alexander Speckert eine große Rolle: "Meiner Ansicht nach ist es wichtig, täglich Nachrichten zu lesen, Artikel zu hinterfragen, sich Informationen zu besorgen, aktuelles Wissen über aktuelle Geschehnisse zu haben, um somit ein Marktgefühl zu bekommen", erklärt er. Er könne es sich nicht vorstellen, einen Robo Advisor zu engagieren, einen klassischen Finanzberater aufzusuchen schon. Viele Berater seien sicher besser informiert als er selbst. Allerdings sei es dann "zwingend erforderlich, ein vertrauensvolles, fast freundschaftliches Verhältnis mit meinem Gegenüber zu haben."

Viele Berater lassen sich jedoch erst ab hohen Anlagesummen beauftragen - ebenfalls etwas, das laut der CFA Studie vielen der jüngeren Generationen nicht bewusst ist. Hier sieht Stammers für die Robos eine Chance: "Das ist die Lücke, die Robo Advisors füllen sollen", erklärt er. Robos könnten sich gerade an Menschen richten, die nur über einen kleinen oder durchschnittlichem Anlagebetrag verfügen und an keinen traditionellen Berater kommen.

Doch es gibt einige Faktoren, die Anleger beachten sollten, wenn sie sich für die digitalen Anbieter entscheiden. Finanz-Anfänger sollten vorsichtig sein, rät Andreas Oehler, Inhaber des Lehrstuhls für Finanzwirtschaft an der Universität Bamberg. Denn die digitalen Geldverwalter bieten in der Regel keine große Aufklärung. Wer sich etwas auskennt, kann besser einschätzen, welcher Robo sich eignet. Und ob das Portfolio, das dieser zusammenstellt, zur eigenen Finanzsituation passt.

Menschen mit sehr guten Finanzkenntnissen rät Oehler, ihr eigenes Depot selbst zusammenzustellen - auch wenn es etwas Aufwand bedeutet. Denn so können sich Anleger die Gebühren der Robo Advisors sparen. "Das im Geschäftsmodell der Robos weit verbreitete Rebalancing frisst wertvolle Renditepunkte", erklärt Oehler. Bei der Funktion gleicht der Algorithmus das Depot regelmäßig an, um möglichst viel Rendite herauszuholen. In einer empirischen Studie fand Oehler aber heraus, dass die Gebühren für die Funktion höher sind als die dadurch gewonnene Rendite.

Wer die Gebühren in Kauf nehmen und Robos ausprobieren möchte, sollte auf die Daten achten, die der Algorithmus auf dem Weg zum Depot abfragt: Je ausführlicher der Finanzstatus erfasst wird, desto eher erhält der Verbraucher ein Depot, das zu ihm passt.

© SZ vom 10.12.2020
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