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Messen während Corona:Blaue Karte

Messe Frankfurt, Heimtextil 2020

Die Heimtextil in Frankfurt, die regelmäßig ein internationales Publikum anzieht, wird von Januar auf Anfang Mai 2021 verlegt.

(Foto: Pietro Sutera/Messe Frankfurt GmbH)

Die einen freuen sich wieder über reale Messen, während andere Gesellschaften weiterhin Veranstaltungen absagen.

Von Stefan Weber

Die Farbe Blau hat laut Psychologen eine beruhigende Wirkung. Somit passt es ganz gut, dass der Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (Auma) auf einer Deutschland-Karte im Internet all jene Bundesländer blau markiert hat, in denen derzeit Messen möglich sind - wenn auch unter strengen Auflagen. Aktuell zeigt sich ein befriedigendes Bild: Deutschland ist auf der Auma-Karte ein einziger blauer Fleck.

Zwar haben Bundeskanzlerin und Länderchefs vor Kurzem vereinbart, dass Veranstaltungen in Regionen mit mehr als 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner im Durchschnitt der letzten sieben Tage höchstens 100 Teilnehmer haben dürfen. Aber davon ausgenommen sind Events, für die ein mit dem zuständigen Gesundheitsamt abgestimmtes Hygienekonzept vorliegt. Das ist bei den für die nächste Zeit geplanten Messen an allen Standorten der Fall. "Somit können Messen weiter stattfinden", betont der Auma.

Frankfurt ohne Messen im ersten Quartal 2021? Viele hat die Entscheidung überrascht

Das ist die Rechtslage. Die Frage ist, was Messegesellschaften, Branchenverbände und potenzielle Aussteller daraus machen. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind in Deutschland bereits mehr als 260 Messen neu terminiert oder abgesagt worden - das sind gut 60 Prozent aller geplanten Veranstaltungen. Im September gab es ein wenig Hoffnung. Nach fast sechsmonatigem Stillstand hatten wieder zwölf größere reale Veranstaltungen stattgefunden. Sowohl Publikumsmessen mit internationaler und regionaler Ausstrahlung wie der Caravan Salon in Düsseldorf als auch Fachbesuchermessen mit regionalem bis nationalem Einzugsgebiet. Natürlich erreichten die Aussteller- und Besucherzahlen nirgendwo das Niveau der Vorveranstaltungen. Aber insgesamt 180 000 Besucher und Meldungen über unerwartet gute Geschäfte machten Hoffnung für die weitere Entwicklung.

Umso überraschender kam da für manche Messegesellschaft Ende September die Entscheidung der Kollegen aus Frankfurt: Aufgrund des aktuellen Pandemieverlaufs, so teilten die Hessen mit, werde es im ersten Quartal 2021 am Standort Frankfurt keine eigenen physischen Messen geben. Denn durch die erneute Verschärfung behördlicher und auch firmeninterner Reiseregeln seien Messekunden zunehmend verunsichert.

Unverständnis äußerte die Messe Köln. "Der Zeitpunkt der Frankfurter Entscheidung ist überraschend, gerade weil sich aktuell der Messemarkt auch in Deutschland wiederbelebt", meinte Gerald Böse, Vorsitzender der Geschäftsführung der Kölner Messe. Wir in Köln, so betonte er, halten selbstverständlich an unseren Plänen fest, bald wieder Messen auf unserem Gelände zu veranstalten. Gerade in der Domstadt sehnt man sich nach einem Restart. Anfang Juli hatte die Geschäftsführung der Messe Köln in enger Abstimmung mit dem Aufsichtsrat entschieden, bis Ende Oktober 2020 keine eigenen Veranstaltungen mehr durchzuführen.

Absagen, verschieben oder festhalten an den geplanten Terminen? Die Auswirkungen einer Entscheidung gehen weit über die eigene Bilanz hinaus. Messen sind üblicherweise wichtige Impulsgeber für eine Stadt oder Region. Hotels, Gastgewerbe, Einzelhändler, Taxifahrer - sie alle profitieren davon, wenn zu Messezeiten am Standort viel los ist. Werden nun weitere Veranstaltungen gestrichen, vergrößern sich auch die Sorgen der vielen mittelbar Beteiligten. Denn dann bleiben auch die wenigen noch erwarteten Aussteller und Besucher weg.

Wie groß die Beteiligung an einer Messe in Pandemie-Zeit ist, hängt stark von ihrer Zielgruppe sowie ihrem Konzept ab. Mit erheblichen Einbußen müssen vor allem stark international orientierte Veranstaltungen rechnen, wie etwa die Frankfurter Heimtextil, bei der üblicherweise etwa 90 Prozent der knapp 3000 Aussteller aus dem Ausland kommen. Die Veranstaltung wurde von Januar auf Anfang Mai 2021 verlegt. Denn Reisen ist bis auf Weiteres nur eingeschränkt möglich - entweder weil Behörden dem Grenzen setzen oder weil Unternehmen in Sorge um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter Verbote aussprechen. Oder die Firmen müssen sparen und streichen den Posten "Messebesuch" aus ihrem Marketingbudget.

Deutsche Aussteller meiden derzeit internationale Veranstaltungen

Das bedeutet indes oftmals einen großen Einschnitt, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid aus dem November 2019 zeigt. Demnach beteiligte sich in einem Vor-Corona-Jahr ein mittelständisches Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 125 Millionen Euro im Durchschnitt an mehr als 30 Fachbesuchermessen pro Jahr. Und laut einer Studie des Bundesverbandes Industriekommunikation gaben deutsche Industrieunternehmen in der Vergangenheit etwa 40 Prozent ihres jährlichen Marketingetats für Messen aus.

Veranstaltungen, die eher eine regionale oder nationale Ausrichtung haben, können hoffen, dass ihnen viele Aussteller und Besucher die Treue halten. Insbesondere, wenn die Besucher kleine, selbständige Händler oder auch Privatpersonen sind, die unabhängig von strengen Anweisungen ihrer Arbeitgeber entscheiden können, ob sie anreisen oder nicht. Wann ist der richtige Zeitpunkt, eine Messe abzusagen? Sehr frühzeitig, damit alle Beteiligten sich darauf einstellen können? Damit gehen die Verantwortlichen das Risiko ein, dass sich die Umstände ändern und sich im Rückblick zeigt, dass der ursprüngliche Termin möglicherweise doch zu halten gewesen wäre.

Oder ist es besser, die Entscheidung auf den letztmöglichen Tag zu schieben? Hier besteht indes die Gefahr, Aussteller und Besucher mit einer allzu kurzfristigen Absage zu verärgern. So geschehen bei der Berliner ITB, die nur fünf Tage vor dem geplanten Start am 4. März abgesagt wurde - was vor allem Teilnehmende, die sich bereits auf den Weg gemacht hatten, erzürnte. Verschieben lassen sich Veranstaltungen auch nicht im Handumdrehen: Ein neues Datum muss in den Kalender und zum Produktzyklus der beteiligten Branchen passen. Und wer sagt, dass sich die Pandemie-Situation bis zum späteren Termin deutlich geändert hat?

Diese Erfahrung musste jetzt die Messe Friedrichshafen machen. Im Frühjahr hatten sich die Messemacher am Bodensee entschlossen, die Fahrradmesse Eurobike zu streichen. Stattdessen sollte es Ende November eine "Eurobike Spezialausgabe" geben. Doch auch die wurde vor wenigen Tagen abgesagt. "Durch unser umfängliches Hygiene- und Sicherheitskonzept sowie den positiven Anmeldestand waren wir bis zuletzt optimistisch. Die jüngsten Entwicklungen erfordern jetzt leider ein Umdenken", erklärte Klaus Wellmann, Geschäftsführer der Messe Friedrichshafen. Er hält es für "äußerst unwahrscheinlich, dass sich die Reisesituation bis Ende November verbessern wird".

Bleibt die digitale Variante. Trotz der vielen Nachteile, die Onlinemessen haben, besitzen sie auch positive Aspekte: Besucher sparen Zeit und Geld. Aber nicht alle Messen lassen sich in ein digitales Format überführen. Zum Beispiel, weil es um Produkte geht, die persönlich mit allen Sinnen erlebt werden müssen. So gilt, was Gerald Böse, Chef der Kölner Messe, sagt: "Jeder Messestandort muss sich den Auswirkungen der Pandemie auf seine Weise stellen und seine Entscheidungen den Besonderheiten des eigenen Portfolios entsprechend treffen." Solange die Deutschlandkarte des Auma flächendeckend blau ist, haben die Veranstalter - zumindest theoretisch - noch alle Optionen.

© SZ vom 28.10.2020
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