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Margrit Kennedy:"Kreditnehmer sind die neuen Sklaven"

SZ: Es gibt seit Jahren einen bunten Strauß an Sonnenenergie-, Windkraft- und Biomassefonds. Sind das alles Scharlatane, weil sie mit Renditen werben?

Kennedy: Ich bezeichne jeden Schritt zu einem bewussteren Umgang mit dem Geld und gerade im Hinblick auf ökologische Anlagen als einen Schritt in die richtige Richtung. Die Leute sind in der Regel auch bereit, für ein gutes Gewissen etwas geringere Renditen hinzunehmen.

SZ: Geldvermehrung ist also in Ihrem Weltbild nicht per se schlecht, wenn es nur der guten Sache dient?

Kennedy: Richtig. Ich bin heute der Meinung, dass wir das Zinsthema nie ganz aus der Welt schaffen werden, weil es irgendwo immer eine Möglichkeit geben wird, Zinsen zu erwirtschaften. Was wir aber brauchen, ist ein anderer Zugang zu Geld. Wir müssen lernen, dass es andere Möglichkeiten gibt, Geld zu benutzen und Geldentwürfe umzusetzen. Zum Beispiel solche, die Bildung fördern, Ökologie, soziale Projekte.

SZ: Nennen Sie ein Beispiel.

Kennedy: Überzeugend ist das Fureai-Kippu-System in Japan. Jüngere Menschen, die bereit sind, für ältere Pflegeleistungen zu erbringen, bekommen vom Staat Stundengutschriften. Diese können sie später für sich selbst oder für ihre Eltern oder Freunde verwenden. Das bestechend Einfache daran: Eine Stunde ist eine Stunde ist eine Stunde - ein völlig inflationssicheres Geld also. Interessant ist, dass die Japaner sich mittlerweile lieber für einen der freiwilligen "Stundenkräfte" als für professionelle Dienstleister entscheiden, weil Erstere eine größere Motivation mitbringen. Das ist wie eine ergänzende Währung zum Yen und stärkt nebenbei die Gemeinschaft.

SZ: Doppelte Kasse, doppelte Bücher: Der Aufwand für Regionalwährungen ist enorm. Kritiker wie der Ex-Bundesbankvolkswirt Gerhard Rösl werfen Ihnen vor, Sozialromantik für Besserverdienende zu betreiben. Kratzt Sie das?

Kennedy: Herr Rösl hat insofern Recht, als sich Komplementärwährungen wie der Regio sich mit der Effizienz des Euro nicht messen können. Was er nicht sieht, ist, dass die einseitige Optimierung in Richtung Effizienz die Stabilität eines komplexen Systems - und als solches kann man unser Währungssystem begreifen - verringert und es eher zu Krisen kommt. Was dem System fehlt, um nachhaltig oder krisensicher zu werden, ist mehr Vielfalt. Herr Rösl hat also noch Einiges dazuzulernen.

SZ: Es gibt mehr als dreißig Regionalwährungen, noch mal so viele befinden sich in Gründung. Dennoch ist das im Umlauf befindliche Geld mit ein paar Hunderttausend Regio verschwindend gering verglichen mit den rund 155 Milliarden Euro in der Bundesrepublik.

Kennedy: Für mich sind die Regios ein Beweis dafür, dass es Menschen gibt, die verstehen, dass es anders laufen muss. Jede Bewegung hat klein angefangen. Und es zeigt Wirkung: So viele Anfragen, über das Geldthema zu reden wie jetzt, bekam ich noch nie.

SZ: Utopien gibt es, seit es Menschen gibt. Das Wesen der Utopie ist es, dass die Wirklichkeit sie stets konterkariert. Gibt es eine reelle Chance, dass die Masse umdenkt?

Kennedy: Wir sind als Menschheit gerade dabei, einen riesigen Entwicklungssprung zu tun. Diese Krise, welche die herkömmliche Ökonomie nicht vorausgesehen hat und für die sie bisher auch keine wirklich systemverändernden stabilisierenden Maßnahmen vorschlagen kann, wird in kurzer Zeit alle theoretischen Grundlagen erschüttern und damit ermöglichen, neue Wege zu gehen. Das Thema Geld ist ein wichtiger Teil dieses Bewusstseinswandels. Entweder wir ändern unsere Strukturen und unser Denken, oder wir werden als Spezies schlicht nicht überleben.

© SZ vom 11.11.2008/ld/mel
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