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Leerverkäufe:Spekulanten wetten auf Kurskrach

The German share price index DAX graph is pictured at the stock exchange in Frankfurt

Wenn an der Frankfurter Börse die Kurse fallen, dann freuen sich manche Spekulanten, die nämlich genau darauf setzen.

(Foto: Reuters)

Ein Fonds setzt Milliarden auf fallende Kurse. Nun schreiten Finanzwächter ein.

Von Viktor Gojdka, Frankfurt

Es ist eine Milliardenwette, die der Mann mit den grauen Haaren derzeit gegen europäische Aktien am Laufen hat. Ray Dalio, einer der schillerndsten Hedgefonds-Manager auf dem Globus, soll gegen zwölf deutsche Unternehmen spekulieren. Allein vier Milliarden Dollar habe er mit seiner Fondsgesellschaft Bridgewater dafür auf den Tisch gelegt, so meldet es die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Wenn Kurse derzeit rund um den Globus ins Bodenlose sacken, dann verbreiten sich Meldungen über mögliche Krisengewinnler besonders schnell. Denn Leerverkäufer wetten an der Börse auf den Kurs-Kollaps von Unternehmen. Nun haben Frankreich, Spanien, Italien und Belgien solche Absturz-Wetten verboten. Sie wollen die "Aasgeier der Finanzszene" vertreiben. Doch was bringt solch ein Bann?

Wer das verstehen will, muss wissen, wie Wetten auf fallende Kurse funktionieren: Wer eine Aktie leer verkauft, geht davon aus, dass ihr Kurs fällt. Er leiht sich Aktien gegen eine Gebühr und verkauft sie an der Börse. Fällt danach der Kurs, kauft er die Aktien später günstiger wieder ein und gibt sie zurück. Der Kursverlust abzüglich der Leihgebühr ist sein Gewinn.

Manche Finanzexperten befürchten, dass Leerverkäufer an turbulenten Tagen für zusätzlichen Druck auf die Kurse sorgen: "Leerverkäufe können an solchen Tagen die Dynamik verstärken", sagt Finanzprofessor Volker Brühl vom Center for Financial Studies. Und auch Marc Tüngler, Chef der Anlegerschutz-Vereinigung DSW, ärgert sich über so manchen Leerverkäufer: "Die Kurse sind schon am Boden", sagt er. "Da braucht man niemanden, der noch auf ihnen herum trampelt."

Die belgischen, französischen und spanischen Finanzwächter schieben Leerverkäufen deshalb nun für einen Monat den Riegel vor. Die italienische Finanzaufsicht Consob verbietet Leerverkäufe gleich für drei Monate.

Experten fürchten jedoch, dass es sich bei Leerverkaufsverboten eher um Kapitalmarktpopulismus handelt. Eine Studie, die Leerverkaufsverbote in der Finanzkrise untersuchte, zeigt gleich mehrere Probleme: Die Verbote hätten erstens die Kurse nicht gestützt und zweitens die Preisfindung am Markt beschädigt. Denn die Spanne zwischen An- und Verkaufskursen weitete sich. Außerdem könnten Hedgefonds in der Zeit des Verbots ihr Interesse an Untergangswetten nur aufstauen. "Es gibt die Gefahr, dass sich danach eine Lawine Bahn bricht", sagt Finanzprofessor Brühl.

Und selbst beim Hedgefonds Bridgewater ist nicht klar, ob er mit seinen Europa-Milliarden eine knallharte Wette betreibt. Oder ob die Geld-Profis ihr Portfolio lediglich schützen wollen. Denn in den ersten Märzwochen haben sie mit ihrem größten Fonds fast 13 Prozent verloren.

© SZ vom 19.03.2020
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