bedeckt München

Lebensmittelkennzeichnung:Alles bio?

Ob nachhaltig oder regional - die Siegelflut im deutschen Lebensmittelhandel überfordert viele Verbraucher.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Der Markt boomt. Jahr für Jahr geben Verbraucher hierzulande mehr für biologische Lebensmittel und Getränke aus. 2017 übersprang der Bio-Markt erstmals die zehn Milliarden Euro Umsatzmarke. Die Nachfrage wird längst nicht mehr von Bio-Supermärkten und Hofläden bedient. Insbesondere Discounter und die Vollsortimenter im Lebensmittelhandel reagieren auf den Trend und weiten ihre Sortimente stetig aus. Mit dem Faible für ökologischen Anbau, Tierhaltung und Verarbeitung rückt die Bio-Kennzeichnung in den Fokus der Käufer. Industrie, Branchenverbände und Einzelhändler kreieren inflationär neue Öko- und Nachhaltigkeitssiegel, für die sie gleich selbst die Kriterien festlegen. Am Ende landen dann teure Öko-Waren im Einkaufswagen, die ihren Namen schlichtweg nicht verdienen. "Die Siegel-Vielfalt ist für die Verbraucher verwirrend, zumal ständig neue Kennzeichnungen eingeführt werden und sich etablierte Bio-Siegel mit strengeren Kriterien weiter entwickeln", sagt Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace.

Private Bio-Verbände haben oft besonders strenge Standards

Guter Standard und Orientierungshilfe sei das deutsche sechseckige Bio-Siegel, das den EU-Rechtsvorschriften für ökologischen Landbau unterliegt, und entsprechend überwacht werde. Verboten sind etwa die Verwendung gentechnisch veränderter Bestandteile, chemische Pestizide und Dünger sowie Geschmacksverstärker und Süßstoffe. In der Tierhaltung gibt es Bio-Futter und keine Antibiotika. Die rund 15 000 zertifizierten Betriebe, die auch das EU-Siegel (grünes Blatt) nutzen dürfen, müssen über alle Betriebsmittel und Produkte detailliert Buch führen. Jeder Käufer kann somit sein Frühstücksei zum Erzeuger zurückverfolgen.

Das hohe Vertrauen der Deutschen in das staatliche Bio-Siegel belegt der "Gütesiegel Monitor 2018" des Marktforschungsinstituts Splendid Research. Die Befragung zeigt, dass staatliche Siegel und jene von Naturschutzorganisationen maximale Werte erreichen. Private Testinstitute und Betriebe, die ihre Siegel selbst vergeben, betrachten Verbraucher hingegen mit Skepsis. Nicht immer liegen sie damit richtig. So sind private Siegel der Bio-Verbände Demeter, Bioland oder Naturland, Pioniere des ökologischen Landbaues, tatsächlich strenger als die gesetzlichen Bio-Regeln. "Wir versuchen, ein ganz klares Zeichen zu setzen, was uns als Öko-Verband ausmacht. Unsere Philosophie ist, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse im Pflanzenbau, der Tierhaltung und der Verarbeitung die strengsten ökologischen und sozialen Richtlinien zu gewährleisten", sagt Pascale Naumann von Naturland e.V.. Anders als beim gesetzlichen Siegel müssen die Mitglieder den gesamten Betrieb auf Bio umstellen, was eine Verunreinigung bei Saatgut, Verarbeitung oder Fütterung unmöglich macht. "Nach Schulnoten sind die Verbände vor allem wegen ihrer strengen Anforderungen in der Tierhaltung die Klassenbesten. Wer biologisch kaufen will, soll bitte zu diesen Bio-Siegeln greifen", sagt Hofstetter.

A boy carries freshly harvested coffee beans on a plantation in San Isidro de Alajuela, north-east of San Jose

Kaffeebohnen aus San José (Costa Rica): Bei Fairtrade-Produkten verdienen oftmals die Bauern am wenigsten, kritisieren Nachhaltigkeitsexperten.

(Foto: Juan Carlos Ulate/Reuters)

Hinzu kommt, dass mindestens 50 Prozent des Futters vom eigenen Betrieb stammen, Zukauf ist nur von anderen Öko-Bauern gestattet. "Was bringt es mir, wenn ich das Schwein vom Bauern nebenan kaufe, das dann mit Soja aus Südamerika gefüttert wird? Für den Anbau werden Regenwälder abgeholzt, bei uns landen importierte Nährstoffe auf den Äckern und im Grundwasser", so Naumann. Beim Produktangebot sind die Verbände weit entspannter, denn ihre Waren stammen nicht nur von heimischen Höfen. Naturland hat weltweit 54 000 Bauern, die nach Öko-Standard etwa Ananas aus Uganda und Garnelen aus Vietnam liefern.

"Verbraucher kaufen und ernähren sich nicht nur regional, dessen muss man sich einfach bewusst sein. Deshalb möchten wir möglichst alle Produkte in Bio-Qualität anbieten, nicht nur nationaler sondern auch internationaler Herkunft wie Kaffee, Tee und Kakao", sagt Naumann. Eine Philosphie, die überzeugte Bio-Verfechter angesichts des Nachhaltigkeits-Trends durchaus kritisieren.

Die Begriffe "Region" und "regional"sind nicht gesetzlich definiert

"Bio-Erdbeeren von den Kanaren oder Salat aus nicht-EU-Anbau im Dezember sind eindeutig nicht nachhaltig. Dazu gehört mehr als ökologischer Anbau, hier spielen Regionalität und der Transport eine Rolle", sagt Hofstetter. Verstärkt werden in den letzten Jahren soziale Kriterien bei Gütezeichen berücksichtigt. Eine Kennzeichnung, die sich international etabliert hat und in Deutschland großes Vertrauen genießt, ist das Fairtrade-Siegel. Die Organisation Transfair fördert Kleinbauern als Erzeuger, indem sie für Bananen und Kaffee faire Preise zahlt. Bestimmte Pestizide sind verboten, Öko-Bewirtschaftung aber kein Muss. Das Siegel ist also kein Bio-Siegel und steht auch immer wieder in der Kritik. So liege bei Kaffee die Wertschöpfung durch Verarbeitung und Verpackung in Europa Großteils nicht am Ort. "Viele verdienen an Fairtrade, die Bauern am wenigsten. Tatsächlich sollte transparent gemacht werden, wie viel mehr ein Fairtrade-Erzeuger bekommt", sagt Hofstetter.

Coffee Producers Aim For Production Rebound After Fungus Devastated 2014 Crop

Kaffebohnen aus Huatusco (Mexiko).

(Foto: Susana Gonzalez/Bloomberg)

Die Mehrheit der gekauften Öko-Produkte in Deutschland sind Eigenmarken von Discountern und Supermärkten. Marktführer am Bio-Markt war im Vorjahr laut GfK Institut Aldi. "Unser Ziel ist, dass Lebensmittel zu hundert Prozent ökologisch produziert werden. Wenn Öko-Produzenten ihre Käufer über die Discounter erreichen, passt das auch, solange sie angemessene Preise für ihre Produkte erhalten", sagt Naumann. Den Käufern müsse aber klar sein, dass die Produkte in der Regel nicht unter gleich strengen Voraussetzungen erzeugt werden.

Brandneu ist das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes bei Rewe für Fleisch. Dieses schreibt vor, dass sich Bauern an das Verbot der Anbindehaltung sowie Enthornen ohne lokale Betäubung und Schmerzmittel halten. "Ich halte das für eine unterstützenswerte Initiative, auch wenn es kein Bio-Standard ist. Die Kennzeichnung schafft bei den Käufern ein Bewusstsein und bringt Bewegung in das Thema Tierhaltung", sagt Hofstetter.

Beliebt und gängig bei Herstellern von Honig über Backwaren bis Wein ist das Werben mit dem Label "regional". Schließlich sind viele Verbraucher bereit, etwas tiefer in den Geldbeutel zu greifen, um heimische Bauern zu stärken. Eine Absicht, die von der Industrie ausgenutzt wird. Denn die Begriffe "Region" und "regional" sind gesetzlich nicht definiert. Während Verbraucher maximal 100 Kilometer Umkreis vermuten, ist der Transport laut Verbraucherzentralen durch Trennung von Produktion und Verpackung tatsächlich weitaus größer. Gegen Etikettenschwindel und für Orientierung in der Bio-Siegel-Flut hilft verunsicherten Bio-Käufern Beratung von Stiftung Warentest, Verbraucherzentralen, WWF und Greenpeace.

© SZ vom 13.09.2018
Zur SZ-Startseite