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Kryptowährungen:Kampf um die Kontrolle

Auf Computern wie diesem werden Bitcoin geschaffen.

(Foto: AP)

China und andere Staaten gehen streng gegen den unregulierten Handel mit Digitalgeld vor. Die Notenbanken sind alarmiert - sie wollen die Hoheit über den Zahlungsverkehr behalten.

Von Christoph Giesen und Jan Willmroth, Frankfurt/Peking

Vor wenigen Wochen noch war China der mit Abstand wichtigste Markt: 90 Prozent des weltweiten Handels mit der Cyberwährung Bitcoin wurden in der Volksrepublik abgewickelt. In den vergangenen neun Monaten hatte sich der Kurs mehr als vervierfacht. Der Boom dieses Geldes schien ein chinesisches Märchen zu sein. Vorbei. Anfang September sprachen dann die Behörden in China zunächst ein Verbot für das sogenannte Initial Coin Offering, in der Szene meist nur knapp ICO genannt. Ähnlich wie bei einem Börsengang erhält man für Anteilsscheine Bitcoin.

Die Aufseher in China sorgen sich, dass sich mit Bitcoin illegale Aktivitäten finanzieren lassen. Terror, Drogenhandel, Waffenschieberei, aber auch die von der Führung in Peking geächtete Kapitalflucht, will der Sicherheitsapparat eindämmen. Und natürlich die Zockerei, der Hang vieler Chinesen zum Hochrisiko, all das missfällt den Oberen in Peking. Digitales Bezahlen sehr gerne, aber bitte streng kontrolliert, wie bei den in China gängigen Diensten Alipay oder Wechat. Li Lihui vom Branchenverband der chinesischen Internet-Finanzwirtschaft spricht deshalb von "staatenlosen" Währungen. So sehen es auch die Beamten in Peking.

Bitcoin aber lebt weiter, allerdings außerhalb der Volksrepublik

Nach dem Behördenveto brach der Kurs ein, doch er erholte sich erstaunlich schnell wieder. Also legten Mitte September die chinesischen Finanzaufseher nach. Der Handel an den Börsen sollte bis Ende September eingestellt werden. Diese Frist ist nun verstrichen. Etliche virtuelle Marktplätze haben seitdem dicht gemacht. Das Kaufen und Verkaufen von Bitcoin ist in China zum Erliegen gekommen. 90 Prozent, das war einmal. Bitcoin aber lebt weiter, allerdings außerhalb der Volksrepublik. Zuerst in Singapur.

Nach der ersten Anordnung der chinesischen Behörden florierte plötzlich der Handel im südostasiatischen Stadtstaat. Doch auch dort gingen die Regulierungsbehörden bald recht konsequent vor. Inzwischen ist Japan der beliebteste Handelsplatz geworden. In den vergangenen Tagen wurde knapp ein Dutzend Handelslizenzen vergeben.

Die Entwicklungen in China und Singapur zeigen, wie arg Zentralbanken und Regulierungsbehörden wegen des Booms digitaler Währungen in Aufruhr sind. Zu weit ist das Kryptogeld inzwischen verbreitet, zu groß ist die weltweite Aufmerksamkeit, zu offensichtlich sind die Risiken, als dass die Währungshüter wie bislang nur beobachten könnten, was gerade geschieht. Sie dürfen auf keinen Fall, das ist ihre Perspektive, ihre Hoheit über die Zukunft des Geldsystems riskieren.

Denn die mittlerweile mehr als 100 digitalen Währungen haben einen gemeinsamen Nenner, der sie von traditionellen, staatlich kontrollierten Währungen wie dem Dollar, Euro oder chinesischen Yuan unterscheidet: Sie kommen ohne zentrale Stelle aus, die das System überwacht und regulierend eingreift - es reguliert sich von allein.

Weder gibt es Münzen oder Scheine, noch braucht es Zwischenstellen wie Banken oder Kreditkartenkonzerne, die Zahlungen bestätigen und ausführen. Stattdessen wird jede einzelne Transaktion von einem Rechner-Netzwerk in einer Art Logbuch gespeichert, der sogenannten Blockchain, die als manipulationssicher gilt, für jeden öffentlich einsehbar ist und permanent fortgeschrieben wird - während die Identität der Nutzer geheim bleibt.

Weil das mit Verschlüsselungsverfahren geschieht, hat sich für das digitale Geld auch der Begriff Kryptowährungen etabliert. Mit ihnen war von Beginn an verbunden, das anarchische Versprechen des Bargelds ins digitale Zeitalter zu retten: die ständige Möglichkeit anonymer Zahlungen. Zugleich untergraben die Systeme die Kontrolle staatlicher Autoritäten darüber, was Geld sein darf und wie digitales Bezahlen funktioniert. Wenn Zentralbanken ihren Einfluss auf Bitcoin - die bekannteste und größte Kryptowährung - und seine Pendants heute nicht sichern, setzen sie diese Kontrolle langfristig aufs Spiel.

In mehr als einem Dutzend Ländern forschen Währungshüter deshalb selbst an Digitalwährungen und Blockchain-Lösungen oder denken über eigene Systeme nach. Die Bank of Japan und die EZB arbeiten an einem gemeinsamen Projekt, mit dem sie die Möglichkeiten von Blockchain-Technologien ausloten. Die niederländische Zentralbank hat eine eigene Digitalwährung erfunden, die sie intern testet, um die Mechanismen besser zu verstehen. Die russische Regierung beschäftigt sich mit Ethereum, dem Programmcode hinter der zweitgrößten digitalen Währung Ether. Vertreter der amerikanischen Notenbank Fed äußern sich inzwischen regelmäßig zum Thema. Es gibt staatlich initiierte Projekte in Schweden, in der Schweiz, in Luxemburg und in Dubai.

Japan will zu den olympischen Spielen eine eigene Währung namens J-Coin herausgeben

In Japan ist man schon weiter: Zu den Olympischen Spielen im Jahr 2020 will die Tokioter Notenbank eine eigene Währung namens J-Coin herausgeben - nicht zuletzt, um das auch in Japan noch sehr weit verbreitete Bargeld zurückzudrängen. Das wurde vergangene Woche publik. Kaum überraschend also, dass Japan nun das Land ist, in dem mittlerweile am meisten mit Bitcoins spekuliert wird, nachdem die chinesischen Behörden dem unkontrollierten Börsenhandel mit der Währung den Kampf angesagt haben.

In der Volksrepublik scheint die Lösung zu sein, erst einmal den Handel zu unterbinden, um ihn womöglich später wieder kontrollieren zu können. "In Ländern wie China ist das Thema sehr schnell sehr heiß gelaufen", meint Philipp Sandner, Leiter des Blockchain-Centers an der Frankfurt School of Finance and Management. "Deshalb, glaube ich, zieht man da nun temporär den Stecker. So gewinnen die Aufsichtsbehörden die nötige Zeit, um regulierend einzugreifen." Das Beispiel China zeigt jedoch auch, dass das Kehren vor der eigenen Haustür wenig bewirkt. "So ziemlich jeder beschäftigt sich mit dem Thema, aber die Herangehensweise ist völlig unterschiedlich. Es gibt keine einheitliche Linie weltweit. Jedes Land verfolgt seine eigene Agenda. Kurz- bis mittelfristig ist eine Regulierung auf internationaler Ebene völlig außer Sichtweite", mahnt Sandner. Der Bitcoin-Handel findet seine Märkte und Nischen. Egal wo.

© SZ vom 02.10.2017
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