bedeckt München
vgwortpixel

Kritik an Deutschland:Gefährlicher Egoismus

Book Festival, Edinburgh, 25 August 2018; The Robert Anton Theatre /Nur für Grossformat 10/18

In seinem Buch „Crashed“ analysiert Adam Tooze die Finanzkrise von 2008 und ihre Folgen.

(Foto: Ger Harley/picture alliance)

Der britische Historiker Adam Tooze wirft der Bundesregierung vor, mit ihrer Macht Europa zu gefährden.

Adam Tooze beginnt den Tag mit Matjes. Der Wirtschaftshistoriker von der Columbia-Universität in New York sitzt in einem Café in Berlin; es ist einer dieser Tage, in denen aktuelle Umfragen die Sorgen wachsen lassen, was los ist in Deutschland. Man hat sich zum Frühstück verabredet. Tooze soll erklären, wohin das alles führen wird: Bayernwahl, Brexit und Trump. Tooze ist zum gefragten Gesprächspartner geworden, seit er in einem dicken Wälzer akribisch jene weltumspannende Krise nachgezeichnet hat, die mit der Pleite der Investmentbank Lehman begann und zu einem US-Präsidenten geführt hat, den die Welt einen Dreck schert. Und man will wissen, wer der Historiker ist, der die deutsche Krisenpolitik von damals so heftig kritisiert.

Mister Tooze, wir würden Sie gern porträtieren.

Oh, das wird meinen Therapeuten sorgen.

Solange Sie sich nicht sorgen, ist es okay, oder?

Versuchen wir es.

Was zuerst auffällt, ist das Polyglotte. Ein Brite, der in den USA lebt, skandinavisch frühstückt und Deutsch spricht. Ein Weltbürger? Tooze lacht, na ja, gerade sei er für einen "niederländischen Auslandsdeutschen" gehalten worden, wegen des amerikanischen Akzents. Aber ernsthaft: Was der eine als Weltbürger bezeichne, sei für viele andere schlicht ein Migrant. Genau so fühle er sich auch.

Der 51 Jahre alte Tooze ist mit sechs Jahren nach Heidelberg gekommen, weil sein Vater dort arbeitete. "Nicht als Soldat, sondern als Molekularbiologe." Zehn Jahre später geht's mit der Mutter zurück nach England, die Eltern haben sich getrennt. Aber in den Ferien ist Deutschland angesagt, der Vater, die Freunde. Tooze träumt von einem Leben in Westberlin, das in seiner Enge Freiheit verspricht. Im Juni 1989 zieht er hin. Im November fällt die Mauer. Das Studentenleben verläuft anders als gedacht. Tooze flüchtet nach Cambridge.

Wer Europa wolle, müsse in europäischen Dimensionen denken - und so handeln

Rückblickend wundert er sich, dass in Deutschland fast nur debattiert wird, was im Osten nach der Wende verloren gegangen ist. Er findet, dass auch der Westen verzichten musste. Vor allem auf das Gefühl, dass alles sicher ist. "In der alten Bundesrepublik war es einfach. Danach ist es kompliziert geworden."

Tooze sagt, sein Schmerz von damals sei eine Art "Brexit-Vorgefühl" gewesen. Plötzlich verändere sich die persönliche Identität durch eine neue geopolitische Situation. Nach 1989 sollte der DDR-Bürger Deutscher sein - und wurde Ossi. Der Deutsche im Westen war nicht mehr nur Deutscher, sondern auch Wessi. Und wie verhält es sich mit dem Brexit? Der mache den Briten in Europa zum Inselbewohner. Er habe das Gefühl, als würde ihm ein Arm abgeschlagen, sagt Tooze. Allein, dass die Frage nach dem Rechtsstatus von Engländern nach dem Brexit gestellt werde, zeige: "Plötzlich bist du Minderheit."

Hat sich Berlin verändert? Tooze denkt nach. "Dass die Leute Deutschland sagen. Nicht mehr Bundesrepublik." Und, ja, es falle auf, wie gut es vielen Bürgern geht. Aber auch, dass die Deutschen so oft vergessen, die zweite Frage zu stellen.

Wie bitte?

Tooze nimmt einen Matjeshappen. Die Deutschen, sagt er dann, bedenken kaum, was ihre Entscheidungen für die Nachbarn bedeuten. "Die größte Volkswirtschaft Europas sieht vor allem auf sich." Das ist harter Tobak. In seinem Buch "Crashed" kritisiert Tooze, dass Kanzlerin Angela Merkel, Bundesbankpräsident Jens Weidmann und Finanzminister Wolfgang Schäuble "verantwortungslosen Widerstand" gegen den amerikanischen Ansatz leisteten, die Finanzkrise mit noch mehr Geld zu lösen. Tooze sagt, die USA hätten die Krise so schon im Oktober 2008 gelöst. In Europa dauerten die Aufräumarbeiten an. Und das Verweigern der Deutschen gegen eine gemeinsame Lösung habe die südeuropäischen Länder in eine tiefe Krise gestürzt.

Und wie weiter? Toozes Antwort überrascht. Die Europäer müssten europäisch denken, sagt er, überall. "Wenn junge Griechen zu Hause arbeitslos sind, müssen sie nach Stuttgart gehen. Noch nie waren die Chancen so gut, hier Arbeit zu finden." Merkel dürfe sich nicht auf das Spiel der Nationalisten einlassen. Wer Europa wolle, müsse das Leben in europäischen Dimensionen denken - und so handeln.

"Die liberale Demokratie ist wie ein instabiles Fahrzeug, das gekonnt gesteuert werden muss."

Und wie ist das jetzt mit der vergessenen zweiten Frage, bitte? "Sehen Sie", sagt Tooze, "Deutschland freut sich über den Export." Aber man frage nicht, was mit dem Geld passiert. Weil die Antwort nicht ins Bild passe: "Das Auslandsgeschäft ist ein riesiges Verlustgeschäft." Wenn man den volkswirtschaftlichen Handelsbilanzüberschuss mit den Unternehmensbilanzen vergleiche, fehlten einige hundert Milliarden Euro. Wo ist das Geld? Außerdem befördert der Exportüberschuss daheim die Ungleichheit, "weil nur vermögende Bürger Aktien kaufen und von den Gewinnen profitieren". Die Regierung müsste über einen Staatsfonds nachdenken, in den die Überschüsse fließen und aus dem der gesellschaftliche Wandel finanziert wird.

Oder: Ja, es gibt eine geringe Arbeitslosigkeit. Aber nur wegen des Niedriglohnsektors. Und weil der Staat zugleich soziale Leistungen zuschieße. Und warum fragt niemand, was die Schwarze Null im Ausland bedeutet? Tooze redet sich warm. Ja, die deutschen Sparer jammern über die niedrigen Zinsen. Aber der deutsche Staat gebe keine neuen Staatstitel aus und verweigere damit den Anlegern, in stabile Papiere zu investieren.

Und was wird aus den liberalen Demokratien - und der Euro-Zone? Tooze holt aus. Liberale Strukturen seien nicht perfekt, sondern auch konfliktbeladen; die Versprechen von Respekt und Gleichheit auch heuchlerisch, weil die Eigentumsverhältnisse nun mal andere seien. "Mit diesen Widersprüchen muss man umgehen." Und weil er weiß, was man in Deutschland gut versteht, bringt er das Beispiel mit dem Auto. "Die liberale Demokratie ist wie ein instabiles Fahrzeug, das gekonnt gesteuert werden muss. Man darf nie unaufmerksam sein. Und muss ständig basteln." Mit der Euro-Zone sei es ähnlich. "Man darf sie sich nicht als stabiles Gebilde vorstellen. Sondern eines, in dem man ständig reagieren muss."

Tooze muss los, weitere Interviews stehen im Kalender, am Abend liest er aus seinem Buch. Dafür ist er übers Wochenende aus New York gekommen. Der Rummel um seine Person ist ihm neu, an manchen Tagen gibt er acht Stunden nonstop Interviews, er ist "der Mann zum Buch". Pass auf, habe ihn der Therapeut gewarnt, bleib auf dem Boden. Wenn Tooze sonst verreist, dann mit seiner zweiten Ehefrau. Sie ist Kunstexpertin; bietet betuchtem Publikum Reisen an. Und Tooze trägt die Koffer.