Krisenstrategie bei General Motors Wachsen mit Wuling

Der US-Autohersteller betreibt in seiner tiefen Krise eine massive Expansion in Schwellenländern. Mit bislang weitgehend unbekannten Marken könnte GM damit der Turn-around gelingen.

Von Peter Martens

Es sieht so aus, als wüsste General Motors sehr wohl, wie man die richtigen Autos für die die richtigen Märkte baut. Als Beispiel dafür kann ein Minivan namens Wuling dienen.

Den Kleinbus baut GM in Kooperation mit seinem chinesischen Joint Venture Shanghai-GM-Wuling in der Stadt Liuzhou. Der Minivan ist deutlich kleiner als seine US-Verwandten, hat nur ein Viertel ihrer Pferdestärken und fährt höchstens 130 Kilometer pro Stunde. Doch das Gefährt sieht auch schnittiger aus als die der heimischen Konkurrenz. Für 5.000 US-Dollar verkauft es sich auf dem chinesischen Markt wie warme Semmeln.

VW in China auf den zweiten Platz verdrängt

Wie die New York Times berichtet, hat GM in China bereits mehr als 170.000 Kleinwagen der Kompaktklasse verkauft. Nach Unternehmensangaben belaufen sich die Gesamtverkäufe von GM im ersten Quartal 2007 bereits auf 291.588 Fahrzeuge, ein Viertel mehr als im Vorjahreszeitraum.

Das ist genug, um Volkswagen abzuhängen, den bisherigen Platzhirsch im Reich der Mitte. Zwei Jahrzehnte lang hatte der deutsche Autobauer den chinesischen Markt dominiert, doch damit scheint es vorerst vorbei. Bis 2010 will General Motors eine Milliarde US-Dollar pro Jahr in China investieren. Allein in diesem Jahr sind sieben Aktualisierungen und Neueinführungen geplant.

Der chinesische Minivan läßt sich auch nicht ohne Weiteres dem US-Hersteller zuordnen, der auf seinem Heimatmarkt für sein "Größer ist besser"-Image berühmt ist. Einige der GM-Modelle gehören zu den größten Spritschluckern auf dem nordamerikanischen Markt - Stichwort "Hummer".

Das könnte einer der Gründe sein, warum GM im April 2007 in den USA einen Absatzrückgang hinnehmen musste: Der Konzern aus Detroit teilte jüngst mit, die Zahl der verkauften Fahrzeuge sei im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 2,2 Prozent auf 311.687 Einheiten gesunken.

General Motors bietet seinen inländischen Mitarbeitern deswegen weiter zahlreiche Abfindungspakete an: Allein 2006 folgten 34.400 Gewerkschaftsmitglieder der Verlockung und schieden mit Ausgleichszahlungen aus. Aktuell verhandelt GM derzeit in Lordstown im US-Bundesstaat Ohio mit der Gewerkschaft United Auto Workers über den Abbau von Arbeitsplätzen.

Abstand zu Problemen von Chrysler und Ford

Im chinesischen Liuzhou stellt General Motors hingegen gerade 500 neue Mitarbeiter ein, um der enormen Nachfrage Herr zu werden.

Dieser Kontrast zwischen den Geschäftsstrategien auf dem nordamerikanischen und dem asiatischen Markt könnte erklären, warum General Motors derzeit als der stärkste der drei US-Autobauer erscheint - und das nur 18 Monate, nachdem der Vorstandsvorsitzende Rick Wagoner öffentliche Insolvenzspekulationen dementieren musste.

GM verstärkt den Verkauf in Schwellenländern und drückt gleichzeitig die Kosten in Hochlohnmärkten wie den USA. Damit versucht der Konzern, Abstand zu den Problemen von Ford und Chrysler zu gewinnen.

Seit Wagoner vor sieben Jahren den CEO-Posten übernommen hat, hat GM seine Expansion in Schwellenländern wie China, Russland oder Indien massiv verstärkt.

Betrieben wird das Wachstum in den Schwellenländern mit Arbeitsplatzeinschnitten auf dem Heimatmarkt : 37 Prozent mehr Mitarbeiter beschäftigt General Motors in den neuen Märkten, die Verkaufszahlen in diesem Segment sind um 66 Prozent gestiegen und machen mittlerweile ein Drittel des gesamten Konzernabsatzes aus.

Expansion in Schwellenländern

Die Strategie scheint erfolgreich: Vergangenes Jahr konnte GM seine Verluste auf zwei Milliarden US-Dollar drücken, mit Hilfe von Auslagerungen, Standortschließungen und Einschnitten in Gesundheitsleistungen gegenüber Mitarbeitern. Dieses Jahr halten Analysten einen Gewinn von 3,85 US-Dollar je Aktie für möglich.

Dagegen hat der zweite große Mitbewerber Ford im letzten Jahr einen Rekordverlust von 12,7 Milliarden Dollar eingefahren, das Ergebnis ist im ersten Quartal dieses Jahres mit 282 Millionen Dollar im Minus. Mit einer positiven Bilanz rechnet Ford nicht vor 2009.

Und Chrysler steht bekanntlich zum Verkauf an, nachdem die US-Tochter des Daimler-Chrysler-Konzerns im Jahre 2006 einen Verlust von 1,5 Milliarden Dollar erwirtschaftet hatte.

Am Donnerstag wird GM seine Quartalszahlen veröffentlichen. Traditionell macht das Unternehmen keine Vorhersagen, doch die Verkaufszahlen im Ausland könnten dem Autobauer helfen, die Gewinnausschüttung anheben, berichtet der Nachrichtendienst Bloomberg nach einer Analystenumfrage.

Drittes positives Quartal in Folge

Demnach würde nach Abzug von Restrukturierungskosten und einmaligen Aufwendungen die Ausschüttung je Aktie auf 83 Cent ansteigen, im Vergleich zu 66 Cent im Vorjahreszeitraum.

Damit steigert der Konzern zum dritten Mal in Folge seinen Gewinn, nachdem GM vor zwei Jahren noch 10,4 Milliarden US-Dollar Verlust gemacht hatte. "Wir haben nie an das düstere Bild vor 18 Monaten geglaubt", wird der GM-Chef Wagener von Bloomberg zitiert.

Die Erfolgsbilanz lässt sich auch an der US-Börse ablesen. Dort stiegen die GM-Anteile im vergangenen Jahr um 58 Prozent während die Ford-Papiere lediglich um 16 Prozent zulegen konnten.

Immer noch: Mehr verbrennen als einnehmen

Allen Erfolgszahlen zum Trotz äußerte GM-Finanzvorstand Fritz Henderson aber die Annahme, dass GM 2007 immer noch mehr Geld verbrennen als einnehmen werde. Der Manager unterstrich damit die Dringlichkeit, auf den neuen Wachstumsmärkten mehr Einnahmen zu generieren.

Denn nach wie vor befinden sich die drei Großen der US-Autoindustrie in einer umfassenden Krise. GM, Ford und Chrysler kämpfen mit hohen Standortkosten, Überkapazitäten und einer überholten Modellstrategie, die zu lange auf die klassischen Spritschlucker auf dem US-Markt setzte.

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