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Kredite:Mit wenig die Welt verändern

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Die Kaffeebauern Miguel Mosquera und Sandra Romo Moya im Süden Ecuadors profitieren von Anlegern aus Deutschland.

(Foto: Nicolas Villaume/Oikocredit)

Kleine Darlehen für Landwirte, Nähereien oder Kleinküchen: Die Genossenschaft Oikocredit finanziert Menschen ohne Zugang zum großen Geld. Ein stiller Erfolg

In der Welt von Vinicio Martinez machen kleine Summen einen großen Unterschied. Im Süden Ecuadors, in der kleinen Stadt Catamayo, wo die Berge dunkelgrün sind und die Luft immer feucht, wacht Martinez über viele Tonnen Kaffeebohnen, die er in Jutesäcke verpacken lässt für den Export nach Nordamerika und Europa. 1200 Familien aus drei umliegenden Provinzen haben sich in der Kooperative Fapecafes zusammengeschlossen, die Martinez leitet. Sie alle sind Kaffeebauern, und sie alle profitieren von einem kleinen Teil eines 300 000 Dollar-Darlehens der Kreditgenossenschaft Oikocredit, das in der Kooperative vieles verändert hat.

Ohne dieses Geld, noch vor knapp sieben Jahren, mussten die Bauern ihre Ernte an Händler verkaufen, die hohe Provisionen kassierten und verspätet bezahlten. Jetzt können sie die Ernte vorfinanzieren, die Bohnen vermarkten sie direkt an Importeure und Röstereien, und mit der Lust auf hochwertigen Spezialitätenkaffee von Hamburg bis New York steigt der Erlös der Familien im ecuadorianischen Hochland. Der Zwischenhandel entfällt, die Kooperative gehört nun zu 100 Prozent den Bauern. Bis auf die Kosten für Verwaltung, Produktion und Transport bleiben bis zu 50 Dollar je 50-Kilo-Sack bei den Erzeugern. "Ohne das Geld aus Deutschland", sagt Fapecafes-Präsident Martinez, der selbst vom Kaffeeanbau lebt, "wären diese Fortschritte niemals möglich gewesen."

Mit Projekten wie der Kaffeekooperative in Ecuadors Süden ist die Idee von Oikocredit groß geworden, einer international tätigen Kreditgenossenschaft, die seit 1975 soziale Darlehen vergibt und schon zu einer Zeit nachhaltige Geldanlagen anbot, als diesen Begriff noch niemand benutzte. Seit Jahrzehnten beweist die Genossenschaft immer wieder aufs Neue, dass man mit Unternehmern in ärmeren Staaten auch gute Geschäfte machen kann, statt nur Entwicklungsgelder zu verteilen.

Oikocredit hat fast 800 Projekte in 70 Ländern finanziert, vermittelt durch Partner vor Ort

In den vergangenen Jahren ist das Finanzierungsvolumen von Oikocredit auf knapp eine Milliarde Euro angewachsen, wobei ein Großteil dieser Summe aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden stammt, wo die Genossenschaft ihren Hauptsitz hat. 54 000 Privatpersonen und Organisationen haben sich beteiligt, fast die Hälfte davon sind Mitglieder in einem der acht deutschen Förderkreise. Sie ermöglichen Mikrokredite für Landwirte in Brasilien, unterstützen Handwerksbetriebe im indischen Bangalore oder finanzieren nachhaltige Fischzuchtbetriebe in Sambia; fast 800 Projekte in 70 Ländern, vermittelt durch Partner vor Ort.

In einer alten Büroetage nordöstlich der Frankfurter Innenstadt kümmern sich vier Mitarbeiter darum, den Überblick zu behalten über all das Geld, das die Deutschen mit Oikocredit in die Welt tragen. Dort sitzt Matthias Lehnert in seinem Büro, der Chef der deutschen Geschäftsstelle. Auf dem Tisch stehen Biowein aus Argentinien und Schokolade aus fairem Handel, Anschauungsmaterial um zu zeigen, was mit dem Geld der Genossen geschieht. Manchmal wundert sich Lehnert noch darüber, was aus der Idee inzwischen geworden ist. "Das Projekt wurde finanziell erfolgreicher als viele damals erwarteten", sagt er. "Wobei die soziale Wirkung als Ziel von Anfang an außer Frage stand." Man habe längst bewiesen, dass Entwicklungsförderung mit Rendite funktioniert, wenn auch die üblichen zwei Prozent nicht viel mehr bieten als einen Inflationsausgleich.

Anfangs gab es viele, die nach diesem Beweis verlangten, zu groß war die Skepsis. Als sich der ökumenische Rat der Kirchen vor 50 Jahren im schwedischen Uppsala zu seiner vierten Vollversammlung traf, ging es auch um das Thema "Wirtschaftliche und soziale Weltentwicklung". Junge, politisch motivierte Kirchenmitglieder verlangten auf dieser Versammlung nach ethischen Anlagemöglichkeiten für Kirchengelder, nach einer neuen Form der Entwicklungshilfe. Die großen Kirchen in Europa und den USA könnten so einen Teil ihrer enormen Rücklagen investieren, um Entwicklung zu fördern, die Vision war eine Art Weltbank der Kirche.

Rückblickend leuchtet die Idee ein, anfangs galt sie als revolutionär und wurde abgetan

Rückblickend leuchtet das ein, damals wurde es als revolutionär wahrgenommen und abgetan. Viele Kirchen zögerten, ihre Rücklagen einem Projekt mit unsicherer Zukunft anzuvertrauen: Die Armen wären auf diesem Wege nicht zu erreichen, sie könnten ihre Darlehen nicht zurückzahlen, und kostendeckend würde eine solche Genossenschaft nie arbeiten. Das Geld für die Armen, hieß es damals, solle man lieber zum Fenster hinauswerfen, dann sehe man es wenigstens noch fliegen. 1975 aber waren genügend Befürworter zusammen, und die Entwicklungsgenossenschaft Ecumenical Development Cooperative Society (EDCS) nahm als Vorläufer von Oikocredit ihre Arbeit auf. Zwei Jahre später wurde sie unabhängig vom Kirchenrat, im dritten Jahr floss das erste Geld, 200 000 Dollar nach Indien und 100 000 nach Ecuador.

Dorthin fließt es bis heute, in einen Teil des weltweiten Netzwerks, in dem Oikocredit die Ausfallrate seiner Darlehen im niedrigen einstelligen Prozentbereich halten kann. Vinicio Martinez und die Kaffeebauern in den Höhenlagen rund um Catamayo haben bislang jedes Jahr pünktlich ihre Raten bezahlt. Sie haben ihre Kosten gesenkt, besseren Zugang zum Weltmarkt und eine Verhandlungsmacht, die keine Bauernfamilie allein je hätte erreichen können. "Und wir steigern seit Jahren kontinuierlich den Ertrag", sagt Martinez. 300 000 Euro können eben sehr viel Geld sein.