Kranke Tiere Überdosis im Stall

Früher fraßen Kühe eiweißreiches Gras im Frühling, das weniger gehaltvolle im Sommer und Heu im Winter. Heute verfüttern viele Landwirte ganzjährig Energie-Zusätze.

(Foto: Caroline Seidel/dpa)

Die extrem niedrigen Milchpreise zwingen Milchbauern zum Sparen um jeden Preis. Eine Möglichkeit: Teures Eiweiß im Futter durch Harnstoff zu ersetzen. Das spart Geld, birgt aber Risiken.

Von Tanja Busse

Es klingt absonderlich, doch Kühe können das: Sie sind in der Lage, aus ihren eigenen Abbauprodukten Nahrung zu machen. Sie wandeln Harnstoff, den sie wie alle anderen Säugetiere mit dem Urin ausscheiden, in Notzeiten in neues Eiweiß um. Sie können - verkürzt und salopp gesagt - aus Pippi Milch machen.

"Das ist eine Superleistung der Evolution", sagt der Berliner Tierphysiologe Holger Martens. Harnstoff ist das Endprodukt des Eiweiß-Stoffwechsels, ein Abfallstoff für Menschen und fast alle Tiere, nur nicht für Wiederkäuer. Sie recyceln diesen Stoff aus ihrem Blut in die Verdauungsorgane. In den Vormägen der Kühe spalten Mikroorganismen den Harnstoff in Ammoniak und bauen daraus neues mikrobielles Protein. "Sie machen aus einem Abfallstoff einen wertvollen Nahrungsbestandteil", sagt Martens. "In der freien Wildbahn können sie daher auch unter harten Bedingungen überleben. Überall auf der Welt von der Arktis bis in die Wüsten treffen wir auf Wiederkäuer."

Diesen biologischen Wundermechanismus der Wiederkäuer haben Bauern jahrhundertelang genutzt, ohne ihn zu kennen: Durch das Harnstoff-Recycling konnten Kühe harte Winter mit wenig Futter überleben. Vor einigen Jahrzehnten aber begannen die Rinderzüchter, die Milchleistung ihrer Kühe mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse zu vervielfachen. Sie ersetzten das natürliche Futter der Kühe, Gras und Heu, durch stärkehaltige Maissilage und eiweißhaltigen Sojaschrot und ergänzten das durch verschiedenste Zusatzstoffe. Seitdem ist es üblich, dass Futtermittelwerke oder Landwirte selbst puren Harnstoff ins Futter für ihre Kühe und Mastrinder mischen.

Doch jetzt könnte der Futtermittelzusatz neue Bedeutung gewinnen: Im vergangenen Jahr sind die Erzeugerpreise für Milch so tief gefallen, dass beinahe alle konventionellen Milchbauern in existenzielle Finanznot geraten sind. Sie müssen sparen, wo sie können. Gleichzeitig sind die Preise für Soja enorm gestiegen. Das könnte Futtermittelwerke und Landwirte in Versuchung führen, das hochwertige Eiweiß aus Sojaschrot durch günstigen Harnstoff zu ersetzen. Diese Vermutung äußern Landwirte, Berater und Futtermittelhändler. "Harnstoff wird in der Milchviehfütterung, aber auch in der Rindermast eingesetzt", schreibt der Deutsche Verband Tiernahrung, aber "Daten über eingesetzte Mengen gibt es zum Thema nicht."

Das Gleichgewicht des Organismus gerate durcheinander, sagen Tierärzte

Kritische Tierärzte halten das für gefährlich: "Wenn ich Harnstoff füttere, muss ich das genau dosieren, sonst vergifte ich meine Tiere", sagt Ralf Dieckmann, der als Tierarzt im Landkreis Freising arbeitet und als externer wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität München in Weihenstephan Fütterungsversuche betreut. "Man kommt sehr schnell in den toxischen Bereich." Er warnt davor, das komplizierte und fein austarierte Zusammenspiel der Mikroorganismen in den Mägen der Kuh zu stören, ebenso wie die empfindliche Pansenmotorik, die genau aufeinander abgestimmten Bewegungen der Verdauungsorgane im Bauch der Kuh. "Das alles bringe ich durcheinander, wenn ich in die Kuh Pülverchen schütte wie in einen Chemiekolben."

Trotzdem schwatze mancher Futtermittelberater den Bauern solche riskanten Futtermittelzusatzstoffe auf, kritisiert Dieckmann. Immer wieder erlebt er, dass Landwirte ihn sogar nach umstrittenen verschreibungspflichtigen Zusatzstoffen wie Kexxtone fragen, die den Kühen per Zwangsfütterung eingeflößt werden. "Wenn man die nicht verschreibt, ist man schnell einen Kunden los."

Die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft DLG empfiehlt Harnstoffzugaben "nur bei sehr proteinarmen Rationen" und nach genauer Berechnung. Der Stoff müsse sicher dosiert und gut verteilt werden, so steht es im Merkblatt der DLG, eine Überdosierung könne im Extremfall zum Tode führen. Außerdem dürfe nur Harnstoff verwendet werden, der eine Zulassung als Futtermittel habe, die "Verfütterung von Harnstoffdünger ist nicht zulässig".

Auch Jan Boersma, der als Berater bei der Unternehmensgruppe Bröring arbeitet, ist vorsichtig: Er empfehle Harnstoff nur in seltenen Fällen, wenn das hofeigene Futter eines Milchbetriebes zu viel Stärke und zu wenig Eiweiß enthalte. Harnstoff dürfe nur mit Bedacht eingesetzt werden, als Billigmacher sei er nicht geeignet.

Eine Bäuerin befürchtet, dass die Verbraucher synthetische Zugaben nicht akzeptieren

Doch Landwirte berichten, dass nicht alle Berater so vorsichtig seien. Auf der Internetseite des Futtermittelhändlers "Deutsche Tiernahrung Cremer", nach eigenen Angaben Marktführer für Mischfutter, etwa wird Harnstoff als "schnell verfügbare Stickstoffquelle" angepriesen, die sich bei bestimmten Futtervoraussetzungen "in der Milchkuh- und Mastrinderfütterung bewährt habe". Ein Hinwies auf Leberschäden und Todesgefahr dagegen findet sich nicht.

Der Delbrücker Tierarzt Karl-Heinz Schmack, der ein zorniges Buch über die Eiweißversorgung der Milchkühe geschrieben hat, lehnt die Harnstoff-Fütterung von Kühen grundsätzlich ab. Er hat viele Milchviehherden untersucht und dabei immer wieder Leber- und Nierenschäden entdeckt. Die seien "eine Folge einer katastrophalen wissenschaftlichen Fehlbegleitung der Kuh", die Berater hätten den Landwirten einen viel zu hohen Rohproteingehalt im Futter und viel zu hohe Harnstoffwerte in der Milch als Richtwerte empfohlen. Deshalb seien sehr viele Hochleistungsmilchkühe so degeneriert, dass sie schon nach zwei oder drei Jahren im Melkstand geschlachtet werden müssten. Für solche Tiere sei jedes Milligramm Harnstoff "ein zusätzlich toxisches Milligramm".

Schmack ist in der Branche umstritten, doch Milchbauern, die seinen Empfehlungen folgen und weniger Eiweiß füttern, berichten von gesunden Tieren und verbesserter Fruchtbarkeit. Und es klingt plausibel: Eine dauerhaft hohe Proteinversorgung hat es in den Jahrhunderten der bäuerlichen Weidewirtschaft niemals gegeben. Dem frischen eiweißreichen Gras im Frühjahr folgten über Monate das deutlich weniger gehaltvolle Sommergras und das Heu im Winter, die Kühe konnten sich also vom Proteinschock im Frühjahr erholen.

Die Milchbäuerin Kirsten Wosnitza, die eine Herde von 120 Hochleistungskühen in Nordfriesland hält, hat aus anderen Gründen aufgehört, ihren Kühen Harnstoff ins Futter zu mischen. Sie fürchtet um die Akzeptanz der Verbraucher. Sie habe sich gefragt, erzählt die Milchbäuerin, warum sie ihre Kühe mit synthetischen Mitteln füttern solle, wenn es natürliche Alternativen gebe. "Wir wollen schließlich ein natürliches Produkt verkaufen", sagt Wosnitza. "Wenn wir uns in Zukunft mit unseren tierischen Produkten auf dem stark umkämpften Nahrungsmittelmarkt behaupten wollen, brauchen wir natürliche pflanzliche Futtermittel, um hochwertige Nahrungsmittel zu produzieren." Dazu sei Harnstoff im Futter eher nicht geeignet.