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Kommentar:VW schafft die Wende zum E-Auto

Warum Volkswagen aus dem Diesel-Schlamassel die richtigen Schlüsse gezogen hat.

Das Bild war ungewöhnlich für die Jahrespressekonferenz eines Autokonzerns. Das Volkswagen-Management stellt in Wolfsburg keinen neuen Wagen auf die Bühne, dabei wäre die Auswahl eigentlich groß gewesen: 90 Modelle wollen sie dieses Jahr auf den Markt bringen. Aber weder fand der neue Golf seinen Platz, noch der neue Bugatti mit 1500 PS. Ein schlichtes Chassis steht da, ganz unscheinbar: ein Metallgerüst, samt vier Rädern - und in der Mitte eine große Batterie. Es ist der sogenannte Elektrobaukasten, den sie im Volkswagen-Reich "MEB" nennen: Man kann das Teil stauchen oder verlängern, so dass daraus zu relativ geringen Kosten kleine oder große Elektrowagen entstehen.

Es wirkt wie ein Spielzeug für Ingenieure und Besucher des Deutschen Museums. Und doch lohnt es auch für andere, sich diese Abkürzung zu merken. Denn "MEB" wird wichtiger werden als Golf oder Passat. Es ist Zeichen dafür, dass der größte Autobauer Europas mittlerweile den schnellen Weg weg von Benzin und Diesel gewählt hat. Viel mehr kann ein Autokonzern nicht machen. In einem Jahrzehnt sollen vier von zehn Neuwagen des Konzerns mit Strom fahren. Das Wort Diesel taucht fast nicht mehr auf, und die Entwicklung dieses Antriebs wird in einigen Jahren gestoppt werden. Stattdessen erklärt Vorstandschef Herbert Diess nun aller Welt ausführlich die hohe Effizienz von Elektrowagen und spricht von der Verantwortung, die man habe: Die VW-Flotte sei weltweit für ein Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes verantwortlich, das wolle man auf null senken.

Der Konzern hat mittlerweile den schnellen Weg weg von Benzin und Diesel gewählt

Volkswagen will Klimaschützer sein? Das wirkt mit Blick auf das was bisher war vermessen und unverschämt. Denn keiner hat ohne Rücksicht auf Umweltschäden so deutlich herumgepfuscht an Motoren. In diesem Jahr wird man aller Wahrscheinlichkeit nach große (Ex-)Manager vor Strafgerichten sehen, die sich für dieses Tun verantworten müssen. Und viele aus dieser gar nicht so fernen Vergangenheit sind noch an Bord. Volkswagen, Tochtermarken wie Audi inbegriffen, hatte in der alten Welt die größten Fehler gemacht, die schlimmsten Missetaten begangen und dann den tiefsten und teuersten Fall erlebt.

Aber man muss zugeben: Sie haben unter dem Eindruck des Schlamassels im Herbst 2015 die richtigen Schlüsse gezogen, zumindest aus technischer und damit auch aus Umweltsicht. So hastig waren sie in Wolfsburg unterwegs, erst getrieben von Ex-Chef Matthias Müller, nun von Herbert Diess, dass sie jetzt die ersten sind in der Elektromobilität. Der Skandal war Anlass zum schnellen Umsteuern. Und die Politik in Europa, die unter dem Eindruck der Krise eine deutliche Reduzierung des Spritverbrauchs bei Neuwagen fordert, hat nun den passenden Rahmen geschaffen. Plötzlich hat Volkswagen aus der Not einen doppelten Vorteil gemacht - und nutzt ihn auch maximal, auch um das Bild vom dreckigen Konzern zu ändern. Das mag irritieren, aber es ist auch eine gute Nachricht.