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Kommentar:Deutschland hinkt digital hinterher

Das Land zahlt nun den Preis für jahrelanges Zaudern. Mit dem Netzausbau ist es nicht getan. Die Bundesrepublik braucht mehr Gemeinsamkeiten in Bildungsfragen und mehr technologische Autonomie.

Das Land im Lockdown, die Wohnung gleichzeitig Büro, Schule und Kindergarten. Ohne digitale Hilfsmittel wäre die Situation noch um Einiges unerträglicher. Doch die Zwangsdigitalisierung zeigt auch gnadenlos, dass es noch große Defizite gibt. Defizite, die das reiche Deutschland trotz vollmundiger Sonntagsreden und blumiger Digitalagenden nach wie vor zu zögerlich aufholt. Das muss sich ändern, oder das Land wird es bitter büßen müssen.

Nicht alles, aber doch Einiges liegt an der Regierung, die das Thema noch immer nicht genügend priorisiert. Wie genau der weitere Netzausbau in Deutschland vonstatten gehen soll, ist nach wie vor unklar. Das hochgesteckte Ziel des Koalitionsvertrages, bis 2025 müsse für jeden Haushalt eine Internetverbindung mit mindestens einem Gigabit pro Sekunde Download-Geschwindigkeit zur Verfügung stehen, ist nicht zu halten.

Dabei muss auch klar sein: Der Ausbau der Netze ist nicht der Endzweck, sondern schafft bloß die Grundlage für die digital organisierte Gesellschaft. Mit anderen Worten: Wenn alle Netz haben, geht die Arbeit erst los. Damit das funktioniert, müssen die Vorbereitungen jetzt getroffen werden, besonders in den drei großen Bereichen Bildung, Verwaltung und Wirtschaft.

Mehr Bund in zentralen Fragen wagen

Der Bildungssektor leidet an Geldproblemen, digitaler Konzeptlosigkeit und fehlender Digitalkompetenz. Alle drei werden durch die Bildungshoheit der Länder noch verschlimmert. Es stimmt zwar, dass sich manche Dinge an Ort und Stelle besser regeln lassen als zentral. Die viel beschworenen lokalen Unterschiede, die es zu berücksichtigen gelte, könnten aber auch daher rühren, dass jedes Kultusministerium (in Grenzen) machen kann, was es will. Abstimmungsprozesse enden in Kompromissen, die niemanden wirklich weiterbringen, und sie dauern zu lange. Also mehr Bund, bitte, für zentrale Fragen. Für die Länder bleibt dann immer noch genug zu tun bei der Umsetzung.

Schön wäre es übrigens auch, wenn sich die Bildungspolitik nicht in die Arme der immerhungrigen US-Digitalkonzerne würfe, sondern die vorhandene Kompetenz deutscher und europäischer Open-Source-Unternehmen für den Aufbau von Schulclouds, digitalen Lernmitteln etc. zunutze machen würde.

Das gilt in gleichem Maß für die Verwaltung. Auch hier wäre zu prüfen, ob sich nicht vereinheitlichen ließe, was eigentlich auch einheitlich sein soll. Das hätte zugleich auch den Charme, dass Daten leichter zur Verfügung gestellt werden könnten, sei es um verwaltungsintern Trends zu erkennen oder auch für die Bürger, die ein Recht auf Transparenz haben. Klar, Dänemark und Estland sind klein, aber die Beispiele zeigen, dass es funktioniert, die meisten Verwaltungsakte digital zugänglich zu machen. Gut wäre es zudem, wenn bei der Konzeptionierung nicht einfach die bisher analogen Verfahren in digitale Prozesse übersetzt würden. Sondern wenn überlegt würde, ob die sich - möglicherweise wegen der digitalen Technik - auch eleganter lösen lassen.

Deutschland, "Schnarchland"?

Und die Wirtschaft? Die Wirtschaft gibt es wohl noch weniger als die Schule oder die Verwaltung. Ihre Verbände sowieso, aber auch viele Unternehmen selbst, rufen immer lauter nach Unterstützung bei der Digitalisierung, weil sie erkennen, dass die Technologie für die wirtschaftliche Weiterentwicklung von entscheidender Bedeutung ist. Deutschland sei ein "Schnarchland", dieser drastische Satz des BDI-Präsidenten Dieter Kempf ist das wohl plakativste Beispiel dafür - allerdings auch schon Jahre her. Und wieder ist zu wenig passiert.

Das liegt auch an manchen Unternehmen selbst. Der Mittelstand hat nicht die IT-Ressourcen von Konzernen, kann dafür aber beweglicher agieren. Mehr und mehr Firmen setzen bereits auf Digitalisierung. Ob sie das allerdings immer mit den richtigen Projekten tun, mit genügend Power dahinter, ist eine andere Frage. Das papierlose Büro alleine jedenfalls ist es nicht, was Deutschland voranbringt.

Mittelständler haben es aber auch schwerer, geeignetes IT-Fachpersonal zu finden, zudem müssen ja auch ihre Mitarbeiter fit gemacht werden für neue Arbeitsweisen. Und ja, dann gibt es auch noch die Unternehmer, die es nicht für nötig halten, sich dem Thema zu stellen. Das kann, muss aber nicht zwingend eine Generationenfrage sein.

Aber haben nicht die Welt und damit auch Deutschland gerade andere Probleme? Die Pandemie und den Klimawandel? Ja, aber mehr Digitalisierung kann dabei helfen, mit ihren Folgen besser umzugehen und den CO₂-Abdruck zu verringern. Man muss es nur tun.

© SZ vom 04.05.2020
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