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Kolumne: Allmendingers Welt:Wohnen ohne Halt

Illustration Bernd Schifferdecker

WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger und Nikolaus Piper schreiben jeden Freitag im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Nur Drogenabhängige und Kriminelle leben auf der Straße? Das ist falsch: Immer mehr Erwerbstätige sind obdachlos. Deutschland nähert sich amerikanischen Verhältnissen. Was die Politik und wir alle gegen Obdachlosigkeit tun müssen.

Alles und alle werden heutzutage vermessen, statistisch erfasst, in Tabellen gesteckt. Nur eine Gruppe scheint nicht zu interessieren: die Obdachlosen. Als seien sie es nicht wert, gezählt zu werden. Niemand weiß, wie viele es von ihnen gibt, wie viele neu hinzukommen, wie viele der Obdachlosigkeit entkommen, wie lange die Obdachlosigkeit andauert. Doch langsam wächst das Interesse. Sie kommen uns näher. Und wir ihnen.

Dies liegt an der gestiegenen Sichtbarkeit von obdachlosen Menschen in den Städten. Auch wenn wir keine Zahlen kennen, gefühlt werden es immer mehr. Zudem werden unsere Stereotype über Obdachlose erschüttert. Haben wir sie bislang als drogen- und alkoholabhängig, als geisteskrank oder kriminell abgetan, als deserving homeless in der Sprache der Armutsforschung, die also ihre Obdachlosigkeit "verdient" hätten, so müssen wir erkennen: Wir liegen falsch. Auch erwerbstätige, gesunde, ehrliche und fleißige Menschen werden obdachlos. Schnell steigende Mieten, ein rückgängiger Bestand von bezahlbarem Wohnraum, immer größere Entfernungen zwischen Wohnen und Arbeiten tun das Ihre. Sorgen und Ängste sind vom Rand der Gesellschaft in die Mitte gerutscht. Viele Menschen fragen sich angstvoll: Wie lange kann ich in meiner Wohnung bleiben? Würde ich eine andere finden? Was, wenn nicht?

Diese Sorgen sind nachvollziehbar. Immer mehr Erwerbstätige, insbesondere aus osteuropäischen Ländern, müssen in Deutschland auf der Straße leben. Die Unterkünfte für Wohnungslose sind überfüllt, die Verwaltung überfordert.

Neuvertragsmieten sind zwischen 2007 und 2018 bundesweit um rund 37 Prozent gestiegen, Bestandsmieten um zwölf Prozent, in den Städten ist der Anstieg besonders hoch: In Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt/Main legten Neuvertragsmieten um über 50 Prozent, Bestandsmieten um 15 Prozent zu. Der Anteil der Miete am Haushaltseinkommen, die Mietbelastung, liegt seit Jahren bei 29 Prozent. Für armutsgefährdeten Haushalte aber stieg die Mietbelastung von 35 Prozent im Jahr 2013 auf 43 Prozent im Jahr 2017. Geben Haushalte mit einem Nettoeinkommen von über 4500 Euro gerade 17 Prozent ihres Einkommens für Miete aus, so sind es für Haushalte mit einem Einkommen unter 1300 Euro 46 Prozent.

Ein Umzug in günstigere Wohnungen auf dem Land ist meist keine Lösung - und schafft neue Probleme. Die mittlere Pendeldistanz zwischen Wohnsitz und Arbeitsplatz von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit niedriger und mittlerer Qualifikation ist zwischen 2000 und 2014 um 22 Prozent gestiegen. Pendeln kostet Zeit. Und, so sarkastisch es klingen mag, Pendeln kostet vor allem Geld. Gerade Geringverdienern nimmt langes Pendeln die Zeit für einen Nebenjob.

Wir nähern uns amerikanischen Verhältnissen. Und doch: Zeltstädte wie auf den Straßen in Midtown Los Angeles kennen wir nicht. Auch nicht Parkhäuser, die nachts von Privatpersonen gemietet werden, damit Obdachlose in ihren Autos schlafen können, bewacht und durch Versorgungstrucks verpflegt. Dabei gelten Parkhäuser als Privileg. Viele schlafen einfach in Autos, die am Straßenrand parken. Die meisten Menschen in Deutschland sind von der Obdachlosigkeit mehr als nur einen paycheck away, wie man in Kalifornien sagt. Bis in die höhere Mittelschicht hinein ist dort zu hören, wie nahe man der Obdachlosigkeit ist: schlechter Kündigungsschutz, geringe Rücklagen, hoch belastete Häuser, fehlende soziale Sicherung für Krankheit oder Alter und kein Wohngeld. Und Zwangsräumungen sind wesentlich einfacher als in Deutschland.

Sicher und auch für Partner oder Tiere zugänglich: Es braucht mehr und bessere Unterkünfte

Dieses Panoptikum zeigt: Wohnen muss ein Menschenrecht sein. Dazu gehört bezahlbarer Wohnraum, ausreichende Einkommen, ein höherer Mindestlohn, die Sicherung und Anpassung des Wohngelds, eine gute öffentliche Verwaltung. Gerade hat die große Koalition mit der Verlängerung der Mietpreisbremse und Entlastungen beim Immobilienkauf einige Weichen gestellt. Bereits im Mai wurde eine Erhöhung des Wohngelds von 2020 an und seine Anpassung an die Miet- und Einkommensentwicklung beschlossen. Schätzungsweise 660 000 Haushalte werden dadurch Wohngeld erhalten, 180 000 mehr als bisher. Weitere Maßnahmen sind nötig. Investoren sollten verpflichtet werden, einen Teil der Bausumme für bezahlbare Wohnungen mit Sozialbindung zu verwenden. Berlin hat eine solche Pflicht 2014 eingeführt, seit 2017 liegt die Quote für Sozialwohnungen bei großen Bauprojekten bei 30 Prozent.

Wir brauchen mehr und bessere Unterkünfte für Obdachlose, die sicherer und auch für Partner oder Tiere zugänglich sind. Hilfsangebote müssen auch Erwerbstätigen offenstehen. Hilfsstrukturen müssen an die Bedarfe angepasst werden und auch Erwerbstätigen offenstehen. "Housing First"-Ansätze, die Obdachlose schnell und vorbehaltlos in eine eigene Wohnung vermitteln, müssen entschlossener ausgebaut und die darin sichtbare Politik des Vertrauens in die Breite getragen werden. Das öffentliche Verkehrsnetz ist gerade für Obdachlose wichtig und muss erhalten werden. Wir brauchen konsolidierte Politiken über einzelne Stadtbezirke hinweg.

Und, ja, wir brauchen viel mehr Wissen über die Obdachlosen selbst. Zentral aber ist unsere Haltung. So nah uns die Obdachlosigkeit gekommen ist, ertragen können wir ihre Nähe nicht. Auch Deutsche sind "Nimbys": Obdachlose sollen draußen wohnen, not in my backyard. Die gegenüber Obdachlosen defensive und feindliche Architektur spricht Bände. Wir dürfen der Obdachlosigkeit nicht näher kommen, nur um sie wieder aus den Augen verlieren zu können.