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Kolume: China Valley:Im Land der Einhörner

Christoph Giesen

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Christoph Giesen (Peking), Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Bis vor wenigen Jahren war China ein Start-up-Entwicklungsland. Vorbei. Nirgendwo auf der Welt sind in kurzer Zeit so viele milliardenschwere Firmen entstanden. China liegt nun sogar vor den USA.

Die Vermesser des chinesischen Wohlstands sitzen in einem Hochhaus unweit des Shanghaier Bahnhofs. Eingepfercht in zwei Großraumbüros beugen sich hier mehr als hundert Rechercheure über ihre Laptops, sie prüfen Handelsregister, archivieren Zeitungsartikel und lesen Geschäftsberichte. Alles für diese eine Liste.

Angefangen hat es vor 20 Jahren, deutlich kleiner in einer Bibliothek. Zusammen mit zwei Studenten trug der britische Wirtschaftsprüfer Rupert Hoogewerf damals Chinas erste Reichenliste zusammen. Auf 50 Namen kam er. Seitdem gibt Hoogewerf, der in China unter dem Namen Hu Run bekannt ist, jedes Jahr im Herbst eine neue Liste heraus, den Hurun-Report, den vielleicht verlässlichsten Gradmesser für Chinas Wohlstand. In den letzten ein, zwei Jahren hat sich jedoch relativ wenig verändert.

Der reichste Chinese heißt wieder einmal Jack Ma, der 55-Jährige ist Gründer des Onlinehändlers Alibaba, auf umgerechnet 35 Milliarden Euro schätzt Hurun sein Vermögen, ihm folgt mit 33 Milliarden Euro Ma Huateng, der Chef des Internetkonzerns Tencent, der die in der Volksrepublik so beliebte App Wechat betreibt. Alibaba vor Tencent - soweit, so erwartbar in China.

Deutlich überraschender ist ein zweites Ranking, das die Hurun-Forscher nun zum ersten Mal vorgelegt haben, statt Firmenanteilen, Immobilien und Rennpferden von Milliardären nachzuspüren, haben sie sich an eine Start-up-Bewertung gewagt - nicht nur in China, sondern gleich weltweit. Demnach existieren 494 sogenannter Einhörner, Start-ups also, die eine Milliarde Dollar oder mehr wert sind.

Nicht weit von Shanghai tagt die "World Internet Conference", aber man bleibt unter sich

Während Unternehmen aus Europa heillos abgeschlagen sind, stammen 206 dieser Fabelwesen aus China. 203 Einhörner haben ihren Sitz in den Vereinigten Staaten - China fast gleichauf mit den USA, dem Mutterland des Gründertums.

Das Ranking führt Ant Financial an, der ehemalige Finanzarm von Alibaba. Millionen Bezahlungen werden jeden Tag in China über dessen Dienst Alipay abgewickelt. Dazu scannt man mit dem Smartphone einen QR-Code ein, und das Geld wird transferiert. Ein Bankkonto braucht man nicht mehr. Hurun bewertet Ant Financial mit sagenhaften 150 Milliarden Dollar - fast so viel wie das Dax-Schwergewicht SAP und etwas mehr als Siemens oder Allianz.

Auf Platz zwei ebenfalls ein Unternehmen aus China: Bytedance, der Entwickler, der bei Teenagern populären Video-App Tiktok. Mithilfe von künstlicher Intelligenz bekommen die Nutzer nur Clips zu sehen, die den eigenen Interessen entsprechen - viele Jugendliche verbringen so Stunden mit der App. Aktuelle Bewertung: 75 Milliarden Dollar.

Den dritten Rang belegt der chinesische Fahrdienstleister Didi; 55 Milliarden Dollar. Erst dann folgen die Amerikaner. Das Softwareunternehmen Infor, die umstrittene E-Zigarettenfirma Juul Labs und schließlich der Zimmervermittler Airbnb. Start-ups aus Deutschland sind rar. Auf Position 57: Die Auto 1 Group, nach eigenen Angaben Europas größter Gebrauchtwagenhändler. Vor knapp zwei Jahren stieg die japanische Investmentfirma Softbank ein. Wert: vier Milliarden Dollar. Auf Platz 83 - mit drei Milliarden Dollar - folgt die hierzulande viel diskutierte Internetbank N 26. Als das Unternehmen 2013 in Berlin gegründet wurde, war die chinesische Start-up-Landschaft noch mindestens so übersichtlich wie in Deutschland.

Zwischen 2010 und 2013 gab es in der Volksrepublik pro Jahr genau ein Einhorn. 2014 waren es fünf. 2017 kamen gut 20 weitere chinesische Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar hinzu. Jetzt sind es über 200 Firmen in einem Land, dessen Regierung das Internet vom Rest der Welt konsequent abgeschottet hat. Kein Facebook, kein Google und kein Twitter. Dafür Alibaba, Wechat und Baidu. Und trotzdem Milliarden-Start-ups. Da passt es ganz gut, dass Hurun sein Ranking dieser Tage ausgerechnet in Wuzhen vorgestellt hat - auch das ein Paradoxon.

Einmal im Jahr tagt in dieser malerischen Wasserstadt, zwei Autostunden von Shanghai entfernt, die sogenannte World Internet Conference. Organisator ist der chinesische Staat. Für einige Tage sind dann die Touristen verbannt, in den Teehäusern an den Kanälen ist niemand zu sehen, außer ein paar Beamten der Staatssicherheit.

Stattdessen handverlesene Besucher, die sich mit Golfwägelchen zu den Veranstaltungen fahren lassen, um sich anzuhören, wie nach Ansicht der Führung in Peking das Internet der Zukunft aussehen soll: reguliert und streng zensiert.

Die meisten Gäste sind Parteikader und Mitarbeiter chinesischer Unternehmen, für sie ist es ein Pflichttermin. In diesem Jahr war Jack Ma da, genauso wie Baidu-Gründer Robin Li. Ansonsten blieb man unter sich. Europäer und Amerikaner meiden die Weltinternetkonferenz inzwischen. Vor ein paar Jahren noch reisten Emissäre aus dem Silicon Valley an. Apple-Obmann Tim Cook etwa oder Google-Vorstandschef Sundar Pichai. Sie wollten verstehen, wie man in diese so abgeschottete Welt vordringen kann, den größten Internetmarkt der Welt. Mehr als 800 Millionen Chinesen sind online, fast alle von ihnen gehen mobil ins Netz. In den USA machen das knapp ein Drittel der Nutzer. Dennoch hat man offenbar im Silicon Valley aufgegeben, China zu knacken. Die Hürden der Zensur sind zu hoch. Stattdessen schicken sich die chinesischen Start-ups an, im Rest der Welt zu expandieren. Apps, wie Tiktok sind die Vorreiter. Wer möglicherweise bald folgen wird, kann man der Hurun-Liste entnehmen.