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KfZ-Kennzeichen:Gläserne Autofahrer

In Deutschland gelten die alten Nummernschilder. Digitale Kennzeichen sind hierzulande nicht erlaubt.

(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de)

Mautgebühren abrechnen oder Geschwindigkeitskontrollen? Digitale Kfz-Schilder machen es möglich, aber nicht überall.

Einige Entwicklungs- und Schwellenländer könnten Deutschland bald technologisch voraus sein. Zumindest bei den Verkehrskontrollen: Etwa in Honduras und in Peru werden derzeit Nummernschilder mit integriertem Chip getestet. Die digitalen Kennzeichen sollen automatisierte Kontrollen ermöglichen. In Deutschland ist das aber derzeit noch umstritten, denn es gibt Bedenken beim Datenschutz. "Szenario Gläserner Autofahrer" nennt der größte Autoklub Deutschlands (ADAC) den vorschnellen Einsatz von Kennzeichen-Chips. Bevor intelligente Nummernschilder hierzulande genutzt werden könnten, müsse die Datensicherung vorangetrieben werden, heißt es.

Dabei produzieren deutsche Firmen die schlauen Schilder bereits. Zum Beispiel der Kennzeichenhersteller Tönnjes aus Delmenhorst. Mehr als vier Millionen der digitalen Nummernschilder hat die Firma schon hergestellt. "Durch die Chips können Kennzeichen an Mautstellen per Scan ausgelesen werden", sagt Stephan Wüstefeld, Vorstand des niedersächsischen Nummernschildproduzenten. Bestimmte Lesegeräte identifizieren die Fahrzeuge dann über die Chiptechnik. Auch Geschwindigkeitsmessungen könnten so weiter digitalisiert werden.

Nicht nur striktere Datenschutzanforderungen sind ein Grund, weshalb bislang nur Schwellenländer die Nummernschilder mit integriertem Chip nutzen. Oft bauten diese ihre Verkehrskontrollsysteme erst auf, sagt Wüstefeld. So sei es einfacher, gleich digitalisierte Systeme einzusetzen - ohne den Aufwand, bestehende Systeme umzustellen. In Deutschland sei eine Umstellung auf digitale Kennzeichen dagegen komplexer. Trotzdem gehört das Land zu den Größen im Geschäft mit Kennzeichenrohlingen, die zumeist noch analog funktionieren. "Deutschland ist einer der Weltmarktführer bei der Rohlingherstellung", sagt Manfred von der Heyden, Vorstand des Bundesverbandes der Autoschilderfirmen und Fahrzeugdienstleister. Etwa sieben große Firmen dominierten den deutschen Markt - die unter Endnutzern weitestgehend unbekannt sind.

Dazu gehört auch Utsch. Nach eigenen Angaben produziert die Firma aus Nordrhein-Westfalen zwischen 20 und 30 Millionen Schilder im Jahr - je nach Projektlage. "Das deutsche Kfz-Kennzeichen ist in Bezug auf seine Technologie traditionell eher einfach gehalten", sagt ein Firmensprecher. Allerdings liefere die Firma auch viele ihrer Rohlinge ins Ausland. "Es gibt durchaus Länder, in denen die gesamte Produktion der nationalen Kfz-Kennzeichen durch eine Ausschreibung an ein einzelnes deutsches Unternehmen vergeben wird", sagt er. Paraguay ist so ein Beispiel. In das südamerikanische Land liefert Tönnjes nun 2,3 Millionen seiner jährlich rund 50 Millionen hergestellten Kennzeichen. Alle offiziell zugelassenen Autos in Paraguay fahren also bald mit Schildern aus Deutschland. Hintergrund ist, dass der südamerikanische Staatenverbund Mercosur, zu dem unter anderem auch Argentinien, Brasilien und Uruguay gehören, seine Autokennzeichen vereinheitlicht. Gemeinsame Schilder sollen die wirtschaftliche Einheit der Staaten symbolisieren. Allerdings hätten die Hersteller in Paraguay nicht genügend Kapazitäten, um eine derart große Menge Rohlinge zu produzieren, sagt Wüstefeld.

Tönnjes erhielt den Zuschlag für den nationalen Auftrag und fertigt die Rohlinge nun in Deutschland. Dabei ähneln die groben Vorgaben den EU-Normen für Kfz-Kennzeichen: dazu gehört zum Beispiel das blaue Feld am oberen Kennzeichenrand. In der EU findet dieser Blaustreifen an der linken Schildseite Platz. Auch das jeweilige Land muss auf dem Rohling kenntlich gemacht werden. Die Maße der Autoschilder entsprechen den EU-Vorgaben. Etwas künstlerische Freiheit lassen diese aber doch. "Für die paraguayischen Rohlinge haben wir einen Designer", sagt Wüstefeld. Die Behörden im südamerikanischen Land genehmigten dann den Entwurf. Eine Firma in Paraguay prägt schließlich die Buchstaben-Zahlen-Kombinationen auf die Platinen. Langfristig sei sogar eine direkte Verbindung von Kennzeichen und Konto denkbar - zum Beispiel für die Zahlung von Mautgebühren, prognostiziert Wüstefeld. Für einen Kontozugang der Verkehrskontrollsysteme müsste die Datensicherheit natürlich garantiert sein, ergänzt er. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Der Großteil der Kfz-Schilder auf dem Weltmarkt ist derzeit noch analog statt digital.

© SZ vom 20.02.2020
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