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IT-Industrie:Die Ausnahme als Dauerzustand

Israel gilt als eine der innovativsten Regionen der Welt - kein Land investiert so viel in Forschung. Ein Besuch bei erstaunlichen Gründern.

Von Varinia Bernau, Tel Aviv

Es war diese Energie, die Mickaël Nadjar, 33, dazu brachte zu bleiben. Diese Lebensfreude, die einem in Tel Aviv an jeder Ecke entgegenspringt - auch oder vielleicht gerade in diesen Tagen, in denen Terror das Land erschüttert. Vor vier Jahren wechselte Nadjar als Berater der Boston Consulting Group von Paris ins neu eröffnete Büro nach Tel Aviv. Was als Karriereschritt geplant war, wurde eine Entdeckungsreise. Eine Reise, auf der der Franzose viele Leute mit dem unbändigen Drang kennenlernte, Alltagsprobleme zu lösen. Eine Reise, auf der er sich schließlich eine Auszeit nahm, um Hebräisch zu lernen und diese Energie aufzusaugen. Als ihm ein Freund aus Frankreich dann von seiner Idee erzählte, das Airbnb für Abstellraum zu gründen, beschloss er mitzumachen - und das Entwicklerteam in Tel Aviv anzusiedeln. Zehn Leute sind sie inzwischen bei Costockage, die Hälfte arbeitet in Israel. Gerade verhandeln sie mit internationalen Geldgebern, um den Dienst, bei dem sich in Frankreich 10 000 Menschen angemeldet haben, die ihren Keller anderen anbieten oder selbst einen Abstellplatz suchen, auch in andere Länder zu bringen.

Israel ist ein Land, in dem die Gewalt immer wieder aufflammt. Es ist aber auch: Ein Land, das etwa vier Prozent seines Bruttosozialprodukts in Forschung und Entwicklung steckt - so viel wie kein anderes. Ein Land, das zwar nur acht Millionen Einwohner hat - aber mehr als 80 Firmen an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq. Nirgendwo ist die Summe an Risikokapital, zu der jeder Einwohner rein statistisch Zugang hat, so hoch - und damit auch die Verlockung, es zu wagen.

Ein Grund für diesen Gründergeist ist der Militärdienst: Für Israelis, Männer wie Frauen, ist dies eine Zeit, in der diejenigen, die in der technischen Eliteeinheit landen, programmieren lernen - und alle anderen immerhin, sehr schnell erwachsen zu werden. "Im Grunde genommen, können die Leute, die aus dem Militärdienst kommen, alles, was ein Manager können muss - mit gerade einmal 20 Jahren", sagt der Investor Guy Horowitz.

Israelis sind nicht schüchtern. Manche meinen, dass sich die Menschen in diesem Land ungern etwas sagen lassen - und deshalb am liebsten ihr eigener Boss sind. Manche meinen auch, dass die jüdische Mame, ein gluckenhaftes Wesen, ihren Kindern zu verstehen gebe, dass ein Nobelpreis jawohl das Mindeste sei, was diese nach Hause bringen sollten. Es ist auch ein Land, in dem Fehler erlaubt sind. Die Firma Better Place, mit der der aus Israel stammende ehemalige SAP-Vorstand Shai Agassi die Welt der Elektroautos revolutionieren wollte, die dann aber vor zwei Jahren mit 560 Millionen Dollar Verlust pleite ging, gilt in Deutschland als gescheitertes Experiment. Der Israeli Guy Horowitz hingegen sagt: "Die Idee hat überlebt." Der eine Teil der Truppe tüftele nun bei General Motors an Elektroautos, der andere in einem neuen Start-up an besseren Akkus für Smartphones.

Am Boulevard Rothschild in Tel Aviv siedeln sich Start-ups an - die Nähe zueinander soll befruchtend wirken wie hier bei einem Innovations-Festival.

(Foto: Mauritius)

Israel gewährt Gründern seit den Neunzigern Unterstützung: Damals kamen viele Juden mit exzellenten technischen Fähigkeiten aus der ehemaligen Sowjetunion. Der Staat gewährte all jenen, die dieses Know-how in einem eigenen Unternehmen nutzen wollten, einen Kredit über 85 Prozent der notwendigen Investitionssumme. Der Staat gab auch Risikokapitalgebern Geld - mit der Auflage, sich mit Investoren aus dem Ausland zusammenzutun. "Heute kommt 70 Prozent des Geldes aus dem Ausland", sagt Gallit Jacobovitz von der Organisation Start-up-Nation Central. Und weil Israel zu klein für große Geschäfte ist, nehmen die hiesigen Gründer gleich die ganze Welt als Absatzmarkt ins Visier.

Viele internationale Firmen haben in Israel eine Forschungsabteilung

All dies schafft diese Energie, die den Franzosen Mickaël Nadjar so fasziniert. Und nicht nur ihn: Mehr als 250 internationale Firmen haben in Israel eine Forschungsabteilung, viele auch einen Brutkasten für Start-ups. Google etwa hat nahe dem eigenen Büro im 34. Stock eines modernen Glasbaus auch einen Campus hergerichtet: Hier kann sich jeder an einen der Schreibtische setzen. Es gibt Wlan, Kekse und einen spektakulären Blick über die Baukräne hinweg bis zum funkelnden Meer.

Einer der ersten Konzerne, der in Israel nach Inspiration suchte, war die Deutsche Telekom. Und zwar in der Wüste. Vor elf Jahren knüpfte die Telekom eine erste Kooperation mit der Hochschule, inzwischen tüfteln in den dortigen T-Labs etwa 50 Wissenschaftler. Dabei entstehen dann etwa Ideen wie die von Morphisec, bei der es um den Schutz vor Cyberattacken geht. Das Start-up setzt auf eine Technologie, die die verschlungenen Wege in einem Computer ständig so umbaut, dass sich Hacker dort nicht mehr zurechtfinden, wenn sie ihren Virus injizieren wollen. Gerade hat Morphisec sieben Millionen Dollar bei Investoren eingesammelt - auch bei der Telekom.

1000 Start-ups

werden jedes Jahr ungefähr in Israel gegründet - in einem Land, das nur acht Millionen Einwohner hat. Die Gründe dafür liegen in der Mentalität der Israelis, die nicht nur Ideen haben, sondern sich auch trauen, sie umzusetzen. Daher fließt viel Risiko-Kapital aus dem Ausland nach Israel. Eine wichtige Rolle spielt auch der Militärdienst, bei dem die jungen Menschen wertvolle Fähigkeiten fürs spätere Leben erwerben.

Guy Horowitz ist der Mann, der für den deutschen Konzern Ausschau nach solch spannenden Firmen hält. Die Investitionen, sagt er, sollten nicht an der Rendite gemessen werden, sondern an der Reibung, die sie im Konzern erzeugen. "Es ist auch unsere Aufgabe, das Unternehmen wachzurütteln." Einfach ist das nicht: Er muss den Deutschen immer wieder klarmachen, dass es auch anderswo kluge Ingenieure gibt - und dass es kein Drama sein muss, wenn Daten auf amerikanischen Servern gespeichert werden. Er muss in seiner Heimat den Kontakt zu den klügsten Köpfen früher knüpfen als es die US-Konzerne tun. Aber er darf die Gründer nicht erdrücken und setzt daher auf Partnerschaften. "Sonst bleiben wir der Elefant - und die genialen Firmen das kleine Tier, das unter seine Füße gerät."

Nicht nur die Ideen, sondern auch jene Energie, in der sie entstehen, aus Israel herauszuholen, ist eine große Kunst. Vielleicht ist es sogar unmöglich. Denn auch wenn die deutsche Start-up-Szene wächst, einen Ort wie den Rothschild Boulevard sucht man in Berlin vergebens. In Bonn sowieso: Am Kiosk unter den knorrigen Bäumen hängen die Zeitungen mit den Schlagzeilen über die Anschläge. Direkt daneben wischen junge Männer auf ihren Smartphones, ein paar Schritte weiter spielen die älteren Boule. Anderswo bleibt das Leben nach Attentaten stehen. Hier gehen alle weiterhin zur Arbeit und in die Bar. Anderswo würde der Terror Investoren verschrecken, hier bestärkt es sie darin, dass die Gründer von ihrer Idee überzeugt sind - und alles tun, um sie umzusetzen. "Die Investoren wissen, dass wir mit Problemen umzugehen wissen", sagt Gallit Jacobovitz.

"Tel Aviv selbst ist ein Start-up - was kann ich erfinden, um mein Leben besser zu machen?"

Eine Kreuzung am Rothschild Boulevard ist auch der Ort, an dem 66 jüdische Familien im Jahr 1909 die Grundlage für die erste hebräische Stadt legten: mitten im Sand, zu Fuß eine Stunde von der arabischen Hafenstadt Jaffa entfernt. "Tel Aviv selbst ist ein Start-up", sagt Mira Marcus von der Stadtverwaltung. "Was kann ich erfinden, um mein Leben besser zu machen? Diese Frage trieb die Siedler damals an. Und noch heute stellt sie sich jeder in der Stadt."

Die absurden Preise für Wohnraum am Boulevard Rothschild rufen auch Proteste hervor.

(Foto: Jack Guez/AFP)

Die Mieten auf dem Rothschild Boulevard sind so hoch wie nirgendwo sonst in Israel, aber die Start-ups siedeln sich trotzdem hier an. Die Gehälter und das Renommee, mit denen Facebook, Google oder Intel um die Talente buhlen, können sie ihnen nicht bieten. Also versuchen sie es mit etwas, von dem viele hier sagen, dass es ihnen eigentlich wichtiger ist: Die Möglichkeit, aus dem Büro hinaus in einen Haufen anderer Leute zu stolpern, die ähnlich hungrig auf das Leben sind.

Um die Gründer gerade am Anfang zu unterstützen, hat die Stadt vor vier Jahren ganz in der Nähe eine einstige Kinderbibliothek zu einem Co-Working-Space gemacht. Nicht nur die Idee entscheidet darüber, ob man dort einen Platz bekommt - man muss auch mindestens zu zweit sein. "Nur dann kommt man ins Diskutieren - und diese Diskussion springt auf den nächsten Tisch über", sagt Mira Marcus. Am Wochenende haben sie mit Berlin eine Vereinbarung geschlossen, die Gründern aus beiden Städten den Austausch erleichtern soll - mit Hilfe bei der Wohnungssuche, einem Platz in einem Co-Working-Space, Kontakt zu Start-ups, die an ähnlichen Technologien arbeiten, Zugang zu Veranstaltungen, bei denen sie vor Investoren pitchen können. Im Silicon Valley werde jedes zweite Start-up von einem Einwanderer gegründet, in Israel seien es gerade einmal zwei Prozent, rechnet sie vor. "Uns fehlen manchmal die neuen Perspektiven."

Und vielleicht ist dies doch eine Gefahr, die sich mit den aktuellen Anschlägen in die Start-up-Nation schleicht: "Die Israelis sind Fremden gegenüber sehr skeptisch - und dieses Misstrauen steigt in diesen Tagen", sagt der Jungunternehmer Mickaël Nadjar.

© SZ vom 17.10.2015
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