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Investieren im Ausland:Perspektiven schaffen

Illustration: Stefan Dimitrov

Deutsche Investoren sind im Ausland beliebt, weil sie Know-how und Technologie versprechen.

Deutsche Investoren sind verlässliche Partner mit hohem Engagement und großem technischen Know-how. Diese Reputation öffnet den Deutschen Türen, die manch anderem verschlossen bleiben. So kam es, dass der Rheinländer Thibaut Liminski und seine Partner mit dem Staatssekretär des Präsidialamtes der Elfenbeinküste zusammensaßen. Liminski bekam dort, was er benötigte: nämlich eine Zusage, dass der Staat seinem Unternehmen eine Mindestabnahme von medizinischen Mund-Nasen-Masken garantiert, sollte seine Firma in dem westafrikanischen Land eine Produktion der Masken aufbauen. Dabei konnte Liminski dem hochrangigen Beamten nicht einmal eine lange Erfolgsgeschichte seines Unternehmens Med-Protexproduction (MPP) vorlegen. Die Fabrik an der Elfenbeinküste wird ihr erstes Projekt. Aber die Idee ist in Afrika dennoch auf fruchtbaren Boden gefallen. Für die Elfenbeinküste bedeutet das Engagement der Deutschen mindestens einige Hundert neue Arbeitsplätze in der neu geschaffenen Freihandelszone Vitib in der Nähe der Hauptstadt Abidjan.

"Die Region leidet unter Covid-19, weil es kaum noch Touristen dorthin zieht. Neue Jobs sind jetzt umso wichtiger, um einigen Leuten eine neue Perspektive zu geben", sagt Liminski. Er will Geld verdienen, aber auch die Fluchtursachen am Ort bekämpfen. Außerdem motiviert ihn der Gedanke, dabei mitzuhelfen, die Abhängigkeit Europas von chinesischen Lieferungen relevanter medizinischer Güter zu verringern.

Der Pfad nach Westafrika führte von Liminskis eigentlichem Arbeitsplatz bei einem Versicherungsunternehmen über seine eigene Beratungsfirma, die Versicherungskonzepte für Länder des Kontinents entwickelt. So entstanden Kontakte in die Elfenbeinküste, und irgendwann trudelte eine Anfrage von dort ein: "Könnt ihr eine deutsche Maschine zur Produktion von Mund-Nasen-Masken besorgen?" Anfangs wollte Liminski nur helfen, bis er und seine beiden Geschäftspartner zu dem Schluss kamen, dass es eine kluge Idee sein könnte, die Investition selbst zu tätigen. Ihr Vorschlag wurde gerne angenommen. Schnell bekamen die Deutschen ein Grundstück in der Freihandelszone angeboten, wo bis auf Straßen, Wasser- und Stromversorgung noch nichts zur Verfügung steht. Ein paar Millionen Euro werden die Geschäftsleute benötigen, um ihren Plan zu verwirklichen. Noch wiegen sie ab, wie sie die Investitionssumme finanzieren wollen. "Im Gespräch sind Schuldverschreibungen über die Aktiengesellschaft, die wir gegründet haben, oder wir bemühen uns um Wagniskapital", sagt Liminski. Eine sechsstellige Summe bringen die Unternehmer als Eigenkapital mit ein.

Maximal 1200 Quadratmeter groß wird die neue Anlage, bestückt mit deutscher Technologie. Es ist aber nur die erste Etappe der geplanten Investition. Wenn das Kapital einmal fließt, will die MPP eine weitere Fabrik zur Produktion von medizinischen Kitteln aufbauen. Allein die Fläche dafür wäre viermal so groß. 1200 neue Arbeitsplätze könnten dann dort entstehen. "Die Vision muss es doch sein, Hilfe zur Selbständigkeit für Afrika und Unabhängigkeit Europas von der chinesischen Produktion zu schaffen", sagt Liminski. Er zählt auf die Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), einer teils profitorientierten Institution, die dem Bundesentwicklungsministerium (BMZ) angeschlossen ist. Auch die GIZ versucht, mit ihrer Arbeit die Lebensbedingungen in Dritte-Welt-Staaten zu verbessern. Die Arbeit der GIZ wird aber auch kritisch beurteilt, weil es ihr nicht immer gelingt, die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von ausländischen Investoren zu minimieren.

Peter Schrum ist Gründer von Sunfarming, einem Projektentwickler im Bereich Solarenergie und Ernährung. Er will nicht nur Arbeitsplätze schaffen in Entwicklungsländern, sondern Unternehmen aufbauen. Vor 18 Jahren investierte Schrum erstmals in Südafrika. Seitdem kamen zahlreiche Standorte auf der ganzen Welt hinzu, die meisten in Afrika. Zurzeit entsteht in Togo in Westafrika eine neue Anlage. Auch in Sri Lanka in Südasien stehen die Aussichten gut, dass dort in den kommenden Monaten ein neues Projekt angeschoben wird. "Kernüberlegung der Investition ist immer die Frage, ob wir am Ort gute, vertrauensvolle Partner finden. Nur dann ergibt es Sinn, in das Land zu investieren", sagt Schrum.

Sunfarming baut Anlagen, die Stromerzeugung und wassereffiziente Lebensmittelproduktion miteinander vereinen. Der erste Schritt sei immer die Suche nach einer örtlichen Universität, mit der ein Programm zur Ausbildung von Spezialisten entwickelt wird, um die Möglichkeiten der Sunfarming-Anlagen optimal zu nutzen. So fördern die Deutschen eine neue Generation junger Akademiker, die Solartechnologie ebenso verstehen wie den Anbau und die Produktion von Obst und Gemüse unter klimatisch und geologisch schwierigen Bedingungen.

Schrum taxiert das Investitionsvolumen pro Land auf 40 bis 50 Millionen Euro. Maximal 70 Prozent der Summe kann er mit Krediten von Entwicklungsbanken abdecken. Der Rest ist Eigenkapital, das er und seine Konsortialpartner aufbringen müssen. Bis zu 50 mittelständische Unternehmen gehören zum Kreis der potenziellen Investoren, die Schrum regelmäßig mit ins Boot holt und die das Risiko gemeinsam tragen. Nach zehn Jahren fließt das Geld an die Investoren zurück. Die verdienen bestenfalls nicht nur an der Rendite der Projekte, sondern profitieren auch als Zulieferer am Aufbau der Anlagen.

Um Banken wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) zu überzeugen, muss Sunfarming den Bankern ein Konzept vorlegen, das mindestens 7,5 Prozent Rendite verspricht. Alles darunter wird schwierig zu finanzieren sein. Das Risiko von Investitionen in Entwicklungsländern sei größer als anderswo, sagt Schrum. Um rentabel zu investieren, benötigt sein Unternehmen Zusagen der Staaten, dass diese bereit sind, den produzierten Solarstrom auch abzunehmen. Daran hapert es meistens nicht, aber monatelange Verzögerungen bei den Zahlungen können vorkommen.

Zuletzt wartete Schrum in Madagaskar sechs Monate auf das Geld des örtlichen Energieversorgers. Tilgung und Zinsen, die er zurückzahlen muss, lassen sich jedoch nicht aufschieben. Deshalb appelliert er an die Politik, eine Art "Flucht-Hermes" einzurichten, wie er es nennt, also einen Risikofonds für die Staatsbanken wie die KfW: "Wenn wir in Entwicklungsländern investieren, auch um Fluchtgründe zu minimieren, dann muss das Risiko von mehreren Schultern getragen werden."

© SZ vom 03.12.2020
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