Hintergrund Projekt Planetenrettung

Um den Klimawandel beherrschbar zu machen, müssen die Staaten dafür sorgen, dass die CO₂-Emissionen zurückgehen. Aber wie viel Zeit bleibt dafür noch? Und was droht, wenn das Abkommen scheitert?

Von Marlene Weiss

Wenn sich die Vertragsstaaten vom 6. November an in Bonn treffen, wird es um viele technische Dinge gehen: Das Regelwerk für den Paris-Vertrag soll vereinbart werden, es wird über Kontrollmechanismen und Verpflichtungen gestritten, und natürlich auch um Geld. Das eigentliche Ziel könnte man dabei fast aus den Augen verlieren. Es gilt, den Treibhausgas-Ausstoß so schnell und so stark zurückzufahren, dass der Planet vor einer katastrophalen Erwärmung bewahrt wird. Was bedeutet das im Einzelnen? Und was droht, wenn der Versuch scheitert? Eine kurze Übersicht.

Emissionen

Was den CO₂-Ausstoß angeht, gab es zu Beginn dieser Woche eine schlechte Nachricht: Nach Angaben der UN-Weltorganisation für Meteorologie (WMO) hat sich die Konzentration des Treibhausgases im vergangenen Jahr so schnell erhöht wie noch nie. Dabei hatten in den vergangenen drei Jahren zumindest die Emissionen der Welt aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe stagniert, bei ungefähr 32 Gigatonnen CO₂. Das ist ein historischer Erfolg, zumal dieses Emissions-Plateau in einer Zeit robusten Wirtschaftswachstums gehalten wurde. Das gab es seit der industriellen Revolution überhaupt noch nie. Zwar verursachen diese direkten CO₂-Emissionen aus der Nutzung von Kohle, Öl oder Gas nur rund zwei Drittel des Treibhausgaseffekts. Auch der Ausstoß anderer Treibhausgase wie Methan, Stickoxide und fluorierter Gase nahm kaum zu. CO₂ ist aber wegen seiner Langlebigkeit das drängendste Problem; was heute emittiert wird, belastet den Planeten noch in Jahrzehnten.

Temperatur

Um noch halbwegs realistische Chancen zu haben, dass sich die Erde bis zum Jahr 2100 um höchstens zwei Grad Celsius erwärmt, darf die Menschheit bis dahin insgesamt nur noch etwa 760 Gigatonnen CO₂ ausstoßen. Dieses Budget wäre beim aktuellen Tempo in etwa 20 Jahren aufgebraucht. Wenn die Emissionen bald deutlich fallen, kann man noch mit der Menge auskommen, aber es wird sehr knapp; schon um die Mitte des Jahrhunderts müsste sich die Welt weitgehend von fossiler Energie verabschieden. Das 1,5-Grad-Celsius-Ziel, das laut Paris-Vertrag eigentlich angestrebt werden soll, ist schon in fünf Jahren perdu, darüber braucht man im Grunde nicht mehr zu reden.

Die aktuellen Zusagen der Staaten reichen jedenfalls weder für das eine noch für das andere Ziel aus. Sie führen eher auf drei Grad Erwärmung hin, da sollte im Rahmen der künftigen Konferenzen noch nachgebessert werden. Auch der aktuelle Stand wäre indes schon besser als das Worst-Case-Szenario, das noch vor wenigen Jahren am wahrscheinlichsten schien: Wären die Emissionen weiter ungebremst angestiegen, wie sie es lange taten, hätte man mit mindestens vier Grad rechnen müssen.

Bis heute ist die Temperatur im Vergleich zum Ende des 19. Jahrhunderts bereits um gut ein Grad angestiegen. Wissenschaftler warnen, dass die Schäden selbst bei vergleichsweise geringer Erwärmung drastisch sind: Selbst wenn es nur zwei Grad werden, sind fast alle Korallenriffe bis 2100 vom Absterben bedroht. An den Küsten des Mittelmeeres würde das verfügbare Trinkwasser um rund ein Sechstel zurückgehen, Starkregenfälle würden deutlich häufiger. Bei drei Grad Erwärmung und mehr sind noch einmal weit schlimmere Folgen zu befürchten.

Meeresspiegel

Wie stark der Meeresspiegel letztlich ansteigt, ist einer der großen Unsicherheitsfaktoren in der Klimaforschung. Bis heute ist das Wasser bereits um etwa 23 Zentimeter gestiegen. Noch im jüngsten Bericht des Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2013 rechneten die Forscher nur mit rund einem halben Meter Anstieg bis zum Jahr 2100, schlimmstenfalls sollten es 80 Zentimeter werden.

Diese Annahmen halten sehr viele Klimaforscher inzwischen für deutlich zu konservativ. Vor allem der Beitrag der Antarktis zum Anstieg des Meeresspiegels könnte viel höher sein als angenommen. Die dortigen Eismassen reichen im Prinzip aus, um den Pegel des Wassers um unvorstellbare 60 Meter steigen zu lassen; entsprechend relevant ist alles, was dort passiert. Lange dachte man, die Region um den Südpol würde erst sehr spät zu schmelzen beginnen. Neuere Messungen und Simulationen aber zeigen besorgniserregende Ergebnisse: Allein die Antarktis könnte demnach bis zum Jahr 2100 mehr als einen Meter zum Wasseranstieg beitragen, insgesamt könnte das Wasser bis dahin um bis zu 1,80 Meter steigen. Sollte es wirklich so kommen, würde das katastrophale Krisen auslösen. Riesige Städte wie Mumbai und Shanghai wären bedroht, Miami und New Orleans sowieso. Heute dicht bevölkerte Küstenregionen würden unbewohnbar.

Noch ist nicht klar, ob dieses Schreckensszenario eintritt, oder wann. Sicher ist jedoch, dass es umso näher rückt, je schneller und weiter die Erwärmung voranschreitet: Gelingt es, sie auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, würde das zwar keinen absoluten Schutz bieten. Aber es wäre weit weniger riskant als drei oder vier Grad Temperaturanstieg.

Wetterextreme

Wann immer das Wetter irgendwo auf der Welt verrückt spielt, stellt sich die Frage: Ist das noch normal? Oder schon der Klimawandel? In vielen Fällen kann man sie inzwischen recht klar beantworten: Ja, der Klimawandel hat Extremereignisse wahrscheinlicher gemacht. Das gilt besonders für Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen. Immerhin liegen neun der zehn wärmsten je gemessenen Jahre im 21. Jahrhundert, heiße Tage sind bereits spürbar häufiger geworden. Sollte das Zwei-Grad-Ziel verfehlt werden, könnten unter anderem Teile Südasiens bis 2100 schwer von Hitzewellen getroffen werden. In Afrika werden Dürren weiter zunehmen. Und schwere Überschwemmungen wie jene im Frühsommer 2016 in Süddeutschland hat der Klimawandel zumindest befördert: Hierzulande ist Starkregen bereits sowohl häufiger als auch heftiger geworden. Auch weltweit werden viel öfter neue Niederschlags-Rekorde verzeichnet, als in einem stabilen Klima zu erwarten wäre.

Nicht ganz so klar ist die Lage bei Stürmen: Noch lässt sich nicht nachweisen, dass verheerende Ereignisse wie etwa kürzlich der Hurrikan Irma in der Karibik wirklich häufiger oder schlimmer geworden sind. Allerdings halten Forscher einen Zusammenhang für wahrscheinlich: Warme Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf, das liefert schweren Stürmen Energie. Bei den kommenden Klimakonferenzenmuss daher auch geklärt werden, inwiefern gerade die besonders hart getroffenen Entwicklungsländer Anspruch auf Kompensationszahlungen für Klimaschäden haben - und wer dafür aufkommen muss.

Lebensräume

Das Verhältnis von Klima- und Naturschutz ist ein heikles: Zwar ist klar, dass der Klimawandel die Natur dramatisch bedroht. Aber auch Gegenmaßnahmen wie der großflächige Ausbau erneuerbarer Energien können problematisch sein; erst recht der Anbau von Energiepflanzen im großen Stil, auf den manche setzen, um nachträglich CO₂ aus der Luft zurückzuholen. Zunächst aber muss die Zerstörung der Regenwälder gestoppt werden, das wurde grundsätzlich bereits im Paris-Abkommen vereinbart. Auch über die Umsetzung dieses Ziels wird in Bonn und bei künftigen Konferenzen noch zu reden sein. Gelingt das, wäre schon viel für den Naturschutz getan.