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Heimbetreiber:Pflegen mit Wohlfühlfaktor

Der Heimbetreiber Dorea verfolgt nach dem Einstieg französischer Investoren ehrgeizige Pläne.

Von Steffen Uhlmann, Berlin

"Goldene Jahre mit allen Sinnen genießen", verspricht der Pflegeheimbetreiber Dorea seinen in die Jahre gekommenen Kunden - und jenen, die es vielleicht werden wollen. Der Spruch trifft aber auch auf das noch junge Unternehmen selbst zu, denn mit einem neuen Hauptgesellschafter und gestärkter Kapitalkraft treibt Dorea-Geschäftsführer Axel Hölzer die Expansion auf dem schnell wachsenden Markt für stationäre und ambulante Pflege mit Tempo voran.

Immerhin ist das erst 2015 von Hölzer und der Frankfurter Investmentgesellschaft Quadriga Capital gegründete Unternehmen durch Übernahmen und Zukäufe binnen kurzer Zeit unter die Top 15 auf dem deutschen Markt aufgestiegen - ein Markt, auf dem neuesten Daten zufolge allein im stationären Bereich gut 36 Milliarden Euro umgesetzt werden.

Die Dorea-Gruppe betreibt inzwischen 69 Häuser mit mehr als 6500 Betten, neun ambulante Pflegedienste für 1200 Patienten, beschäftigt 4750 Menschen und peilt für das laufende Jahr einen Umsatz von 230 Millionen Euro an. Und auch das soll Hölzer zufolge nur eine Zwischenstation sein. "Jedes Jahr wollen wir durch Übernahmen von Bestandshäusern um 1600 weitere Plätze wachsen", sagt er.

Ergänzt werde diese Übernahmestrategie, so Hölzer, durch Neubauten, die man gemeinsam mit Investitionspartnern vorantreibe. "Aber da gehen wir bedachtsam und moderat vor", sagt er. "Dazu zwingt uns schon der dramatische Mangel an Fachkräften im Pflegebereich." Geplant sei, in den nächsten beiden Jahren jeweils drei Häuser mit je 120 stationären und ambulanten Plätzen zu eröffnen. "Unser erster Neubau aber wird schon in diesem Jahr fertig", kündigt der Dorea-Chef an. "Wir eröffnen ein Haus im hessischen Dietzenbach."

Hölzers Zuversicht, das Expansionstempo beibehalten oder gar erhöhen zu können, hat Gründe. Denn zum Jahreswechsel 2018/2019 ist die französische Unternehmerfamilie Mulliez bei Dorea eingestiegen. Das milliardenschwere Familienunternehmen, das unter anderem eine Supermarktkette und einen Sportfilialisten besitzt, ist über seine Betreibergesellschaft Maisons de Famille mit mehr als 80 Häusern bereits in der Pflegebranche von Frankreich, Spanien und Italien aktiv. Mit dem Kauf sämtlicher Quadriga-Anteile sind die Franzosen nun die neuen Mehrheitseigner von Dorea. Hölzer ist als Minderheitsgesellschafter und Vorsitzender der Geschäftsführung an Bord geblieben. "Wir sind für die französische Gruppe die vierte Landesgesellschaft im Pflegebereich", sagt er - und fügt dann hinzu: "Die vierte und die größte sogleich."

Es ist eine spannende Zeit, denn der deutsche Pflegemarkt verändert sich: Finanzinvestoren, die lange das Geschehen bestimmten, steigen aus, Gesundheitskonzerne kaufen sich ein. Nach Angaben der Beratungsgesellschaft für Sozialimmobilien, Terranus, ist die Zahl der Übernahmen von Pflegeheimbetreibern durch Finanzinvestoren im ersten Halbjahr 2019 weiter deutlich zurückgegangen. Zumindest ein Teil der Private-Equity-Gesellschaften scheint die Gelegenheit zu nutzen, um Kasse zu machen, die Zahl der Betreiber-Transaktionen sei dagegen stark gestiegen, sagt Terranus-Geschäftsführer Markus Bienentreu.

Dorea soll auf dem Markt als "familiärer Anbieter" wahrgenommen werden

"Die Pflegeheimbetreiber bauen ihren Marktanteil jetzt wieder aus." Hinzu komme ein unvermindert großes Interesse ausländischer Betreibergesellschaften. So ist neben Maisons de Famille auch der italienische Gesundheitskonzern KOS in den deutschen Pflegemarkt eingestiegen und hat 3800 Betten des Betreibers Charleston vom schwedischen Finanzinvestor EQT übernommen.

"Der Markt wird neu verteilt", sagt Bienentreu. "Langfristig orientierte Betreibergesellschaften versuchen, sich Marktanteile in Deutschland zu sichern." Das bestätigt auch Hölzer. Der Konsolidierungsdruck auf dem immer noch arg zersplitterten deutschen Markt sei hoch, sagt er. Der überwiegende Teil bestehe aus kleineren Anbietern, die ein bis drei Heime bewirtschaften, sowie aus gemeinnützigen Trägern, wie etwa der Arbeiterwohlfahrt. Alle aber treffe der wachsende Druck durch steigende Kosten bei Personal und Betrieb der Heime. Zugleich biete die demografische Entwicklung und der damit verbundene schnell wachsende Bedarf an Pflegeeinrichtungen sowie die günstige Kapitalmarktlage mit niedrigen Zinsen enorme Chancen für Investoren.

Dorea will sich nach Angaben von Hölzer bei der Expansion auf kleine Betreiber mit bis zu zehn Häusern konzentrieren. Dort sieht er noch genug Chancen für Zukäufe und deren schnelle Integration in das Unternehmen. Dorea solle auf dem Markt als "familiärer Anbieter" wahrgenommen werden, sagt Hölzer. Voraussetzung dafür sei, den Wohlfühlfaktor in den Pflegeheimen zu erhöhen - sowohl für die Betreuten als auch für das Personal selbst, das, so Hölzer, das "wichtigste Kapital" des Unternehmens überhaupt sei. "Bei allem nötigen Bedarf an medizinischer und sozialer Betreuung betont unser Service nicht nur Krankenhaus-Dienstleistungen, sondern verbindet sie auch mehr und mehr mit Leistungen aus der Hotellerie", sagt er. Man habe "umfangreiche und individuell ausgerichtete Tagesprogramme und Angebote erarbeitet, die sich nicht zuletzt an den Bedürfnissen der Regionen orientieren, in der unsere Häuser stehen".

Das entspricht offenbar auch den Ambitionen der Franzosen, die mit Dorea zu "einem Vorbild in der Pflegebranche" aufsteigen wollen, wie Philippe Tapié, der Vorstandschef von Maisons de Famille, bei der Übernahme erklärte. "Wir wollen an den Dorea-Standorten jeweils zum regionalen Pflegechampion aufsteigen", ergänzt Hölzer ehrgeizig. "Und als Champion dann natürlich auch gutes Geld verdienen."

© SZ vom 11.10.2019
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