Hanf-Anbau in Deutschland Zarte Blüte

Seit zwei Jahren ist die Nutzung von Cannabis als Arzneimittel hierzulande zugelassen. Doch bislang profitieren davon nur Lieferanten aus dem Ausland - deutsche Produzenten warten auf die Genehmigung.

Von Kathrin Konyen

Oskar Sarak steht in den Startlöchern: Er hat sich in Karlsruhe die Option auf den Kauf eines Grundstückes im Industriegebiet gesichert, möchte dort eine Halle bauen und noch dieses Jahr damit anfangen, Cannabis anzubauen. Seine Firma Lexamed ist eines von vielen Start-ups, die in das Geschäft mit dem Medizinalhanf einsteigen möchten.

Moment mal: Grasanbau in Deutschland? Ja, da Cannabis seit März 2017 zu medizinischen Zwecken eingesetzt werden darf, will die Bundesregierung, dass der Medizinalhanf nicht nur importiert, sondern auch hierzulande angebaut wird. Cannabis soll in "standardisierter Form" zur Verfügung stehen, heißt es im Bundesgesundheitsministerium. Und: "Bis der staatlich kontrollierte Anbau in Deutschland erfolgen kann, wird die Versorgung mit Cannabis zu medizinischen Zwecken über Importe gedeckt werden."

Die Ausschreibung musste wiederholt werden - wegen formaler Fehler

Um den Anbau, die Verarbeitung, die Lagerung, die Verpackung und die Lieferung von Cannabis in Deutschland gesetzeskonform zu gewährleisten, wurde eigens eine Cannabisagentur gegründet, die im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte angesiedelt ist. Sie koordiniert auch die europaweite Ausschreibung, bei der sich Unternehmen um den Anbau von Medizinalhanf in Deutschland bewerben können. Mit einer ersten Ausschreibung war Deutschland 2018 im europäischen Vergleich vorn mit dabei, und einige ausländische Firmen haben eigens eine Niederlassung im Land eröffnet. Doch mittlerweile ist die Bundesrepublik ins Hintertreffen geraten. Während etwa in Griechenland zwischen Inkrafttreten des Gesetzes und der Vergabe von Anbau-Lizenzen gerade einmal acht Monate vergangen sind, warten Firmen in Deutschland noch immer auf Genehmigungen.

Lexamed-Chef Sarak hat mit zur Verzögerung beigetragen. Er hat gegen die erste Ausschreibung geklagt, da er sein Unternehmen benachteiligt sah: In der Ausschreibung wurde Erfahrung im Anbau von Medizinalhanf gefordert - eine Voraussetzung, die deutsche Unternehmen nicht legal erfüllen können. Nach einer gerichtlichen Niederlage, die letzlich ein anderes Unternehmen bewirkt hatte, hat die Cannabisagentur dann erneut ausgeschrieben.*

Nachdem dann die Bewerbungsfrist einige Male verschoben worden war, konnten Firmen sich bis Mitte Dezember vergangenen Jahres bewerben. Seither ist die Cannabisagentur mit der Sichtung der Bewerbungen beschäftigt. Und die dauert: Lizenzen will die Agentur im zweiten Quartal 2019 vergeben. Eine erste Ernte von deutschem Medizinalhanf wird demnach erst im Jahr 2020 möglich sein.

Was das Gesetz erlaubt

Die aktuelle Gesetzeslage in Deutschland sieht vor, dass cannabishaltige Arzneimittel dann verschrieben werden dürfen, wenn eine schwere Erkrankung vorliegt und keine alternative Therapie dem Patienten hilft. Für welche Fälle das zutrifft, obliegt dabei der Einschätzung des Arztes. Fällt diese positiv aus, kann der Patient die Kostenübernahme bei seiner Krankenkasse beantragen. Durchschnittlich werden zwei Drittel dieser Anträge genehmigt. Ansonsten müssen Patienten den Preis von etwa 20 Euro je Gramm selbst bezahlen - natürlich nur auf Rezept. Die Krankheiten, bei denen Cannabis helfen kann, Beschwerden zu lindern, sind vielfältig. Anwendungsbereiche sind zum Beispiel chronische Schmerzen, Depressionen, Multiple Sklerose, Tourette-Syndrom, Arthrose, Asthma, Borreliose, Epilepsie, HIV-Infektion, Migräne, Morbus Chron, Morbus Scheuermann, Neurodermitis, posttraumatische Belastungsstörungen, Reizdarm, Rheuma, Schlafstörungen, Tinnitus, Appetitlosigkeit, Abmagerung oder ADHS. Wobei die Studienlage im Vergleich mit anderen Arzneimitteln noch mangelhaft ist. kky

"Ein bisschen verzweifelt bin ich schon", sagt Sarak. Sein größter Kritikpunkt am Umgang der Bundesregierung mit heimischem Medizinalhanf ist die ausgeschriebene Menge. Mit der Ausschreibung werden 13 Lose mit einer Jahresmenge von 200 Kilo vergeben, insgesamt also 2600 Kilo - das sei viel zu wenig, konstatieren Experten einhellig. Denn dieser Menge stehen mehr als 16 000 Kilo gegenüber, für die im ersten Jahr nach Inkrafttreten des Medizingesetzes, also zwischen März 2017 und März 2018, Importgenehmigungen erteilt wurden**. Das importierte Cannabis reicht aber offenbar nicht aus: Patienten bekommen häufig nicht die Sorte und Menge des benötigten Arzneimittels, weil die Importeure aus Kanada und den Niederlanden Lieferschwierigkeiten haben. Die Krankenkassen beobachten zudem seit der Zulassung des Medizinalhanfs einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage: Allein von Januar bis September 2018 wurden in Deutschland mehr als 128 000-mal cannabinoidhaltige Fertigarzneimittel und Zubereitungen ärztlich verordnet. Zwar ist in den Verträgen, die die Cannabisagentur mit den lizenzierten Unternehmen schließen wird, eine Öffnungsklausel vorgesehen, die eine Erhöhung der Produktion um bis zu 30 Prozent beinhaltet, aber es bleibt unwahrscheinlich, dass der Bedarf künftig ohne Importe gedeckt werden kann.

All den Widrigkeiten zum Trotz haben sich nach Angaben der Cannabisagentur 79 Unternehmen an der Ausschreibung beteiligt, bei der ersten Ausschreibung waren es 118. Den Zuschlag werden mindestens drei Firmen bekommen: Ein Bieter kann maximal fünf Lose erhalten, damit auch kleinere Unternehmen zum Zuge kommen. Um die Namen der Bewerber gibt es viele Spekulationen. Nur wenige wagen sich aus der Deckung. Neben Lexamed ist auch von kanadischen und niederländischen Firmen bekannt, dass sie gern in Deutschland anbauen wollen. Denkbar ist zudem, dass Pharmafirmen ins Geschäft mit dem Cannabis einsteigen. Allerdings würden sie durch die große Bandbreite an Erkrankungen, bei denen Hanf helfen kann (siehe Infokasten), Gefahr laufen, Teile ihrer bisherigen Präparate zu kannibalisieren. Auch Bewerbungen von Tabakfirmen erscheinen naheliegend: Ihr traditionelles Geschäft hat in den vergangenen Jahren stark gelitten und sie suchen neue Märkte. Der US-Konzern Altria etwa, dem unter anderem die Zigarettenmarke Marlboro gehört, ist mit der Übernahme von 45 Prozent des kanadischen Cannabisproduzenten Cronos beschäftigt.

Auch bei der Geldanlage ist Hanf inzwischen ein Trendthema

Die Cannabis-Investoren werden sich allerdings auch weiterhin auf einem streng regulierten Markt bewegen. Die Cannabisagentur behält sich vor, einen Produzentenabgabepreis festzulegen und die Blüten dann an Arzneimittelhersteller, Großhändler und Apotheken zu verkaufen.

Cannabisernte in Sachsen: Bisher werden daraus nur Nahrungsergänzungsmittel ohne berauschende Wirkung. Für echten Medizinalhanf fehlt noch die Zulassung.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Die Vorschriften, denen Ärzte unterliegen, wenn sie Cannabis verschreiben wollen, wirken auf manche Mediziner eher abschreckend. So muss etwa jede Verschreibung mit einer Studie begleitet werden. Manche möchten auch schlicht nicht als "Cannabis-Arzt" bekannt werden, was das Marktwachstum zusätzlich bremst.

Die behördlichen Vorgaben seien sehr umfangreich, sagt Sarak. Ähnlich äußern sich auch andere, die allerdings nicht genannt werden wollen. Dennoch überwiegt offenbar bei vielen die Hoffnung auf große Gewinne - die Märkte, die schon länger für Medizinalhanf geöffnet sind, haben es vorgemacht.

Doch nicht nur potenzielle Hersteller sehen in dem Markt große Chancen. Auch als Geldanlage wird Hanf zunehmend zu einem Trendthema, die Anbieter entsprechender Fonds werben mit hohen Wertzuwächsen. Gleichwohl bleibt dies ein Investment mit Risiko: Zum einen besteht die Gefahr einer Blase, zum anderen ist ungewiss, welche Unternehmen letztlich die Big Player im Geschäft mit dem Hanf werden.

Oskar Sarak ist für Lexamed jedenfalls optimistisch, als Pionier in Deutschland ins Geschäft mit dem Cannabis einsteigen zu können: "Dieses Mal errechnen wir uns gute Chancen, bei der Ausschreibung einen Zuschlag zu bekommen."

Anmerkungen der Redaktion: *Wir haben in den Absatz aktualisiert, um die juristischen Verfahren in der Sache deutlicher zu beschreiben. **An dieser Stelle geht es um Importgenehmigungen in Höhe von 16 000 Kilo. In einer früheren Version hieß es, es gehe um Importe.