Fußgängerzone Ökonomie des Flanierens

Vor neunzig Jahren verbannte die Stadt Essen Autos aus ihrer Einkaufsstraße. Erst Jahrzehnte später folgten viele Fußgängerzonen im ganzen Bundesgebiet. Eine brandaktuelle Idee in Zeiten von Feinstaub und Carsharing.

Von Benedikt Müller, Essen

Dass in Essen funktionstüchtige Kanonen gebaut würden, das hatte die Welt nun wirklich verstanden. Der Erste Weltkrieg war verloren, und die Stadt an der Ruhr brauchte ein anderes Geschäftsmodell, als bloß Kanonen der Firma Krupp in die Welt zu verschiffen. Hier an der Limbecker Straße, im Westen der Altstadt, begann damals der Neuanfang: Dort hatten sich schon vor dem Krieg Fachgeschäfte niedergelassen. Eine Firma namens Karstadt übernahm nach dem Krieg das Kaufhaus Althoff, damals eines der größten Warenhäuser Deutschlands, das sie später zu ihrem Stammhaus am Limbecker Platz ausbauen sollte.

Und dann, vor genau 90 Jahren, hat Essen etwas Erstaunliches entschieden: Die Stadt sperrte die Limbecker Straße "dauernd" für Fahrzeuge jeglicher Art. So steht es in der Notiz vom 14. Oktober 1927, die im Stadtarchiv bis heute erhalten ist. Damit ist die schmale Straße die älteste Fußgängerzone Deutschlands - mit weitem Abstand. Jahrzehnte sollten vergehen, bis auch andere Städte die Autos aus ihren Einkaufsstraßen verbannten. Heute brandet die Diskussion über Verkehrsberuhigung wieder auf, vor allem in Städten mit hoher Luftverschmutzung. Und über allem steht die Frage: Welche Fußgängerzonen braucht es künftig, wenn die Kunden immer mehr im Internet bestellen?

Die leicht vergilbte Akte im Essener Stadtarchiv trägt den Namen "Verkehrsverbesserungen innerhalb der Altstadt". Die Entscheidung vor 90 Jahren sei den örtlichen Gegebenheiten geschuldet gewesen, erzählt Archivleiter Klaus Wisotzky: Mit nur sieben bis acht Metern Breite sei es schlicht zu eng geworden auf der Limbecker Straße, als in den Zwanzigerjahren immer mehr Autos in die Stadt fuhren. Berlin etwa hatte gerade die erste Ampel Deutschlands aufgestellt, um dem Chaos Einhalt zu gebieten.

Die Limbecker Straße im Jahr 1935: Die Meile bietet seit jeher wenig Platz für viele Geschäfte. Das Stammhaus des Handelskonzerns Karstadt war jahrzehntelang ihr Ausgangspunkt. An diesem Samstag jährt sich die Sperrung für Autos zum 90. Mal.

(Foto: Stadtbildstelle Essen)

Hinter jeder Fußgängerzone steckt zunächst eine kaufmännische Logik: Wenn eine Fahrstraße die Einkaufsmeile zerschneidet, wechseln Passanten seltener die Straßenseite, laufen an weniger Schaufenstern vorbei, erhalten weniger Kaufanreize. So erklärt das Dirk Wichner. Er leitet die Vermietung von Einzelhandelsimmobilien beim Maklerkonzern Jonas Lang LaSalle (JLL) in Deutschland. "Fußgänger fühlen sich gehetzt und unwohl, wenn sie ständig auf den Straßenverkehr achten müssen." Und wer sich unwohl fühlt, kauft ungern ein.

Dieser Ökonomie des Schlenderns stand nach dem Zweiten Weltkrieg die Auto-Euphorie des Wirtschaftswunders entgegen. Die Einkommen stiegen, die Deutschen fuhren in den Urlaub und lernten allerlei Waren kennen. Die Händler kannten zunächst nur einen Vertriebsweg, den stationären Laden. Also stapelte sich eine große Auswahl verschiedener Artikel in Kaufhäusern mit vielen Etagen: Schmuck und Düfte im Erdgeschoss, Damen-Mode im ersten Stock, Herren noch weiter oben - während unten auf der Straße der Verkehr ins Stocken geriet. Weit oberhalb der Essener Altstadt, auf dem Dach des Handelshofs, erinnern große Lettern an diese goldenen Zeiten: "Essen, die Einkaufstadt." Wer mit dem Zug den Hauptbahnhof nur passiert, sieht den Schriftzug bis heute.

Essen fand bald einen Kompromiss: Die Stadt verbannte die Autos aus noch mehr Straßen in der Altstadt und baute zugleich die Ringstraßen aus - gesäumt von großen Parkhäusern, damit Autofahrer weiter ihre Einkäufe verladen können. Wie Essen setzten viele Städte auf Auto-Freundlichkeit, trennten ihre Einkaufsstraßen fein säuberlich von Wohn- und Bürovierteln: Im Jahr 1966 etwa verschwanden die Fahrzeuge von der Schildergasse in Köln. In München drehen Autos seit 1972 Runden um den Altstadtring; Neuhauser und Kaufingerstraße sind seitdem den Passanten vorbehalten. Im selben Jahr erklärte auch Frankfurt seine Zeil zur Fußgängerzone. So wurde zum Gemeingut, was einst an der Limbecker Straße begann.

5825 Fußgänger

So viele Menschen laufen an einem durchschnittlichen Samstag pro Stunde über die Limbecker Straße in Essen. Das hat der Maklerkonzern Jones Lang LaSalle (JLL) im Sommer gezählt. Damit bleibt die Meile zwar weit hinter der Frankfurter Zeil (14 875) und der Kaufingerstraße in München (14 320 Passanten) zurück. Dafür ist das Original in Essen 45 Jahre älter.

Und heute? Stehen die Flaniermeilen am Scheideweg, sagt Experte Wichner: "Mit dem wachsenden Online-Handel verliert die Innenstadt endgültig ihre Funktion, die Bevölkerung mit allen erdenklichen Waren zu versorgen." Im Internet kennt das Sortiment keine Grenzen und keine Sonntagsruhe, die Händler liefern frei Haus, immer weniger Städter brauchen noch ein eigenes Auto. Wer kann, setzt nun auf Genuss und Unterhaltung, sagt Wichner: "Gerade Städte, in denen die Umsätze der stationären Händler zurückgehen, wollen mehr Lebensqualität in der Innenstadt schaffen, indem sie die Aufenthaltsqualität erhöhen."

Das gelingt aber nicht überall, erzählen Andreas Moenen und Herbert Schilp. Die beiden Essener haben sich an diesem herbstlichen Nachmittag zufällig zum Plausch in der Altstadt getroffen. Die Limbecker Straße sei ja noch gut durchmischt, sagen die Mittfünfziger: Es gibt Ketten wie H&M und Butlers, ein Straßencafé am Eck, aber auch die unvermeidlichen Ein-Euro-Shops und Handy-Läden. Jedenfalls haben die Geschäfte noch nicht reihenweise dichtgemacht wie in anderen Gegenden des Ruhrgebiets, sagen Moenen und Schilp. Oberhausen etwa dreht das Rad der Zeit bereits wieder zurück und öffnet Teile seiner Fußgängerzonen für die Autos der Kunden.

"Die Menschen holen sich gerade ihre Innenstadt zurück."

In Essen profitiert Deutschlands älteste Fußgängerzone hingegen vom Limbecker Hof. Das große Einkaufszentrum verbindet die Ringstraßen und die U-Bahn mit der Limbecker Straße, und beschert ihr neue Laufkundschaft. Das futuristische Gebäude mit Aluminium-Fassade entstand vor zehn Jahren - ausgerechnet auf den Ruinen des alten Kaufhauses Althoff, das der Statik wegen abgerissen wurde. Karstadt hat im Limbecker Hof noch immer eine Filiale. Doch das Zentrum beherbergt auch den örtlichen Metzger, den Elektronikhändler und ein Fisch-Restaurant.

Wenn Projektentwickler heute die Gewerbeimmobilien von morgen planen, dann kommt der Einzelhandel meistens nur noch im Erdgeschoss vor, allenfalls noch im ersten Stock, berichtet Wichner. "Die oberen Stockwerke werden wieder für das Wohnen in den Innenstädten und für Büros genutzt." Bereits jetzt beobachtet der Makler, dass der Einzelhandel kleinere Flächen anmietet und somit mehrere verschiedene Läden Platz finden. "Die soziologischen Aspekte des Stadtzentrums kommen seit einigen Jahren wieder stärker zum Tragen", sagt Wichner: Stadt sei da, wo ihre Bürger in Ruhe sitzen, ihre Freunde treffen, sich unterhalten können. "Die Menschen holen sich gerade ihre Innenstadt zurück."

So auch in München: Seit einem Jahr testet die Stadt, ob die Sendlinger Straße mitten im Zentrum auch ohne Autos auskommen kann. Am vergangenen Mittwoch nun hat der Planungsausschuss beschlossen: Die Einkaufsstraße im Westen der Altstadt soll dauerhaft zur Fußgängerzone werden, mit neuen Böden, Sitzbänken und Pflanzgefäßen. Eine Entscheidung wie damals in Essen, vor genau 90 Jahren.