Finanzierung Gewappnet für die Zinswende

Das Ende der billigen Geldpolitik ist auch hierzulande absehbar. Wer sich günstige Kreditkonditionen sichert, kann später profitieren und Probleme bei der Anschlussfinanzierung vermeiden.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Die Zeichen weisen nach oben. "Wir befinden uns in der Euro-Zone konjunkturell auf dem Weg in die Normalisierung, alle Staaten marschieren bei Wachstum, Arbeitslosigkeit und Inflation wieder in die gleiche Richtung. Das eröffnet der Geldpolitik Spielräume, eine Leitzinswende in den kommenden Quartalen vorzubereiten", sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW. Die US-Notenbank Fed hat diesen Schritt bereits vollzogen und mit der Zinserhöhung auf ein Prozent, der zweiten Anhebung binnen weniger Wochen, das Ende der Niedrigzinsphase eingeleitet. Wann genau die Europäische Zentralbank (EZB) folgt, ist noch unklar. Fix ist, dass die Zeit des billigen Geldes abläuft.

"Steigen die Zinsen, wird das nicht bloß eine temporäre Phase sein. Wir müssen uns vermutlich auf ein Niveau einstellen, dass ein Jahrzehnt anhalten kann", sagt Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt. Wer sich auf steigende Kapitalkosten noch nicht vorbereitet hat, sollte daher handeln und die eigene Finanzierungsstrategie fortan vorausschauend planen. Die mittelständischen Unternehmen müssen den erwarteten Zinsanstieg in ihrer gesamten Finanz- und Investitionsplanung abbilden. Dies schafft Planungssicherheit.

Zum jetzigen Zeitpunkt sind vorgezogene Anschlussdarlehen, Zinsfestschreibungen für Neukredite sowie langlaufende Finanzierungspakete geeignete Mittel, um für verschärfte Bedingungen vorzusorgen. "Es kann sich durchaus auszahlen, die aktuell günstigen Konditionen für einen langen Zeitraum zu sichern. Das kostet jetzt mehr, kann die Unternehmen allerdings im schwierigen Umfeld vor Finanzierungsproblemen bewahren", sagt Schiereck.

Um die Zinsrisiken zu senken, ist besonders auf eine fristenkongruente Finanzierung zu achten. Unternehmen sollten ihre langfristigen Vorhaben demnach auch auf lange Sicht finanzieren. Sie erhalten sich damit einen Spielraum für das Tagesgeschäft. Und die Gefahr, bei einer Folgefinanzierung von höheren Zinsen überrascht zu werden, sinkt. Doch längere Fristen sind teurer. "Zum Beispiel macht der Sprung von sieben auf zehn Jahre derzeit in Abhängigkeit der Zinskurve etwa 0,2 bis 0,3 Prozent im Jahr aus. Das tatsächliche Zinsniveau hängt unter anderem von dem Finanzierungszweck, der Struktur der Transaktion, der Bonität des Unternehmens sowie Art und Umfang der Sicherheiten ab", sagt Sandra Heinrich, Leiterin Spezialberatung Finanzierung der Deutschen Bank. Im Normalfall lägen die Darlehenslaufzeiten bei ein bis zehn Jahren, bei speziellen Konstellationen seien bis zu 25 Jahre möglich. "Es kann die bessere Lösung sein, anstelle eines Kredits mit langer Laufzeit einen variablen Kredit mit langfristiger Zinssicherung zu wählen", sagt Heinrich. Dies trifft zu, wenn eine Firma volatile Umsätze für die Kreditrückzahlung hat und die Zinsen steigen.

Auch Absicherungsgeschäfte können die Betriebe bei variabler Verzinsung vor Verteuerungen schützen. "Wir sehen einen leichten Anstieg in der Kreditnachfrage, unter anderem im langfristigen Bereich. Hier raten wir unseren Kunden häufig, sich mit entsprechenden Finanzinstrumenten das jetzige Zinsniveau zu sichern", sagt Robert Schindler, Vorstand des Firmenkundengeschäft der HVB.

Es ist immer besser, mehrere Bankverbindungen zu haben

Durch den Einsatz von Finanzderivaten wird eine maximale Zinsobergrenze fixiert. Diese Instrumente gibt es nicht nur für aktuelle Kredite. "Für zukünftige Investitionen oder Refinanzierungen kann es für einen Unternehmer sinnvoll sein, sich bereits zum heutigen Zeitpunkt das aktuelle Zinsniveau über eine sogenannte forward transaction zu sichern, sofern er von steigenden Zinsen ausgeht", sagt Heinrich, die verstärktes Kundeninteresse an Zinssicherung feststellt. Wer also heute schon weiß, dass er in zwei Jahren ein Darlehen für ein neues Werk benötigt, kann vorsorgen. Das hat seinen Preis. Je weiter in der Zukunft das Kreditgeschäft samt Absicherung liegt, desto teurer wird es. Bleibt der Zinsanstieg aus, sind unnötige Mehrkosten entstanden.

Für welchen Weg sich mittelständische Betriebe zur Optimierung ihrer Finanzierungskosten auch entscheiden, die steigenden Preise müssen in der Kalkulation berücksichtigt werden. Sonst schlagen sie direkt auf die Rentabilität eines Geschäftes durch. "Steigen die Zinsen, müssen laufende Projekte die höheren Finanzierungskosten auch erwirtschaften. Sonst drückt das auf die Marge", sagt Zeuner. Das verlangt besonders von Unternehmen mit langfristigen Großprojekten wie Anlagenbau präzise Vorbereitung und Kalkulation, um die Profitabilität zu halten.

Zudem sollten Unternehmen auch ihre Bankverbindung prüfen. Denn das Zinsrisiko kann durch schlechte Ertragslagen der Finanzinstitute die Regeln der Kreditvergabe verschärfen. Wer bereits jetzt bei seiner Hausbank auf Schwierigkeiten stößt, dem könnten künftige Finanzierungen verwehrt werden. "Ich kann nur allen raten, die guten Bedingungen der Kreditvergabe zu nutzen. Wer bislang mit nur einer Bank zusammengearbeitet hat, soll eine Verbindung zu einem zweiten Finanzpartner aufbauen. Es gibt viele innovative Finanzierungsplattformen und Factoring-Anbieter, die später als Ergänzung hilfreich sein können", sagt Schiereck. Mit einem Forderungsverkauf an Factoring-Anbieter sowie dem Leasing von Investitionsgütern können Teile des Umlauf- und Anlagevermögens aus der Finanzierung genommen werden. Dies führt zu sinkenden Fremdkapitalquoten und verbessert somit die Bonität der Firmen.

Generell zeigt sich der Mittelstand für die Zinswende gerüstet, die Betriebe haben aus der Finanzkrise gelernt. "Die Profitabilität und Bonität der Unternehmen hat sich in den Jahren der Niedrigzinsphase stark verbessert. Die Kapitalreserven sind hoch, die Eigenkapitalquote liegt derzeit im Schnitt bei rund 30 Prozent", sagt Zeuner. Beste Voraussetzungen, um bei steigenden Finanzierungskosten Investitionen aus der eigenen Tasche zu zahlen. Die Banken spüren bereits, dass die Betriebe auf die Entwicklungen reagieren.