Factoring:Flüssig bleiben

Factoring: Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Der Einsatz von Factoringfirmen kann nützlich sein, auch um bessere Zinskonditionen zu erhalten. Mittelständler sollten dabei jedoch einiges beachten.

Von Stefan Weber

Kleine und mittelgroße Unternehmen wünschen sich mehr Unabhängigkeit von ihrer Hausbank. Das hat vor Kurzem eine repräsentative Studie des Bundesverbandes Factoring für den Mittelstand ergeben. Danach würden gerne zwei von drei Unternehmen mit Umsätzen zwischen 2,5 und 50 Millionen Euro die Bindung zu ihrem Geldinstitut lockern und statt Krediten häufiger andere Formen der Finanzierung nutzen. Zum Beispiel Beteiligungen, Leasing oder Factoring. Insbesondere Factoring, also der Verkauf von Forderungen aus Warengeschäften oder Dienstleistungen an eine Factoring-Gesellschaft, erfreut sich immer größerer Beliebtheit.

Die im Deutschen Factoring-Verband organisierten Unternehmen nennen für 2016 ein Umsatzplus von 3,77 Prozent auf 216,8 Milliarden Euro. Bereits 15 Prozent der kleinen und mittelgroßen Unternehmen nutzen den laufenden Verkauf von Forderungen als Finanzierungsform. Besonders häufig wird Factoring im Handel und in der Handelsvermittlung eingesetzt. Die Beträge, ab denen Factoring eingesetzt werden kann, sind in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Interessenten sollten jedoch einen Jahresumsatz von mindestens 250 000 Euro mitbringen.

Fabian Paul schätzt Factoring. Der Unternehmer aus Berlin unterstützt mit seiner Agentur Yoove Unternehmen aus dem Energie- und Mobilitätsbereich, ihre Angebote erfolgreich am Markt zu platzieren. Dazu gehören auch "mobilitätsaktive Erlebnisevents". Zum Beispiel auf einem Segway, also auf einem elektrogetriebenen Einpersonen-Transporter, oder in einem E-Auto. Um Kunden zu begeistern, muss die Firma auch schon mal einen großen Aufschlag hinlegen. So setzte die Agentur kürzlich für eine große Airline 100 Segways, acht Logistikfahrzeuge und mehrere Elektroautos in Bewegung, ließ obendrein 675 000 Flyer drucken, 50 000 Taschen herstellen und schickte 200 Promoter los. Ein großer Auftrag.

Richtig zufrieden ist Paul aber immer erst, wenn die Kunden seine Rechnung bezahlt haben. Das kann dauern. "Bei großen Konzernen sind Zahlungsziele von 60 bis 90 Tagen üblich. Andere Kunden zahlen meist innerhalb von 30 bis 60 Tagen", berichtet er. Nicht selten geht es um erhebliche Summen. Rechnungen über 50 000 bis 100 000 Euro sind für Projekte bei Yoove durchaus üblich. In der Zwischenzeit wird die Agentur selbst finanziell in die Pflicht genommen - von Vermietern, fremden Dienstleistern und den eigenen Mitarbeitern, die Anspruch auf Löhne und Gehälter haben. "Da kann es rasch mal zu einer Liquiditätslücke kommen", sagt Paul.

Das Forderungsmanagement bindet Kräfte. Rechnungen verschicken, Zahlungseingänge verfolgen, Zahlungserinnerungen verschicken - für solche Aufgaben fehlen kleinen Unternehmen häufig die Kapazitäten. Viel lieber wollen sie für ihre Kunden da sein. Da klingt es verlockend, wenn Factoringgesellschaften anbieten, Forderungen in Liquidität umzuwandeln, indem sie sofort 80 bis 90 Prozent des Brutto-Rechnungsbetrages überweisen, abzüglich einer individuell vereinbarten Factoringgebühr. Den restlichen Anteil zahlen sie aus, sobald der Kunde die Rechnung komplett beglichen hat.

Was denken dann die Kunden? Noch immer kennen sich wenige mit Factoring aus

Das Risiko des Forderungsausfalls tragen die Factoringunternehmen. Auch wenn der Schuldner nicht zahlt, überweisen sie den Restbetrag spätestens 150 Tage nach Fälligkeit der Rechnung. Vorteil für den Verkäufer der Forderung: Er kann seine Zahlungseingänge schnell, sicher und exakt berechnen. Das erhöht seine Wettbewerbsfähigkeit. Denn er kann eigene Verbindlichkeiten schneller zurückführen und damit seine Zinsbelastung bei Banken reduzieren oder Skontierungsmöglichkeiten bei Lieferanten ausschöpfen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass viele Factoringgesellschaften fortlaufend Bonitätskontrollen der Debitoren durchführen. Sie überwachen deren Kreditlimit und stellen diese Informationen ihren Kunden zur Verfügung. Das verschafft den Unternehmen größere Sicherheit bei der Entscheidung, mit wem sie Geschäfte machen wollen.

Bei allen Vorzügen des Factoring müssen Interessenten auch einiges bedenken. Mit dem Einsatz von Factoring sind Kosten verbunden. Sie setzen sich zusammen aus der Factoringgebühr, die im unteren Skontobereich liegt, dem Factoringzins, der sich am Euribor orientiert und tagesgenau berechnet wird, sowie den Limitprüfungsgebühren. Die genauen Konditionen ermitteln die Factoringgesellschaften individuell. Unternehmen, die Factoring nutzen wollen, müssen somit abwägen, ob die dadurch erzielten Einsparungen tatsächlich über den Kosten liegen.

Noch immer herrscht im Mittelstand große Unkenntnis über Factoring. In einer Umfrage des Bundesverbandes Factoring für den Mittelstand gaben 75 Prozent der Befragten an, sie wüssten zu wenig über die Finanzierungsform, um sie für ihre Firma zu nutzen. So sind viele etwa der Meinung, Factoringkunden seien bonitätsschwach oder steckten gar in finanziellen Schwierigkeiten. Auch Agenturchef Paul hatte deshalb anfangs Bedenken, Factoring einzusetzen. "Welchen Eindruck hinterlässt es bei meinen Kunden, wenn die Rechnung plötzlich den Briefkopf eines Factoringunternehmens trägt?"

Harry Kern, Geschäftsführer und Mitgesellschafter der Firma Crefo-Factoring Berlin-Brandenburg, kennt solche Bedenken. Seit 17 Jahren betreibt er das Factoringgeschäft. "Anfangs musste ich viel Aufklärungsarbeit leisten. Factoring war erst wenig bekannt und wurde häufig mit Inkasso verwechselt. Das ist heute anders. Factoring ist ein etabliertes Finanzierungsinstrument. Aber nach wie vor sind viele Unternehmen unsicher, wie ihre Kunden darauf reagieren." Um Irritationen bei den Auftraggebern zu vermeiden, entwickelten Kern und Paul die Idee, proaktiv tätig zu werden. "Wir haben unsere Kunden vor dem Versand der ersten Rechnung informiert, warum wir diesen Schritt gehen", erläutert Paul. Negative Rückmeldungen gab es keine.

© SZ vom 06.07.2017
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