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Evonik:Da schaust du

A woman looks at goldfish through the warped wall of fish tank at Art Aquarium exhibition in Tokyo

Plexiglas im Einsatz: Der Stoff trennt Goldfische und eine Besucherin auf einer Kunstausstellung in Japan.

(Foto: REUTERS)

Der Chemiekonzern Evonik verkauft die wohl bekannteste Marke der hiesigen Kunststoffindustrie: seine Plexiglas-Sparte. Der Chef findet den Kaufpreis "bombastisch".

Von Benedikt Müller, Essen

Es steckt in Autoscheinwerfern, in Flachbildfernsehern, in Kuppeldächern: Plexiglas ist die wohl bekannteste Marke der hiesigen Kunststoffindustrie. Die Erfindung aus Südhessen ist durchsichtig wie echtes Glas, aber leichter und bricht nicht so schnell. Zunächst diente Plexiglas im Zweiten Weltkrieg, auch das gehört zu seiner Geschichte, etwa im Sichtfenster deutscher Kampfflugzeuge. Später eroberte es in einem Musikinstrument die große Bühne: im berühmten durchsichtigen Flügel des Sängers Udo Jürgens.

Jetzt wechselt die Marke Plexiglas den Besitzer - mal wieder, kann man sagen: Der Chemiekonzern Evonik verkauft sein Methacrylat-Geschäft, so heißen jene durchsichtigen Kunststoffe, für drei Milliarden Euro an den Finanzinvestor Advent International. Dies haben die Firmen nun bekanntgegeben. "Das ist bombastisch", kommentiert Evonik-Chef Christian Kullmann den Kaufpreis. Beobachter hatten der Sparte allenfalls einen Wert von 2,5 Milliarden Euro zugetraut. Doch konkurrierten zuletzt vier Bieter um die Heimat des Plexiglases. Die Entscheidung zugunsten von Advent sei am Wochenende gefallen, sagt Kullmann, bei Verhandlungen "im Schatten des Düsseldorfer Karnevals".

Die Geschichte des Plexiglases begann 1933, als der Chemiker Otto Röhm nach zwei Jahrzehnten Forschung den Kunststoff entdeckte und die Marke anmeldete. Ursprünglich wollte der Unternehmer einen durchsichtigen Gummi erfinden; hierzu soll Röhm dereinst eine Versuchsmasse zwischen zwei Platten gegossen haben. Am nächsten Tag soll er den harten und transparenten Kunststoff vorgefunden haben, der sich leicht formen und beliebig einfärben lässt. Das Plexiglas war geboren.

Jahrzehnte vergingen, bis die Darmstädter Röhm GmbH im Jahr 1989 von Hüls aus dem Ruhrgebiet übernommen wurde. Nach einer Fusion mit Degussa und einer weiteren Übernahme gehört die Marke Plexiglas seit 2007 dem Evonik-Konzern. Heute arbeiten weltweit etwa 3900 Menschen in dessen Methacrylat-Sparte.

Doch die Gewinne in diesem rohstoffgetriebenen Geschäft schwanken stark. Zuletzt war es sehr profitabel, doch die Weltwirtschaft wächst zusehends schwächer. Evonik will lieber in Spezialchemikalien investieren, die - weniger abhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - Wachstum und hohe Gewinne versprechen. "Hier liegt unsere Zukunft", sagt Kullmann. Das M-Dax-Unternehmen setzt etwa auf Kunststoffpulver, das in 3-D-Druckern zum Einsatz kommt, oder auf Zusatzstoffe für Tierfutter.

Freilich brauche so ein Konzernumbau Zeit: Wenn man ihn mit dem Bau einer Skulptur vergleiche, dann sei Evonik erst "am Kniegelenk" angelangt, sagt Kullmann. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten die Essener einen Umsatz von 15 Milliarden Euro. Unter dem Strich blieb ein Gewinn von 932 Millionen Euro. Der Konzern will seine Kosten in den nächsten Jahren senken und etwa 1000 Stellen weltweit streichen, in Verwaltung und Vertrieb.

Nichtsdestotrotz erwartet Evonik, dass Umsatz und Betriebsgewinn in diesem Jahr zurückgehen dürften. Die Weltwirtschaft wachse zwar weiter, sagt Kullmann. "Aber dieses Wachstum wird schwächer ausfallen als in den Vorjahren." Der anstehende Brexit birgt Risiken. Und wer hätte schon gedacht, dass der Präsident der USA Autos aus Deutschland einmal als Risiko für die nationale Sicherheit einstufen könnte, "also ähnlich wie Al-Qaida", fragt Kullmann rhetorisch. Nein, einen solchen Handelskonflikt habe sich niemand ausmalen können. Trotz des pessimistischen Ausblicks gewinnt die Evonik-Aktie am Dienstag zeitweise sechs Prozent an Wert.

Die Aktionäre sollen in diesem Jahr eine unveränderte Dividende von 1,15 Euro je Anteilsschein erhalten. Und das ist vor allem die RAG-Stiftung aus Essen, die gut 64 Prozent der Aktien besitzt. Denn die Ruhrkohle AG (RAG) hat ihre zukunftsträchtigen Chemiegeschäfte im Jahr 2007 als eigenständiges Unternehmen Evonik an die Börse gebracht. Mit den Dividenden bezahlt die RAG-Stiftung seit diesem Jahr die sogenannten Ewigkeitskosten des jüngst eingestellten Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet.

Und was wird nun aus den Beschäftigten der Plexiglas-Sparte, mit Fabriken in Darmstadt, Worms und Wesseling bei Köln? Auch der künftige Besitzer Advent bekenne sich zur Sozialpartnerschaft in Deutschland, sagt Evonik-Chef Kullmann. Betriebsbedingte Kündigungen seien zumindest bis 2023 ausgeschlossen.

© SZ vom 06.03.2019

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