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Europäische Zentralbank:Duisenberg tritt ab - Trichet übernimmt

Während Wim Duisenberg als oberster Währungshüter Europas durch Offenheit und Konsenswillen überzeugte, wird sein Nachfolger, Jean-Claude Trichet, mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht. Zwei Porträts.

Wim Duisenberg

Hochgewachsen mit weißem Schopf: Wim Duisenberg.

(Foto: Foto: AP)

(SZ vom 28.10.03) — Wim Duisenberg kennt sich selbst am besten. "Ich bin sehr offen, was Vorteile und Nachteile hat", sagt er. Die Nachteile spürte der scheidende Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) am deutlichsten im Jahr 2000, als ein Satz über Eingriffe am Devisenmarkt den Eurokurs und ihn selbst schwächten.

Die Vorteile genossen etwa Journalisten, zumal seine Offenheit mit Witz gepaart ist. "Ich höre sie, aber ich höre nicht auf sie", kommentierte Duisenberg Rufe nach Zinssenkungen. Vorwürfe über zu viele Stellungnahmen von Geldpolitikern konterte er mit dem Satz: "Hören Sie einfach nur auf mich."

Hochgewachsen mit weißem Schopf

Den meisten Menschen wird der hochgewachsene Mann mit dem wilden weißen Haarschopf als Symbolfigur in Erinnerung bleiben, die den Euro aus der Taufe hob. Der 68-Jährige ist sehr stolz auf die erfolgreiche Einführung der gemeinsamen Währung, auch wenn ihm für seine fünfjährige Amtszeit an der EZB-Spitze etliche Steine in den Weg gelegt wurden.

Das ging mit dem erzwungenen Versprechen los, keine acht Jahre im Amt zu bleiben, um einem Franzosen Platz zu machen, und hörte bei einer verzögerten Pensionierung auf. Duisenberg ist zwar überzeugter Europäer, aber auf seine niederländische Heimat lässt er nichts kommen. Er wurde in Friesland geboren, studierte in Groningen und war Professor für Volkswirtschaft in Amsterdam.

1973 wurde der Sozialdemokrat Finanzminister, 1977 wechselte er in die Führung der Rabobank, 1982 rückte er zum Präsidenten der niederländischen Zentralbank auf und richtete seinen Kurs strikt nach der Deutschen Bundesbank. 1996 wurde er zum Präsidenten des Vorläufer-Instituts der EZB und im Mai 1998 an die Spitze der EZB berufen.

Duisenberg hat sich Respekt erworben

Duisenbergs Talent, strittige Zusammenhänge knapp zusammenzufassen, verkürzte manche Diskussion im EZB-Rat. Sein Bestreben, alles einvernehmlich zu regeln, förderte die europäische Perspektive und das Zurückdrängen nationaler Standpunkte. Kollegen und Mitarbeiter sprechen mit Respekt von Duisenberg. Die Finanzmärkte verstanden seine Botschaft aber nicht immer und tadelten seinen geldpolitischen Kurs.

Das ließ den EZB-Präsidenten nicht kalt, aber er blieb trotzdem bei seiner Offenheit und seinem Witz. Angeln gehen will Duisenberg im Ruhestand nicht. Er hat eine Schwäche für teure Rotweine, die er in seinem Haus in Frankreich lagert.

Er überlegt, sein altes Hobby, das Fotografieren, digital neu anzugehen. Memoiren will er keine schreiben, obwohl politische Details aus der Startphase des Euro viele Zeitgenossen interessieren würden. Vor allem will der erste EZB-Präsident seinen freien Terminkalender genießen, und später das eine oder andere Mandat annehmen.

Jean-Claude Trichet

Viele Vorschusslorbeeren bekam Jean-Claude Trichet als der lange auserkorene Nachfolger Duisenbergs. Die Finanzmärkte erträumen sich einen zweiten Alan Greenspan an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB). Politiker rühmen ihn als den besten Mann für diese Position. Weggefährten bescheinigen ihm Fingerspitzengefühl, Fachleute nennen ihn prinzipientreu und loyal.

Auf jeden Fall wird Trichet, 60, einen neuen Stil in die EZB einbringen, denn vom Temperament und Naturell her unterscheidet er sich sehr von seinem Vorgänger.Die Statur Trichets ist kleiner, seine Ausdrucksweise eleganter, sein Weg nach oben war steiniger. Der Professorensohn aus der Bretagne studierte erst Bergbau, dann Politik, Ökonomie und die Kunst der Staatsverwaltung (ENA).

Überzeugter Staatsdiener

Er wurde zu einem überzeugten Staatsdiener, lehnte mehrere Posten in der freien Wirtschaft ab und lobte die Neutralität der Beamten bei wechselnden Regierungen. Trichet startete im Wirtschafts- und Finanzministerium, ging ins Schatzamt, gestaltete Industriestrukturen und Umschuldungsoperationen mit Entwicklungsländern (Pariser Club).

Zwischen 1975 und 1993 arbeitete er fünf verschiedenen Regierungen zu, setzte sich als Chef des Schatzamtes für den harten Franc und eine unabhängige Notenbank ein. Danach leitete er zehn Jahre lang die Banque de France, zog geldpolitisch mit der Bundesbank gleich und verteidigte seinen harten Kurs gegen die eigene Regierung.

Vorwurf der Bilanzvertuschung

Dennoch schlug ihn Präsident Jaques Chirac bereits 1997 zum EZB-Präsidenten vor. Trichet musste nicht nur Duisenberg den Vortritt lassen. Er sah sich zuletzt auch dem Vorwurf der Bilanzvertuschung bei der staatlichen Bank Credit Lyonnais (CL) und einem Gerichtsprozess ausgesetzt. Sein Freispruch erfolgte im Juni, und erst seit diesem Zeitpunkt ist der Weg an die EZB-Spitze für ihn frei.

Auf den Prozess und die dahinter stehenden Vorwürfe reagiert er ungehalten. Ansonsten eilt ihm der Ruf voraus, ein umgänglicher Gesprächspartner und herzlicher Gastgeber zu sein.Vor dem Europäischen Parlament hat er sich zum Stabilitätspakt, zu einer entschlossenen Stabilitätspolitik und zur Teamarbeit in der EZB bekannt.

Baudelaire-Fan Trichet

Privat zieht er sich gerne ins heimische St. Malo in der Bretagne zurück. In seinem Bücherschrank finden sich Werke von Baudelaire und die Poesie der Romantik. Er geht gerne in die Oper und hält sich mit Skilaufen und Tennis fit.

Sein erstes Enkelkind wird von dem Großvater nicht viel zu sehen bekommen. Denn auch am Wochenende bleibt wenig Zeit für Besuche in Paris. Als EZB Präsident muss sich Trichet noch mehr als bisher in Basel, Brüssel, Luxemburg, Straßburg und an internationalen Plätzen sehen lassen.