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EU-Landwirtschaft:Zuckerschock

Fast 50 Jahre war der Markt für den süßen Stoff in der EU abgeschottet. Ende September ist damit Schluss. Deutsche Rübenbauern konkurrieren dann mit Zuckerrohr-Plantagen in Brasilien. Kann das gutgehen?

Stephan Nunner parkt den grauen Pick-up am Forstweg und stapft über seinen Schlag Zuckerrüben, auf der Suche nach Schädlingen. Die Pflanzen mit den gekräuselten, ledrigen Blättern reihen sich auf dreieinhalb Hektar aneinander, darunter ragen die Rübenköpfe ein paar Zentimeter aus der Erde. "Man kann auf alles achtgeben, aber es kann ja trotzdem ein Pilz da sein", sagt der 43-Jährige. Die Wurzeln reichten schließlich zwei Meter tief in den Boden. Von überall auf dem Feld nimmt er darum Stichproben der Blätter, um sie später zu analysieren.

Nunner führt in vierter Generation den Bauernhof im oberbayerischen Kösching, einer Stadt mit 7500 Einwohnern in der Nähe von Ingolstadt. "Wenn der Herrgott vom Himmel fällt, fällt er auf Kösching", sagt er. Das soll heißen: Die Donau ist nah, der Lößlehmboden gut und so sind auch die Erträge. Und auf dem Hof wächst die fünfte Generation schon heran.

Bevor die Ernte im September beginnt, macht Nunner wöchentlich Kontrollgänge. Ein unbekannter Pilz, ein neuer Schädling, schlechtes Wetter: Vieles ist ungewiss, vieles kann schiefgehen. Er kennt das. Doch diesmal geht es um mehr: Wenn im September die "Kampagne", also die Erntesaison, beginnt und die gigantischen Rübenmäuse die Früchte aus den Äckern ziehen, wird es das erste Mal sein, dass der Preis nicht schon lange im Voraus feststeht. Am 30. September fällt die letzte landwirtschaftliche Schutzquote in der Europäischen Union, die Zuckerquote. Sie garantierte den Rübenbauern bislang feste Preise für feste Produktionsmengen. Nun wird der freie Wettbewerb den Preis bestimmen, zumindest fast.

Beim Wort "Quote" denken viele an die Milchquote. Die fiel 2015, und die Öffnung des Marktes führte zunächst zu einem Überangebot an Milch - der Preis stürzte ab. Viele Viehbetriebe mussten schließen, vor allem die kleineren, weniger effizienten. Nun ist der Milchpreis wieder hoch. Bei den Zuckerrüben wird die Anpassung weniger schwierig sein, beschwichtigen Experten. Wenn sich die Rüben nicht mehr lohnen, könnten die Landwirte einfach andere Feldfrüchte anbauen.

Zuckerrüben in Niedersachsen

Bald ist es wieder soweit: Zuckerrübenernte in Niedersachsen. Doch diesmal bestimmt der Wettbewerb den Preis.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Einerseits ja. Andererseits: Umschwenken ist nicht so leicht. Die derzeit noch knapp 30 000 deutschen Rübenbauern haben sich auf die vorhandenen Kapazitäten der Fabriken eingestellt. Aber die können sich ändern. Als 2006 die Zuckermarktordnung zum ersten Mal gelockert, die Preise gesenkt und wenig später Importe aus Entwicklungsländern in gewissem Umfang zugelassen wurden, mussten viele Zuckerfabriken in Europa schließen, Tausende Landwirte stellten den Zuckerrübenanbau ein. Wiederholt sich die Geschichte nun?

Ob die Preise stark fallen werden, darüber gehen die Meinungen auseinander. Einig sind sich alle Experten aber, dass es Schwankungen geben wird. So erwartet die EU-Kommission, dass große Unternehmen wie Südzucker - der größte Zuckerproduzent der Welt -, Nordzucker und Pfeifer&Langen in Deutschland oder Tereos in Frankreich ihre Produktion steigern - und einen Preisverfall abfangen werden. Auch das Braunschweiger Thünen-Institut, eine Forschungseinrichtung des Bundes, rechnet mit einem spürbaren Preisdruck. Der deutschen Industrie attestieren die Forscher allerdings nur eine "mittlere Wettbewerbsfähigkeit" auf dem Weltmarkt. Die Konkurrenten in Brasilien oder Indien könnten wesentlich günstiger produzieren. Anders gesagt: Einige Fabriken in Deutschland werden wohl schließen müssen.

Noch verbreiten die Betroffenen Zuversicht, sprechen von einer "neuen Ära". Die Verbände der Rübenbauern fühlen sich gewappnet für den Wettbewerb. Der Verband der Zuckerindustrie teilt mit: "Es werden sich Chancen ergeben." Bauer Nunner wird etwas konkreter. "Früher war das Planen einfacher", sagt er.

Früher. Früher hatte die Zuckerproduktion in Deutschland kaum etwas mit dem Weltmarkt zu tun. Die Bauern ernteten die Rüben, in den Fabriken wurden die Pflanzen zerkleinert, der Zucker wurde herausgelöst, eingekocht und am Schluss kristallisiert. Seit Ende der 1960er-Jahre war der Prozess streng geregelt: Die EU legte eine Produktionsmenge fest, die dann den einzelnen Unternehmen zugeteilt wurde. Diese gaben wiederum Rübenlieferrechte an Bauern weiter, dafür wurde diesen ein fester Preis garantiert. Wurde mehr produziert, als die Quote vorsah, konnte exportiert werden. Jedoch nur in Maßen: Die Welthandelsorganisation (WTO) setzte dem Export aus Europa enge Grenzen, schließlich waren ja auch Importe begrenzt. Die EU produzierte Zucker vor allem für den europäischen Markt. "Damals war der Weltmarkt nicht interessant", sagt Nunner. "Jetzt ist Druck da."

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Ist zuversichtlich: Bauer Stephan Nunner.

(Foto: BIH)

Der Zuckerpreis in der EU lag bislang fast immer über dem Weltmarktpreis, wenn auch selten so deutlich wie 2007: Damals kostete eine Tonne Weißzucker auf dem Weltmarkt 250 Euro, in der EU dagegen 650 Euro - der Landwirt erhielt etwa 50 Euro pro Tonne Rüben. In Zukunft wird sich der EU-Preis viel enger am Weltmarkt orientieren. Mitte August lag der bei etwa 370 Euro. Landwirte wie Stephan Nunner bekämen dann etwa 25 Euro pro Tonne Rüben. Komplett angleichen werden sich die Preise aber nicht, da zumindest der EU-Markt weiter durch Zölle geschützt bleibt. Zollfrei importieren dürfen nur wenige Länder. Die Abschaffung der Quoten bedeutet also nicht eine komplette Öffnung des europäischen Marktes, aber fast.

Gleichwohl bekommen es die europäischen Produzenten nun vermehrt mit den großen Exporteuren aus Indien, China und vor allem Brasilien zu tun, die auf weitläufigen Plantagen Rohrzucker produzieren, viel günstiger als in der EU. Und auch die Europäer selbst werden nun untereinander konkurrieren. Das heißt auch, dass die Betriebe effizienter werden und ihre Kosten senken müssen - sie können ihre Anlagen besser auslasten, aber auch den Preis senken, den sie für Rüben bezahlen. So wird der Druck an die Landwirte weitergereicht. Für Stephan Nunner bedeutet das vor allem: Er muss noch genauer als früher berechnen, mit welchem Aufwand er wie viele Tonnen Rüben ernten kann - und die Alternativen abwägen. "Es gibt sehr viele Punkte, an denen man ansetzen kann", sagt er. Etwa bei der Auswahl der Rübensorte: Manche sind resistenter gegen Pilze, haben aber dafür zum Beispiel einen geringeren Zuckergehalt. Oder beim Anbau: Ackert man zu früh, zerstört man unter Umständen den Untergrund - die Rüben hören dann auf zu wachsen. Ackert man überhaupt nicht, vermehren sich die Schädlinge. Kauft man Saatgut und Spritzmittel beim selben Anbieter, mag das perfekt aufeinander abgestimmt sein. "Aber dann mache ich mich wieder abhängig", erklärt Nunner. Oder bei der Anbaufläche: Weniger Fläche für Rübensorten mit höherem Ertrag? Oder mehr Fläche, um billiger produzieren zu können?

Wer Nunner zuhört, erfährt viel über Böden, Stickstoff und die Unwägbarkeiten der Natur. Er kennt die Bauernregeln, erzählt vom Regenwurm als "bestem Freund der Bauern". Aber er spricht eben auch davon, den "Ist-Betrieb zu optimieren" und von "Win-win-Situationen". In seinem Umfeld, sagt er, kenne er keinen Landwirt, der den Rübenanbau einstellen wolle. "Bei uns ist alles gut." Noch lasse sich die Produktion steigern, die Geräte seien nicht ganz ausgelastet. Doch: "Ob das so bleibt, ist die andere Frage."

Denn ein unvorhergesehener Frost im Frühjahr, einmal zu früh geackert oder zu spät geerntet, und der Ertrag ist dahin. "Es darf kein Fehler mehr passieren", sagt Nunner. Oder, verbessert er sich, jeder Fehler habe nun viel größere Auswirkungen.

Bei seinen Rüben sieht alles gut aus. Beim Kontrollgang auf dem Acker findet Nunner keine Anzeichen von gefährlichen Pilzen oder anderen Krankheiten. "Es sieht alles pumperlg'sund aus", sagt er. Eine Pflanze hat einen helleren Grünton, aber das sei wahrscheinlich genetisch bedingt, meint er. Trotzdem zupft er ein Blatt ab, um das zu Hause mit einem Nachschlagewerk abzugleichen. Sicher ist sicher.

© SZ vom 26.08.2017
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