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Energiemarkt:Die große Anpassung

Stromkonzerne erhöhen die Preise, ehe der Regulierer kommt. Aber nicht nur die hohen Netzentgelte bescheren Deutschland die höchsten Strompreise Europas.

Von Michael Bauchmüller

Noch ehe die großen Stromkonzerne die Erhöhung der Preise in Angriff nahmen, erhielten Heizstrom-Kunden des bayrischen Regionalversorgers Eon Bayern dieser Tage eine "Preisanpassung".

(Foto: Grafik: SZ)

Wegen der hohen Preise an der Leipziger Strombörse EEX ("innerhalb der letzten anderthalb Jahre um ca. 36 Prozent gestiegen") und höherer staatlicher Belastungen ("in den letzten Jahren auf 40 Prozent praktisch verdoppelt") sei die Preiserhöhung nicht mehr zu umgehen.

Die ist saftig: Der Grundpreis steigt von sechs auf sieben Euro, der teure Tagstrom von 9,76 auf 11,40 Cent je Kilowattstunde. Durchschnittliche Steigerung: sieben Prozent. "Das kostet uns 125 Euro mehr im Jahr", sagt ein verärgerter Heizstrom-Kunde.

Unterdessen schließt auch der Mutterkonzern Preiserhöhungen nicht aus. "Wenn sich die Situation bei den Beschaffungspreisen nicht ändert, können wir für 2005 eine Strompreiserhöhung nicht ausschließen", sagt ein Sprecher von Eon Energie. Auch Vattenfall prüft die Erhöhung, RWE hat sie schon zur Genehmigung angemeldet.

Und überall gesellen sich zu den realen Verteuerungen der Primärenergieträger wie Kohle und Erdgas weniger offensichtliche Mehrkosten: Trieben bislang Eon und Vattenfall den größten Aufwand für die Einspeisung der Windenergie, weil in ihren Gebieten die meisten Windräder stehen, verteilt das Erneuerbare-Energien-Gesetz neuerdings die Last auf alle vier großen Energiekonzerne.

RWE leitet daraus eine Erhöhung der Netznutzungsentgelte um 9,6 Prozent ab. Vattenfall plant mit Hinweis auf die Windenergie ebenfalls eine Erhöhung, nimmt aber nach anfänglichen Protesten von den ursprünglich angepeilten 20 Prozent etwas Abstand.

Doch die Preiserhöhung könnte noch ganz andere Gründe haben. Denn die Regulierungsbehörde, die in der ersten Jahreshälfte 2005 ihre Arbeit aufnehmen soll, wird die Netznutzungsentgelte schon bald unter die Lupe nehmen.

Als angemessen, so sieht es der Entwurf des neuen Energiewirtschaftsgesetzes vor, gilt das Durchschnittsentgelt "vergleichbarer" Netzbetreiber. Da liegt es nahe, rechtzeitig Netzentgelte zu erhöhen — und damit auch den späteren Vergleichsdurchschnitt.

Das weckt Erinnerungen an die Vorgaben der "Verbändevereinbarung", mit der die Stromwirtschaft einst die Nutzung fremder Netze regeln und dem Wettbewerb sachte Vorschub leisten wollte.

1999 legte sie einen Kalkulationsleitfaden fest, der stark auf die Investitionen in die Netze abhob. Die Folge: Die Branche erlebte einen unverhofften Bauboom — und hohe Netzentgelte.

Dahinter steht auf der Habenseite ein robustes Netz, das Deutschland bislang vor flächendeckenden Stromausfällen bewahrt hat. Auf der Sollseite dagegen stehen die höchsten Strompreise Europas, sodass sich Kritiker schon zu der Bemerkung versteigen, die Stromversorger bedrohten den Aufschwung — auch wenn der Staat, der über Zusatzlasten wie die Ökosteuer den Verbrauch drosseln und alternative Energien fördern will, sein Scherflein dazu beiträgt.

Derzeit gibt es keine Anzeichen, dass der Strompreis sinken wird. Am Terminmarkt der Leipziger EEX wird Strom für die nächsten Jahre schon jetzt zu weit höheren Preisen gehandelt (Grafik).

Doch Verbraucherschützer warnen davor, allein hohe Rohstoffpreise dafür verantwortlich zu machen. Sie rechtfertigten höchstens eine Preissteigerung von einem Prozent. "Die reine Erzeugung von Strom kostet drei bis 3,5 Cent", sagt Holger Krawinkel, Energieexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband. "Davon sind nur 1,5 Cent reine Brennstoffkosten."

Doch mangels Wettbewerb will sich der Marktpreis noch nicht recht bilden. Ursprünglich sollte der Regulierer dafür den Rahmen schaffen. Doch sein wichtigstes Instrument, die Kontrolle der Netznutzungsentgelte, könnte ad absurdum geführt werden.

Die Opposition fordert daher die Genehmigungspflicht für alle Durchleitungsentgelte. Das könnte die Preise sinken lassen, damit auch den Wechsel des Anbieters erleichtern — und Preiserhöhungen künftig erschweren.

© SZ vom 1.09.04
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