Energie der Zukunft Welt ohne Kohle

Erdgas steigt zum zweitwichtigsten Brennstoff auf, erneuerbare Energien setzen sich immer weiter durch: Eine weltweite Energiewende zeichnet sich ab. Aber sie passiert zu langsam.

Selbst ein Kohle-Beschwörer wie US-Präsident Donald Trump wird irgendwann anerkennen müssen, was in seinem Land in den vergangenen Jahren geschehen ist. Noch vor gut einem Jahrzehnt gab es Warnungen: Die Erdgasvorräte der USA würden so knapp, dass steigende Gaspreise bald das Wirtschaftswachstum bedrohten. Kurz darauf geschah genau das Gegenteil. Die Fracking-Technologie, mit der US-Konzerne seit damals die riesigen Schieferformationen tief unter der Erde aufsprengen, machte die USA wieder zum größten Erdöl- und Gasproduzenten und verdrängt die Kohle aus der Energieversorgung - mit Folgen für die gesamte Welt.

Innerhalb der kommenden Jahrzehnte wird Erdgas die Kohle als weltweit zweitwichtigsten Brennstoff nach dem Öl ablösen, zugunsten des Klimas. Die Kohlenachfrage steigt dagegen kaum noch oder geht sogar zurück. Eine globale Energiewende steht bevor. Das ist eine der wichtigsten Botschaften der Internationalen Energieagentur (IEA) in ihrem neuen Energieausblick.

Der Bericht des Pariser Thinktanks ist eine der wichtigsten Publikationen zur Zukunft der Energiemärkte und erscheint in diesem Jahr während der entscheidenden Phase der Bonner Klimaverhandlungen. Er bietet Anlass zum Optimismus. Denn während die globalen Kohlendioxid-Emissionen 2017 erstmals seit zwei Jahren wieder steigen, stehen die Energiemärkte vor einem gewaltigen Umbruch, der für einen ambitionierten Klimaschutz dringend nötig ist: Kohle wird als Energieträger zunehmend ersetzt, von Erdgas und Energie aus Sonne, Wasser und Wind.

Anders als Erdöl war das flüchtige Erdgas einst auf den Transport durch Rohre beschränkt. Schon vor dem Bau der Tausende Kilometer langen Pipelines schlossen Produzenten und Abnehmer deshalb lang laufende Verträge ab, um die enormen Investitionen zu finanzieren. Die globale Gasversorgung war deshalb noch vor wenigen Jahren regional aufgeteilt: Nordamerika, Europa und Asien hatten jeweils eigene Märkte, mit unterschiedlichen Quellen und eigenen, starren Preissystemen.

Der Ausstieg ist schleichend, aber zu langsam, um das Klima zu schützen

Der Aufstieg der Erdgas-Verflüssigung hat diese Grenzen beseitigt. Rund um den Globus sind neue Hafen-Terminals entstanden, in denen Erdgas unter hohem Druck verflüssigt und auf Spezialschiffe gepumpt wird. So wird Gas zur globalen Handelsware. Die Zahl der Länder, die sogenanntes LNG (Liquefied Natural Gas, Flüssigerdgas) importieren, stieg von 15 im Jahr 2005 auf heutzutage 40, und es werden nach und nach mehr. "Der Markt für Erdgas wird sehr viel globaler und viel stärker vernetzt, als wir es bisher kennen", sagt Tim Gould, einer der Hauptautoren des Energieausblicks. Im wahrscheinlichsten Szenario der Energieagentur verweist das Gas die Kohle bis in 20 Jahren auf Platz drei im globalen Energiemix.

Für das Weltklima sind das zunächst gute Aussichten. Gas verbrennt von allen fossilen Rohstoffen am saubersten; es führt zu etwa 40 Prozent weniger Kohlendioxid-Ausstoß als Kohle und zu etwa 20 Prozent weniger als Öl. Vor allem in der Stromversorgung und in der Industrie kann Erdgas wesentlich dazu beitragen, die Emissionen zu senken. Ein Vorbild könnte ausgerechnet das Land mit dem zweithöchsten Ausstoß an Treibhausgasen sein: Vor zehn Jahren lieferten Kohlekraftwerke noch die Hälfte des Stroms in den USA. Heute ist es weniger als ein Drittel - und zwischen 2006 und 2016 sanken die Emissionen aus dem US-Energiesektor um 15 Prozent.

Woher mit dem Strom?

Während Union, FDP und Grüne in Berlin die Klimapolitik einer möglichen Jamaika-Koalition sondieren, prescht das Umweltbundesamt mit einem Kompromissvorschlag zur Kohleverstromung hervor. Die Behörde regt an, dass Deutschland "kurzfristig" fünf Gigawatt Kapazität der ältesten und ineffizientesten Braunkohle-Kraftwerke vom Netz nehmen sollte; das entspricht etwa zehn Kraftwerksblöcken. Zudem schlägt das Umweltbundesamt ein "Strombudget" für Kohlekraftwerke vor, die älter als 20 Jahre sind. Diese Jahresleistung dürften die Meiler dann insgesamt nicht überschreiten. Andernfalls könne Deutschland seine Klimaziele nicht erreichen. Mit ihren Anregungen bleibt die Behörde, die dem bislang SPD-geführten Bundesumweltministerium unterstellt ist, hinter den Forderungen der Grünen zurück.

Deutschland produziert noch etwa 40 Prozent seines Stroms aus Kohlekraft. Die Energieversorger haben aber schon angekündigt, einige ihrer ältesten Meiler nach und nach vom Netz zu nehmen. Die Jamaika-Sondierer diskutieren noch strengere Auflagen.

Der Energiekonzern RWE warnte am Dienstag, dass ein kurzfristiger Kohleausstieg die Versorgungssicherheit in Deutschland gefährden würde. Der internationale Kraftwerkspark des Unternehmens basiert zu gut einem Viertel auf Kohle. Trotz der fortschreitenden Energiewende meldet RWE für die ersten neun Monate dieses Jahres einen Gewinn von 2,2 Milliarden Euro; allerdings profitierte der Konzern auch von einer Erstattung der Brennelemente-Steuer in Höhe von etwa 1,7 Milliarden Euro.

Das Umweltbundesamt schreibt in seinem Thesenpapier, dass Deutschland erneuerbare Energien stärker ausbauen müsste, um trotz der vorgeschlagenen Kohle-Auflagen die Stromversorgung zu sichern. Benedikt Müller

Gleichwohl warnt die IEA vor zu viel Optimismus, aus zwei wesentlichen Gründen. Erstens ist umstritten, wie viel Erdgas auf dem Weg von der Quelle zum Verbraucher verloren geht - je mehr es ist, desto schlimmer die Folgen: Methan trägt zwanzig Mal so viel zum Treibhauseffekt bei wie Kohlendioxid und hält sich länger in der Atmosphäre. Zweitens dürfte zwar langfristig die weltweite Nachfrage nach Kohle abflachen, für einen ambitionierten Klimaschutz reicht ein schleichender Kohleausstieg indes nicht aus - und noch ist die Welt viel zu abhängig von dem Brennstoff. "Die Kohlendioxid-Emissionen aus der Energieversorgung steigen bis 2040 weiter an", schreiben die IEA-Experten. "Das ist weit davon entfernt, die heftigen Folgen des Klimawandels zu vermeiden."

Um die nahe und langfristige Zukunft der Energiemärkte vorherzusagen, arbeitet die IEA mit Szenarien, die sie für unterschiedlich wahrscheinlich hält. In allen Szenarien hält sie einige Entwicklungen aber für unbestritten: Die Kosten für erneuerbare Energien sind so rapide gesunken, dass Solar- und Windenergie in vielen Ländern die günstigsten Energiequellen sind. Kein anderer Sektor wird deshalb so viel dazu beitragen, den steigenden Energiebedarf der Weltbevölkerung zu decken. Zudem geht die IEA von einer zunehmenden Elektrifizierung aus: Wurde die Energieversorgung abseits der Stromproduktion früher zum Großteil aus fossilen Brennstoffen gedeckt, wird es in Zukunft elektrische Energie sein - nicht zuletzt wegen der Verbreitung von Elektrofahrzeugen. "Elektrizität ist die aufstrebende Macht im weltweiten Endenergieverbrauch", schreibt die IEA.

Zum 40. Geburtstag des World Energy Outlooks enthält dieser eine sehr klare Botschaft: Wenn sich die Staaten der Welt nicht auf deutlich strengere Klimaschutzmaßnahmen einigen, werden viele schwerwiegende Folgen der globalen Erwärmung nicht mehr zu vermeiden sein. Donald Trump, 71, wird die aber vermutlich kaum noch erleben.