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Der Sabbat und die Technik:Stecker raus

Am Sabbat nie: Fernsehen ist gläubigen Juden am siebten Tag der Woche ebenso verboten wie viele andere technische Geräte.

(Foto: Moti Milrod/AP)

Am siebten Tag soll der Mensch ruhen - für gläubige Juden heißt das, sie dürfen nicht einmal einen Lichtschalter betätigen. Doch was ist mit Smartphones und all den anderen Gerätschaften?

Von Sara Weber

Technische Geräte sind Teil des Alltags geworden, das Smartphone ist immer dabei, abends läuft die Lieblingsserie auf dem Laptop, Bücher werden auf dem Kindle gelesen. Pausen gibt es kaum. Für gläubige Juden ist das anders: 25 Stunden in der Woche feiern sie Sabbat, und dürfen in dieser Zeit keine elektrischen Geräte benutzen. Vor einigen Jahren waren die Regeln noch einfacher zu befolgen - es gab ja viel weniger solche Geräte. Doch seit das Leben zunehmend durchdrungen ist von Technologien, smarten Geräten und Sensoren, stellt sich eine Frage immer häufiger: Was ist am Sabbat erlaubt - und was nicht?

Steven Langnas, ehemaliger Gemeinderabbiner in München und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands, erklärt die Regeln des Sabbats: "Der liebe Gott hat Himmel und Erde in sechs Tagen geschaffen, am siebten Tag hat er sich ausgeruht", sagt er. "Deshalb ist von Freitagabend bis Samstagnacht ein Ruhetag für uns, an dem wir aufhören, schöpferische Arbeit zu verrichten."

Er konkretisiert das mit einem Beispiel: Einen Stuhl zwanzig Mal hochzuheben, sei keine schöpferische Arbeit und damit nicht verboten. "Aber sogar einen Buchstaben zu schreiben, das ist nicht erlaubt, denn ein Buchstabe ist ein Gedanke, ein Bild, ein Symbol", sagt Langnas. "Und wir dürfen auch kein Feuer oder Licht oder Wärme erzeugen am Sabbat."

Das Smartphone muss also ausbleiben, genau wie der Ofen oder der Fernseher. Es ist auch nicht erlaubt, einen Lichtschalter zu bedienen. Denn wer auf einen Lichtschalter drückt, erklärt Langnas, erlaubt dem Strom, durch das Kabel zu fließen, bis er die Glühbirne erreicht. Dort werde Wärme und Licht erzeugt, das vorher nicht existiert habe. Auch Hotelzimmertüren, die nur mit einer Karte geöffnet werden können, oder Lichter, die durch einen Bewegungsmelder eingeschaltet werden, sollten vermieden werden.

Es gibt jedoch Ausnahmen: wenn Technik genutzt wird, um ein Leben zu retten, oder wenn es um Sicherheit geht. Für diese Fälle gibt es Erleichterungen, etwa spezielle Lichtschalter, bei denen sich nicht direkt der Stromkreis schließt. Der Strom beginnt, durch das Kabel zu fließen, stoppt aber auf dem Weg für einige Sekunden. "Dann warst du nicht die direkte Ursache für dieses Licht", erklärt Langnas. "Das klingt wie eine Spitzfindigkeit, aber es erlaubt uns, im Rahmen der Gesetze zu bleiben und trotzdem Behandlungen zu ermöglichen, bei denen es um Sicherheit oder Gesundheit geht."

Rabbiner, Ingenieure und Programmierer bauen Geräte, die für den Sabbat geeignet sind

Technologien wie diese werden im Zomet-Institut in der Nähe von Jerusalem entwickelt. Dort bauen Rabbiner, Ingenieure und Programmierer gemeinsam Geräte, die auch am Sabbat genutzt werden dürfen. Dazu gehört etwa eine Sabbat-Lampe, bei der die Lichtquelle verdeckt statt ausgeschaltet wird. Auch Lösungen für Krankenhäuser, Militär und Industrie werden hier entwickelt. Rabbiner Dan Marans leitet das Institut. Er hilft dabei, das jüdische Recht für das moderne Leben auszulegen.

Auf der Website des Zomet-Instituts können Fragen gestellt werden, die Antworten werden ebenfalls auf der Seite veröffentlicht. "Jeder Fall ist anders, und wir entscheiden jeden Fall danach, wer die Frage stellt und was diese Person benötigt", sagt Marans. "Wir arbeiten dafür mit Technikern zusammen, um jeden Fall wirklich im Detail zu verstehen." Das Licht einer Halogenlampe dimmen? Nicht erlaubt. Mit einem E-Reader lesen? Auch nicht.

"Ich mag es nicht, von Verboten zu sprechen", sagt Marans. "Wir können uns glücklich schätzen, dass wir einen Tag haben, an dem es um echte, reale Verbindungen geht, an dem wir miteinander reden und mit anderen Menschen in Beziehung stehen statt nur mit Maschinen."

Nicht alle Juden legen die Regeln so eng aus. Jason Miller ist ebenfalls Rabbiner. Er ist jedoch kein Anhänger des orthodoxen Judentums, sondern dessen, was sich in den USA "Conservative Judaism" nennt und in Deutschland als liberale Gemeinde bezeichnet wird. Sie wollen traditionelle Teile des Judentums wahren, solange diese mit den modernen Lebensumständen zu vereinen sind. Auch Miller feiert Sabbat, doch er legt die Regeln deutlich weniger streng aus als Langnas und Marans.

"Stell dir einen Manager vor, der die ganze Woche über viel arbeitet, ständig am Telefon ist. Und die einzige Zeit, die er zur Entspannung hat, ist der Sabbat", ist so ein Beispiel, das Miller nennt. "Früher hat dieser Manager nachmittags immer Bücher gelesen. Heute sind all seine Bücher auf seinem Kindle. Und deshalb nimmt er am Samstagnachmittag seinen Kindle heraus und liest ein Buch und verliert sich völlig darin. Meiner Meinung nach verstößt das nicht gegen den Tag der Ruhe. Es ist seine Form, sich zu entspannen."

Für Miller haben Religion und Technik schon immer eine wichtige Rolle gespielt: sein Vater schrieb Computersoftware, heute bloggt er über Technik. Während seiner Ausbildung zum Rabbiner half er Mitschülern und Lehrern mit ihren Computern und ihren Palm Pilots, den tragbaren elektronischen Terminkalendern aus den 1990ern. "Da habe ich gelernt, dass ich in beiden Welten leben kann und sie nicht voneinander getrennt sein müssen", erklärt Miller im Telefongespräch.

Maschinen erkennen längst Menschen, ohne von ihnen bedient werden zu müssen

Er findet, die Leute sollten sich nicht einfach weigern, bestimmte Technologien zuzulassen, sondern versuchen, zu verstehen, wie verschiedene von ihnen jeweils ihren Tag beeinflussen würden. "Ich denke, die beste Antwort auf Technologie an Sabbat ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen", sagt Miller. Ist etwa der Amazon Echo erlaubt? Das Mikrofon dieses sprachgesteuerten Lautsprechers ist immer eingeschaltet und mit dem Internet verbunden, auf Ansprache hin beantwortet er Fragen oder spielt Musik ab.

Miller hält das für eine Grauzone: Das Gerät muss nicht erst eingeschaltet werden, sondern es ist immer an, und es hört immer zu. Verstößt seine Nutzung damit wirklich gegen die Sabbat-Regelungen, die für Technologie aufgestellt wurden? Schließlich wird ja kein Schalter umgelegt, kein Knopf gedrückt. Und was ist mit einem smarten Thermostat, der mit Sensoren erspürt, ob Menschen in der Wohnung sind, und die Temperatur entsprechend anpasst?

Maschinen erkennen längst Menschen, ohne von ihnen bedient werden zu müssen. Was passiert also, wenn die Technologie so schlau ist, dass sie nur aufgrund deren Präsenz die Raumtemperatur steuert oder aufgrund eines einfachen Gesprächs in ihrer Nähe ergänzende Informationen liefert? Welche Regeln gelten dann? Eine Frage, die bislang noch niemand wirklich beantworten kann.

"Technologie wird nicht mehr verschwinden, und ich glaube, je weiter wir uns in Richtung Zukunft bewegen, desto schwieriger wird es für gläubige Juden, am Sabbat 25 Stunden lang gar keine Technologie zu nutzen", sagt Miller. Spannend wird es in seinen Augen in den kommenden Jahren werden, wenn künstliche Intelligenz und virtuelle Realität zunehmend in den Alltag integriert werden.

"Am Sabbat ein Buch zu lesen, ist im Prinzip auch eine Form von Augmented Reality, weil wir so in eine andere Welt eintauchen", sagt der Rabbiner Jason Miller. "Aber was passiert, wenn wir eine Oculus Rift (eine Virtual-Reality-Brille, Anm. d. Red.) aufsetzen und uns dadurch fühlen, als wären wir woanders? Es wird sehr interessant, zu sehen, wie sich das jüdische Gesetz weiterentwickeln wird mit diesen neuen Technologien."

© SZ vom 20.07.2016
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