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Der Fall Quandt:Überraschung vor Mitternacht

Warum die Dokumentation über den Fall Quandt kurzfristig ins Programm genommen wurde und dennoch viele Zuschauer erreichte

Christopher Keil

Es war ein Wochenende wie aus der Traumfabrik des Günter Struve. Seit 1992 ist Struve, 67, Programmdirektor der ARD. Im Kampf mit den Privaten hat er das Erste zu einem öffentlich-rechtlichen Privatsender ausgebaut, der seine Quoten so gerne ausstellt wie Qualität.

An diesem Sonntag schaffte die ARD beides: Quote und Qualität. Mit einer Eventprogrammierung zu den Themen DDR, Stasiunterlagengesetz und Zwangsadaption schlug Struves Strategie die Konkurrenten auf ganzer Fläche.

Erst schauten nach der Tagesschau durchschnittlich 8,35 Millionen Menschen das nach einer wahren Geschichte inszenierte Drama Die Frau vom Checkpoint Charly mit Veronica Ferres in der Hauptrolle, anschließend diskutierte Anne Will im Polittalk vor beinahe sechs Millionen über "Unrecht vergeht nicht: Der lange Schatten der DDR" - auch mit Vernica Ferres, allerdings in einer Nebenrolle als Studiogast.

Reportage zu später Stunde

Und als um 23.31 Uhr noch etwas mehr als eine Millionen Menschen verblieben waren nach dem Kulturmagazin Titel, Thesen, Temperamente, begann die Reportage Das Schweigen der Quandts.

Das Spezielle an der Sonderprogrammierung von Spielfilm und politischer Talkshow war die Wucht, mit der das Erste ein Thema besetzte, es mit einer Trailer- und Plakat-Kampagne bewarb und zweieinhalb Stunden lang aufführte.

Das Besondere an der Doku über die NS-Verstrickung der BMW-Familie Quandt war, dass sie überhaupt nicht beworben wurde - trotzdem blieben 1,29 Millionen während der 60 Minuten dran, was einem 13,5-prozentigem Marktanteil entsprach.

Herausragender Wert

Das ist für ein dokumentarisches TV-Stück um die Mitternachtszeit ein herausragender Wert. Zumal sich der Marktanteil aufgebaut hat vom Einstiegsniveau unter neun Prozent. Um so unverständlicher ist, warum eine so gute Reportage mit so relevantem Inhalt nicht mal in der Programmpresse angekündigt worden ist.

Jede viertklassige Vorabendserie mit fünfklassigen Schauspielern wird vom Gebührengeld promotet wie ein Blockbuster. Aufklärung leistete am Montag der zuständige Norddeutsche Rundfunk (NDR): "Das Erste hat den Film ins Programm genommen, nachdem das Hamburger Filmfest Das Schweigen der Quandts am Sonntag eingesetzt hatte. Deshalb sollte die Produktion am selben Abend im Ersten laufen."

Das ist eine spektakulär kuriose Erklärung. Vereinfacht ausgedrückt meinen die NDR-Manager: Weil die Doku, was eine Auszeichnung ist, auf einem Filmfest präsentiert wurde - in diesem Fall in Hamburg am Sonntag um 17 Uhr - und weil nach der Filmfestaufführung ein zeitnaher Sendetermin gesucht wurde, sei der Fall Quandt sechseinhalb Stunden später im TV bespiegelt worden.

So kurzfristig wird das Hamburger Filmfest aber nicht geplant haben, und aus der ARD-Programmdirektion in München ist zu hören, ein NDR-Mann habe vor zwei Wochen um diesen Sendeplatz gebeten.

Unternehmen Grünenthal wollte Spielfilm verhindern

Möglicherweise wollte der NDR verhindern, dass nach einer Ankündigung die Anwälte der Familie Quandt die Ausstrahlung gerichtlich stoppen lassen. Es ist schließlich noch gut in Erinnerung, dass das Unternehmen Grünenthal einen Spielfilm über den Conterganskandals verhindern wollte.

Nein, das Filmfest sei der Grund, sagt Thomas Schreiber, beim NDR verantwortlich für Unterhaltung, Film und Serien. Es sei ja nicht so, dass die Quandts nicht wussten, dass da eine Dokumentation entstehe. Die Quandts, immerhin, haben es gewusst.

© SZ vom 01.10.2007
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