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Datenerfassung:Mühen der Ebene

Die fahrenden Augen der Kartendienstleister machen Fotos und erfassen mit Radarsystemen die Umgebung in drei Dimensionen.

(Foto: oh)

Die Erfassung von Daten für digitale Navi-Dienste ist ein schwieriges und arbeitsintensives Geschäft. Es ist nicht damit getan, die Straßen abzufahren.

Den Weg zur Arbeit? Fährt man doch fast schon blind. Und der tägliche Stau? Ist halt unvermeidlich. Er lässt sich auch nicht wegzaubern, indem man misst, wann und wo es sich staut, doch manchmal - nicht immer - hilft es tatsächlich, eine Alternativroute zu nehmen. Doch wie erfährt man davon? Die Durchsagen im Radio erwähnen schließlich nur die großen Straßen. Das Navi mit seinen - meist schon etwas angestaubten - Karten hilft auch nur begrenzt weiter, auch wenn sich 80 Prozent aller Verkehrsströme mit historischen Daten vorhersagen lassen, wie Jussi Koski vom Kartendienst Nokia Here sagt. Die Lösung: Vernetzung. Das Navigationsgerät ist mit dem Internet verbunden und erhält für die jeweilige Route aktuelle Verkehrsdaten. Auf Wunsch schlägt das Gerät dann eine alternative Route vor.

Damit das funktioniert, muss ein ungeheurer Aufwand getrieben werden. Wie groß der ist, lässt sich allein schon daran erkennen, dass weltweit nur noch drei Firmen in größerem Maßstab digitale Kartendienste betreiben: Google, Nokia Here und Tomtom. Dazu kommt noch das Projekt Open Street Map, bei dem die Daten von Freiwilligen zusammengetragen werden. Schon das Erfassen einer Straße ist erheblich aufwendiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die Firmen fahren die Straßen mit speziellen Autos ab, die die gesamte Umgebung fotografieren und dazu auch noch mit einem eigens dafür entwickelten Radarsystem abtasten und so dreidimensionale Informationen erhalten. Zahlreiche Daten werden erfasst, zum Beispiel Steigungen, Kurvenradien, Durchfahrtshöhen bei Brücken und vieles andere mehr.

Sie müssen aber auch mit den örtlichen Behörden sprechen, Satellitenbilder auswerten und auch ihren Datenfundus. Melden zum Beispiel viele Autos, dass sie an einer Stelle, an der keine Straße eingezeichnet ist, mit 100 Stundenkilometern unterwegs sind, ist anzunehmen, dass dort inzwischen eine Straße gebaut wurde. Die Firmen schicken dann einen Mitarbeiter, manchmal auch einen freiwilligen Helfer dorthin, um die Sache zu überprüfen.

Noch erheblich mehr Komplexität kommt ins Spiel, wenn es gilt, Daten aus verschiedenen Quellen einfließen zu lassen und dann sinnvoll zu interpretieren - die entsprechenden Algorithmen sind daher ein gut gehütetes Betriebsgeheimnis. Nokia Here gibt an, dass Daten aus mehr als 80 000 verschiedenen Quellen verarbeitet werden. Da sich diese ständig ändern, müssen auch die einmal erfassten Daten aktuell gehalten werden, zum Beispiel, um eine neu eingeführte Einbahnstraßen-Regelung zu berücksichtigen.

Die wichtigste Datenquelle sind mittlerweile vernetzte Navigationssysteme und Systeme zum Flottenmanagement. Damit kann beispielsweise eine Spedition ständig im Blick haben, wo sich ihre Fahrzeuge gerade befinden. Diese Daten werden aber auch an die Kartendienstleister weitergereicht. Zusätzlich nutzen die Kartenfirmen die anonymisierten Bewegungsdaten von Handys. Ein Handy muss in regelmäßigen Abständen mit dem Funknetz kommunizieren, damit der Netzbetreiber weiß, an welchen Funkmasten er ein Gespräch oder eine SMS weiterleiten soll. Verfolgt man nun, wie sich ein Mobiltelefon von Funkzelle zu Funkzelle bewegt, lassen sich daraus grob Geschwindigkeiten berechnen. So können Google und Co. auf ihren Diensten angeben, auf welcher Straße gerade flüssiger oder zäh fließender Verkehr herrscht oder ob es sich gar länger staut.

So wie man Straßen auf digitalen Karten einfärben kann, weil es dort Staus gibt, lassen sich auch ganz andere Daten damit verknüpfen. Viele Kunden der Kartenanbieter nutzen das inzwischen und bauen darauf über entsprechende Schnittstellen eigene Dienste auf. Diese können nur zur firmeninternen Nutzung gedacht sein, manchmal stehen sie aber auch den Kunden zur Verfügung. So nutzt beispielsweise das südamerikanische Unternehmen Easy Taxi die Daten für eine App, mit der die Taxikunden sehen können, wie lange es dauert, bis der bestellte Wagen um die Ecke biegt.

Und im spanischen Sevilla wollte ein Mobilfunkanbieter sein Angebot an Shops optimieren. Er ließ sich auf einer Karte anzeigen, wo die Kunden Sim-Karten in Betrieb nehmen und in welcher Sprache. Für die wichtigsten würde man dann Informationen in dieser Sprache bereitstellen.

© SZ vom 20.05.2015
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