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DaimlerChrysler:Freudig ersehnte Spaltung

Die mögliche Trennung verleiht nach Ansicht vieler Analysten dem DaimlerChrysler-Papier neue Phantasie.

Sage noch einer, Bankanalysten seien humorlose Erbsenzähler. "Die fünfte Jahreszeit steuert langsam ihrem Höhepunkt entgegen, und fast muss man sich fragen, ob das närrische Treiben mittlerweile nicht auch die Börsianer erfasst hat. Denn beim Anblick von Dax und Co. kann man langsam das Gefühl bekommen, dass die Feierlaune an der Börse doch bald in einem ausgeprägten Kater enden muss." So sehen jedenfalls die Spezialisten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) die derzeitige Stimmungslage an den Börsen.

Die Analysten weisen darauf hin, dass vor allem die DaimlerChrysler-Aktie (Börsenkürzel: DCX) gehörig zum närrischen Trubel beigetragen hat. Am Weiberfastnachts-Donnerstag, dem Tag nach dem Befreiungsschlag in Detroit, wurden allein in der ersten Stunde nach Börsenöffnung so viele DCX-Aktien gehandelt wie sonst nicht an einem Tag; der Kurs stieg um mehr als sechs Prozent. Der Titel war bereits am Mittwoch um beinahe fünf Prozent geklettert.

"Was der Markt will"

Am Freitag ging es dann wieder leicht abwärts, was aber nichts mit Katerstimmung, sondern mit Gewinnmitnahmen der enthusiasmierten Anleger zu tun hatte. Deren gute Laune stieg stündlich, seit Konzernchef Dieter Zetsche am Valentinstag in Detroit im Umgang mit der Tochter Chrysler gesagt hatte: "Wir halten uns alle Optionen offen." Also auch eine Abspaltung der ewigen Krisentochter Chrysler. Solche Aussichten sind es, die Börsianer zu den schönsten Phantasien anregen und ihre Träume von hohen Renditen nähren.

Für die Anleger, die radikale Schritte lieben, ist die Trennung Daimlers von Chrysler schon ausgemachte Sache, auch wenn diese letzte Option Experten zufolge erst in drei Jahren anstehen kann, also nach der beschlossenen Sanierung der amerikanischen Defizittochter. "Allein die Spekulation, dass Chrysler verkauft werden könnte, treibt den Kurs nach oben", kommentiert Aktienexperte Mirko Pillep von Helaba Trust. "Das ist es, was der Markt will." Hätte Zetsche am Mittwoch explizit die Scheidung der 1998 geschlossenen Firmenehe verkündet, wäre der Aktienkurs wohl bis in die Ionosphäre hochgeschnellt.

So aber hat die Daimler-Aktie in den vergangenen Tagen eine Art zweiten "Schrempp-Effekt" erfahren, also einen ähnlichen Kursaufschwung wie im Sommer 2005, als der Konzern den Rückzug des zuletzt ziemlich glücklos agierenden Vorstandsvorsitzenden ankündigte. Auch die Bankanalysten zeigten sich fürs Erste zufrieden, passten ihre Kursziele für das DaimlerChrysler-Papier scharenweise nach oben an und empfehlen es mehrheitlich zum Kauf. "Wir halten DaimlerChrysler nach wie vor für einen der attraktivsten Automobilwerte und belassen das Anlageurteil bei 'Kaufen'", fasst etwa Frank Schwope von der NordLB stellvertretend für die meisten seiner Kollegen die Einschätzung auf den Finanzmärkten zusammen.

Fast untergegangen angesichts des Börsentrubels um die Chrysler-Zukunft wäre nämlich die Geschäftsbilanz, die der Konzern vorlegte. Die Zahlen fielen trotz des Chrysler-Verlusts von 1,5 Milliarden Euro besser aus als befürchtet, dank der guten Ergebnisse der Mercedes Car Group, der Lkw-Sparte und der Finanzdienstleistungen kletterte das Konzernergebnis um 14 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro. Mit ein Grund, warum die LBBW-Analysten "hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Konzerns insgesamt zuversichtlich gestimmt" sind.

Prognose fehlt

Besonders optimistisch beurteilen die Experten der Deutschen Bank das Potential der Aktie und hoben das Kursziel von 52 auf 73 Euro - ebenfalls mit Blick auf die unerwartet gut ausgefallene Bilanz. Die US-Investmentbank J. P. Morgan hat das Kursziel für die Aktie von 55 Euro auf 62 Euro angehoben, beließ die Einstufung aber auf "Übergewichten". Die Schweizer Großbank UBS hob das Kursziel von 45 auf 53 Euro an und bestätigte die Einschätzung mit "Neutral".

Die Credit Suisse gibt ebenfalls nicht allzu viel auf eine schnelle Trennung von Chrysler und wähnt den Verlustbringer in den USA noch lange an Daimler gekettet. Auch mäkeln die Schweizer Banker über den fehlenden Ausblick des Unternehmens für 2007 und räumen dem "Underperformer" ein Kursziel von gerade mal 38 Euro ein.

Aber auch für die DCX-Aktie gilt der Faschingsrat des LBBW-Banker: "Die eigentlichen Narren sind jene, die sich jetzt vom Aktienmarkt verabschieden."