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Chronik:Geschichte eines Zerfalls

Jahrelang war alles gut gegangen. Was dem Medienmann nun von seinem Imperium bleibt, ist ein Beraterposten.

Zusammengestellt von Violetta Simon

Aus dem Nichts hatte Leo Kirch ein Fernsehreich geformt, ARD und ZDF verließen sich auf seine Verträge mit Hollywood und orderten Filme bei ihm.

Die aufgeführten Ereignisse sind zum Teil mit Links versehen, die zu entsprechenden Archivtexten führen.

Jetzt, 48 Jahre nach Gründung des Unternehmens, bleibt dem Medienmogul vielleicht nur noch ein repräsentativer Posten als Berater in seiner Stiftung.

Die Geschäfte bei Kirch werden nun andere erledigen. Vermutlich sind es ausländische Unternehmer wie Murdoch, Berlusconi und die Hollywood-Studios, denen der Münchner Medienhändler in den vergangenen Jahren immer mehr Territorium überlassen hat (Siehe dazu: "Untergang eines Fernsehreichs").

CHRONIK

1956: Leo Kirch kauft mit geliehenem Geld die Deutschland-Rechte für Federico Fellinis "La Strada". In den folgenden Jahren erwirbt er Filme in den USA, synchronisiert sie und verkauft sie an ARD und ZDF.

1985: Kirch ist wichtigster Geldgeber bei Sat1, Deutschlands erstem privaten Fernsehsender.

1989: Kirch verkauft Otto Beisheim ein Filmpaket für 550 Millionen Mark, das er einige Zeit darauf für 1,5 Milliarden Mark zurückkauft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt später erfolglos wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung.

90er-Jahre: Expansion ins Ausland - Kirch kauft sich beim italienischen Sender Telepiu sowie in Spanien bei Telecinco ein.

1993: Kirch stockt seinen Anteil am Axel Springer Verlag auf 35 Prozent auf.

1997: Kirch bringt die Pro Sieben AG an die Börse.

Juni 1997: Durch Presseberichte wird bekannt, dass der Konzern von Leo Kirch bei zehn deutschen Banken insgesamt über drei Milliarden Mark Schulden hat. Jährlicher Zinsaufwand zu diesem Zeitpunkt: 200 Millionen Mark.

März 2000: Kirch kündigt an, spätestens Anfang 2003 die Gewinnzone bei Premiere zu erreichen.

April 2000: Rupert Murdoch übernimmt 22 Prozent an Premiere für 2,9 Milliarden Mark - unter der Bedingung, dass er im Herbst 2002 seine Kapitaleinlage (plus Zinsen) zurück bekommt oder die Mehrheit an Premiere, wenn der Sender seine Ziele verfehlt. Die Zahl der Premiere-Abonnenten soll bis Ende 2000 auf 2,9 Millionen, bis 2002 auf vier Millionen erhöht werden.

August 2000: Kirch-Manager Dieter Hahn kündigt den Börsengang von Kirch Media für 2001 an.

Sommer 2000: Im Zuge der Fusion von Pro Sieben und Sat 1 zur ProSiebenSat.1 Media AG willigt Kirch in eine Put-Option ein: Der Springer-Verlag kann seine 11,5 Prozent am TV-Konzern für 1,6 Milliarden Mark an Kirch verkaufen. Stichtag: 31. Januar 2002.

September 2000: Prinz Al Walid steigt mit 3,1 Prozent (Kaufpreis: 347 Millionen Mark), der US-Investmentfonds Capital Research mit 2,7 Prozent (450 Millionen), Lehman Brothers mit 2,4 Prozent (400 Millionen) bei dem Bezahlsender Premiere ein.

4. Dezember 2000: Die Kirch-Gruppe verkündet den Einstieg bei dem angeschlagenen Filmrechtehändler EM.TV . Über eine Kapitalerhöhung soll Kirch 16,74 Prozent der Aktien übernehmen. Für einen Anteil an der Formel 1 schießt Kirch EM.TV eine Summe in Milliardenhöhe zu.

31. Dezember 2000: Premiere verfehlt das Ziel von 2,9 Millionen Abonnenten. In der Geschäftsführung findet ein Wechsel statt.

15. März 2001: Leo Kirch kündigt an, er wolle die Mehrheit an der Formel 1 für rund 1,6 Milliarden Euro übernehmen. Finanziert wird das Geschäft unter anderem von der Bayerischen Landesbank.

Juli 2001: Den Kirch-Anteilseignern wird ein Börsengang bis 2003 zugesichert.

September 2001: Die Premiere-Abonnentenzahl stagniert bei 2,4 Millionen. Ein weiterer Wechsel in der Geschäftsführung wird vollzogen.Kirch Media kündigt eine Fusion mit der ProSiebenSat.1 Media AG an: Die Vorzugsaktie bricht um 16 Prozent ein.

November 2001: Kirch und Liberty Media-Chef John Malone verhandeln über eine Zusammenarbeit bei Premiere, kommen aber zu keiner Einigung.

7. Dezember 2001: Erste Spekulationen über eine feindliche Übernahme der Kirch-Gruppe durch den Medienmogul Rupert Murdoch verunsichern die deutsche Medienbranche. Die Kirch-Gruppe dementiert die Berichte und erklärt, sie entbehrten jeder Grundlage (Siehe dazu "Murdoch will Kirch offenbar erledigen").

11. Dezember 2001: Auch Murdochs Medienkonzern News Corp bestreitet ein Interesse an einer feindlichen Übernahme der Kirch-Gruppe.

11. Dezember 2001: Die Dresdner Bank fordert einen Kredit über 460 Millionen Euro von Kirch binnen zwei Wochen zurück. Drei Tage später verlängert sie den Kredit bis zum 15. Januar.

21. Dezember 2001: Kirch-Vize Dieter Hahn beziffert im Interview mit Reuters erstmals die Schulden der Gruppe mit bis zu 6,1 Milliarden Euro.Kirch verkauft 1,3 Prozent am italienischen Medienkonzern Mediaset für 120 Millionen Euro.

Januar 2002: Die Dresdner Bank verlängert ihren Kredit ein weiteres Mal, jedoch nur bis April 2002.

16. Januar 2002: Der frühere ProSieben-Vorsitzende Georg Kofler wird überraschend neuer Chef des defizitären Bezahlfernsehens Premiere World.

30. Januar 2002: Der Axel Springer Verlag fordert für seine Beteiligung an der ProSiebenSAT.1 rund 770 Millionen Euro von der KirchGruppe zurück. Die Forderung löst die akute Finanzkrise der KirchGruppe aus. Kirch erklärt die Verkaufsoption für unwirksam.

4. Februar 2002: Deutsche Bank-Chef Rolf Breuer stellt öffentlich die Kreditwürdigkeit der KirchGruppe in Frage und treibt Leo Kirch damit noch mehr in die Enge.

8. Februar 2002: Murdochs Konzern News Corp schreibt die Beteiligung auf seinen Anteil am Bezahlsender Premiere im Wert von 1,6 Milliarden Euro ab. Er will sich nach eigenen Angaben nicht mehr weiter bei der KirchGruppe engagieren und seine Investitionen in Premiere im Herbst zurückfordern.

11. Februar 2002: HypoVereinsbank-Chef Albrecht Schmidt eilt Leo Kirch zur Hilfe und bietet ihm 1,1 Milliarden Euro für seine Springer- Beteiligung an. Damit verschafft er Kirch für einige Wochen wieder finanziell Luft (Siehe dazu das Portrait "Chef der HypoVereinsbank und Retter Leo Kirchs").

13. Februar 2002: Ein Kirch-Sprecher bestätigt Gespräche mit Berlusconis Mediaset über den Verkauf von Anteilen am spanischen TV-Sender Telecinco. Unterdessen sichert Rewe-Chef Hans Reischl, dessen Unternehmen rund sechs Prozent an Kirch Media hält, Kirch seine Unterstützung zu.

14. Februar 2002: Deutsche Großbanken verhandeln über die Rettung Kirchs. Fünf Institute sind unter Führung der HypoVereinsbank nach Angaben aus Kreisen zu Gesprächen bereit. Die Deutsche Bank indes will sich nicht beteiligen (Siehe dazu "Kirch droht weiteres Finanzloch").

23. Februar 2002: Leo Kirch äußert sich in einem Spiegel-Interview erstmals in der akuten Krise selbst zu Wort. Über eine Übernahme durch Murdoch sagt er: "Dann frisst er mich eben. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Die Knochen wird auch Murdoch mir schon lassen". Kirch-Vize Dieter Hahn macht mit monatelangen Spekulationen über den genauen Schuldenstand der KirchGruppe Schluss. Es seien 6,5 Milliarden Euro.

25. Februar 2002: Kirch engagiert drei Sanierungsexperten, darunter den Düsseldorfer Insolvenz-Spezialisten Wolfgang van Betteray. Unterstützt wird van Betteray durch den Unternehmensberater Hans-Joachim Ziems und den Anwalt Klaus Hubert Görg (Siehe dazu "Die Sanierer").

20. März 2002: Premiere gibt den Abbau von mindestens 800 der 2400 Arbeitsplätze bekannt. 2001 erzielte der Sender vor Steuern und Zinsen einen Verlust von 989 Millionen Euro. Zugleich sagen die KirchMedia und der TV-Konzern ProSiebenSAT.1 ihre Fusion ab.

24. März 2002: Die Rettungsbemühungen für die KirchGruppe treten in die entscheidende Phase. Die Banken bieten dem Medienkonzern weitere 600 bis 800 Millionen Euro zur Überwindung seiner Finanzkrise an. Im Gegenzug wollen die Banken sich an dem Kerngeschäft der Gruppe, der KirchMedia, beteiligen (Siehe dazu "600 Millionen Euro für Kirch").

25. März 2002: Leo Kirch ist offensichtlich zum Rückzug aus seinem Kerngeschäft bereit. In einem Krisen-Gespräch mit Banken und Kirch-Managern melden auch die Investoren rund um die Medienkonzerne von Murdoch und Silvio Berlusconi ihr Interesse an der KirchMedia an. Die Banken stimmen grundsätzlich zu (Siehe dazu "Murdoch und Berlusconi vor Kirch-Übernahme!").

26. März 2002: Leo Kirch fordert für seinen Rückzug eine Beteiligung an den Erlösen aus dem Verkauf der Fußball-WM-Rechte (Siehe dazu "Kirch will noch an Fußball-WM verdienen").

27. März 2002: Die Banken streiten sich mit den Investoren um einen dringend notwendigen Überbrückungskredit für die KirchGruppe. Die Banken wollen nur dann 200 Millionen Euro zahlen, wenn sich die Investoren daran beteiligen.

28. März 2002: Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) meldet Bedenken gegen einen Einstieg von Berlusconi auf dem deutschen Medienmarkt an (Siehe dazu "Schröder zieht nationale Lösung vor " und "Clement will Berlusconi verhindern).

3. April 2002: Die Verhandlungen zwischen Gläubigerbanken und Investoren stecken fest. Die KirchGruppe zieht angeblich einen Insolvenzantrag für ihr Kerngeschäft in Erwägung (Siehe dazu "Bitte keine Blutspur!").

5. April 2002: Auch ein weiterer Anlauf in den Krisen-Gesprächen in München und Los Angeles bleibt ohne Erfolg. Die Banken sehen so gut wie keine Chancen mehr für eine Rettung und bereiten eine Nachfolgegesellschaft vor (Siehe dazu "Auffanglösung für Kirch geplant" sowie "Letzte Schachzüge" und "Kirch erwägt offenbar Insolvenzantrag).

8. April 2002: Die Kirch-Gruppe reicht beim Amtsgericht München wegen Zahlungsunfähigkeit den lange erwarteten Insolvenzantrag für die KirchMedia GmbH & CO KGAA ein (Siehe dazu "Kirchs Abschiedsbrief im Wortlaut").KirchMedia hat derzeit 1,4 Milliarden Euro Schulden und 500 Millionen Euro Verpflichtungen an amerikanische Film- und Medien-Konzerne. Die Geschäftsführung wird von Hans-Joachim Ziems und Wolfgang van Betteray übernommen.

24. April 2002: Der Aufsichtsrat der KirchMedia GmbH&Co KGaA tritt in München zusammen. Die Minderheitsaktionäre hatten bereits am 19. April in einem Brief an Jaffé und den neu eingesetzten Kirch-Geschäftsführer Wolfgang van Betteray ein älteres "Memorandum of Understanding" erneuert, in dem sie ihre Bedingungen für eine Rettung des Kirch-Kerngeschäftes nennen (Siehe dazu "Ehemalige Kirch-Partner legen neue Rettungspläne vor").

26. April 2002: Es wird bekannt, dass Leo Kirch einen millionschweren Beratervertrag von der neuen Geschäftsführung erhalten soll.

30. April 2002: Die Commerzbank wird von der Kirch-Gruppe mit dem Verkauf der 40-Prozent-Beteiligung am Axel Springer Verlag beauftragt (Siehe dazu "Leo Kirch verkauft Springer-Anteil").

3. Mai 2002: Die Altgesellschafter um Silvio Berlusconi und Rupert Murdoch werfen den neuen Chefs vor, eine Rettung des Konzerns vor der Insolvenz zu behindern (Siehe dazu "Alteigner attackieren neue Chefs").

4. Mai 2002: Leo Kirch verklagt den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, auf Schadensersatz. Er beschuldigt den Banker, durch eine Aussage in Bezug auf Kirchs Kreditwürdigkeit gegenüber dem amerikanischen Fernsehsender BloombergTV die Insolvenz der Kirch Media KGaA ausgelöst zu haben. (Siehe dazu "Kirch legt Zivilklage nach").

8. Mai 2002: Auch KirchPayTV, die Muttergesellschaft des Abo-Senders Premiere, stellt beim Amtsgericht München einen Insolvenzantrag (Siehe dazu "Kirch PayTV vor der Insolvenz ").

14. Mai 2002: Die angeschlagene KirchGruppe verkauft ihre Beteiligung an Bernd Eichingers Filmfirma Constantin an die Highlight Communications (Siehe dazu "Kirch und Constantin trennen sich").

Mai 2002: Der endgültige Zerfall des Kirch-Konzerns ist nur noch eine Frage der Zeit. Auch die Taurus Holding, die Dachgesellschaft des Medienhändlers Leo Kirch, bleibt stark gefährdet (Siehe dazu "Vorerst keine Insolvenz der Kirch-Holding").

12. Juni 2002: Mit der TaurusHolding und der KirchBeteiligung beantragen die letzten Säulen des angeschlagenen Konzerns Insolvenz. Das Kirch-Imperium ist endgültig pleite (Siehe dazu "Kirch endgültig pleite").

14. Juni 2002: Das Insolvenzverfahren für KirchMedia wird eröffnet. Damit beginnt im Bieter-Wettkampf um die KirchMedia die heiße Phase. Das Essener Verlagshaus WAZ, die Commerzbank und Columbia unterzeichnen eine Absichtserklärung: Das WAZ-Konsortium soll 1,8 Milliarden für KirchMedia bieten Siehe dazu "WAZ-Konsortium erzielt Einigung".

18. Juni 2002: Die WAZ-Gruppe hat es sich offenbar anders überlegt und steigt wieder aus dem Konsortium aus Siehe dazu "WAZ steigt aus Kirch-Poker aus".

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